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Nach einer gefühlt nahezu unendlichen Entwicklungs- und Vorbereitungszeit erfolgte in den frühen Morgenstunden des 2. April (mitteleuropäischer Zeit) der erste bemannte Start des Artemis-Programms. Die Mission begann an der Startanlage 39B des Kennedy Space Centers. Damit sind mehr als 54 Jahre seit der Wasserung von Apollo 17 vergangen, die das Ende des Apollo-Mondprogramms und das vorläufige Ende der bemannten Mondflüge markierte.

Die Mission ist hoch ambitioniert und gering ambitioniert zugleich. Vom Flugprofil her ist der Einsatz noch am ehesten mit dem unfreiwilligen Missionsablauf von Apollo 13 zu vergleichen, als deren Crew nach einer Explosion im Geräteteil ihres Raumschiffs Odyssey nur in einer Schleife um den Mond herumfliegen, aber nicht in eine Umlaufbahn eintreten konnte. Von der geplanten Landung ganz zu schweigen. Dennoch: es ist ein neuer Aufbruch zum Erdtrabanten.

Der Start erfolgte um 0:35 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Eine Minute und zehn Sekunden nach dem Liftoff war „Max-Q“ erreicht, der Zeitpunkt der maximalen dynamischen Belastung von Rakete und Raumschiff. Nach zwei Minuten und sieben Sekunden waren die beiden Booster ausgebrannt und wurden abgetrennt. Fünf Minuten und 20 Sekunden nach T-0 wurde auch das Startrettungssystem von der Orion getrennt.

Der Brennschluss der vier Hauptstufentriebwerke erfolgte bei T+8:03 Minuten, sieben Sekunden später trennt sich die ICPS (Interim Cryogenic Propulsion Stage = Zweite Stufe des SLS) mit dem Orion-Raumschiff an der Spitze vom SLS-Booster. Damit war eine suborbitale Bahn erreicht, auf der die Zentralstufe nach einer halben Erdumkreisung über dem indischen Ozean wieder in die Erdatmosphäre eintrat.

Nach dem Erreichen des Apogäums der Bahnellipse zündete das Triebwerk des ICPS für 34 Sekunden. Weitere neun Minuten und 20 Sekunden später wurden die Solargeneratoren des European Service Modules entfaltet. Zwei Drittel einer Erdumkreisung später, bei 57 Minuten und 32 Sekunden nach dem Liftoff, begann die zweite Brennphase des ICPS, die dieses Mal etwa zehn Minuten dauerte. Danach war eine stark elliptische 24-Stunden-Umlaufbahn mit einem Perigäum von 185 Kilometern, einem Apogäum von über 70.000 Kilometern erreicht. Eine Stunde und 13 Minuten nach dem Verlassen der Startrampe 39B trennte sich die Orion von der ICPS.  

Bei der Rückkehr zum niedrigsten Bahnpunkt über der Erdoberfläche, um 1:49 Uhr mitteleuropäischer Zeit am 3. April, wurde das Triebwerk des Europäischen Service-Moduls für fünf Minuten und 50 Sekunden gezündet. Dieses Manöver heißt Trans Lunar Injection (oder kurz: TLI) und ergab einen Geschwindigkeitszuwachs von 388 Metern pro Sekunde, genug, um das Apogäum danach auf eine Höhe von 405.000 Kilometer zu bringen. In dieser Erdentfernung wird die Orion nun in wenigen Tagen dem Mond begegnen.

Die NASA stellte die Artemis II-Crew bereits am 3. April 2023 vor. Kommandant ist Reid Wiseman, der bislang einen einzelnen Flug absolviert hat, als er 2014 als Bordingenieur Mitglied der ISS-Crew 40/41 war. Dabei verbrachte er 165 Tage im Orbit. Er war danach mehrere Jahre Chef des Astronautenbüros. Das ist eine Managementposition, bei der man nicht für einen weiteren Flug nominiert werden darf. Von diesem Posten trat Wiseman im November 2022 zurück und war somit wieder für einen Raumflug wählbar. Wiseman ist 50 Jahre alt.

Als Pilot fungiert Victor Glover. Auch er hat einen vorausgegangenen Raumflug absolviert, als Mitglied der ISS-Expeditionen 64 und 65, und verbrachte dabei 167 Tage im Orbit. Er wird zum Zeitpunkt seines Fluges 49 Jahre alt sein.

Bordingenieurin Christine Koch hat die größte Raumflugerfahrung. Allerdings auch sie nur aus einer einzelnen Mission. Immerhin hat sie als Mitglied der Expeditionen 59/60/61 insgesamt 329 Tage im Orbit verbracht. Sie ist zum Zeitpunkt des Artemis II-Fluges 47 Jahre alt.

Nummer vier an Bord ist der Kanadier Jeremy Hansen.  Er ist – mit 50 Jahren – Weltraum-Neuling.

Alles in allem ist das eine Crew mit erstaunlich geringer Raumflugerfahrung was die Anzahl der absolvierten Missionen betriff, aber ein „perfect fit“ für die gesellschaftspolitischen Vorgaben, denen die NASA während der Biden-Regierung ausgesetzt war: Ein NASA-Karriereastronaut, der bereits einen Management-Posten innehatte (und mit den Medien umzugehen weiß), ein Afro-Amerikaner, eine Frau und ein Vertreter für die Mitglieder des Artemis-Accord, dem inzwischen 60 Länder beigetreten sind.

Das Orion-Raumschiff trägt den Namen Integrity. Der wurde von der Crew ebenfalls auf Grundlage der oben erwähnten politischen Vorgaben ausgewählt und am 25. September 2025 bei einer Pressekonferenz bekannt gegeben.

Von allen Kapselsystemen in der Geschichte der bemannten Raumfahrt ist Orion das mit dem größten nutzbaren Volumen. Es sind fast 20 Kubikmeter. Davon geht aber der größere Teil für Stauräume drauf, zum Beispiel für die Raumanzüge, für Vorratsbehälter, für Ausrüstungsgegenstände und, tatsächlich, für eine winzige Toilette mit eigener Tür, um an dieser nicht unbedeutenden Stelle ein wenig Privatsphäre herzustellen. Der Raum, in dem sich die vierköpfige Crew während ihrer zehntägigen Reise frei bewegen kann und arbeiten muss hat ein Volumen von lediglich neun Kubikmetern. Bei Apollo waren es sechs Kubikmeter an freiem Volumen, seinerzeit aber für nur drei Besatzungsmitglieder.

Mit dabei sind auch vier jeweils etwa 20 Kilogramm schwere CubeSats, die bereits im Spätherbst 2025 integriert wurden. Sie wurden an den Orion Stage Adapter (OSA) montiert, einer konusartigen Struktur, welche die zweite Stufe der SLS-Trägerrakete mit dem Orion-Raumschiff verbindet. Diese Stufe trägt die Bezeichnung ICPS, was für Interim Cryogenic Propulsion Stage steht. Bei der Artemis I – Mission waren insgesamt zehn CubeSats an Bord, die aber erst nach dem Einschuss in die lunare Transferbahn freigegeben wurden. Bei Artemis II wurden die Kleinsatelliten im elliptischen Übergangs-Erdorbit abgesetzt und etwa 90 Minuten nach dem Liftoff abgesetzt. Bei den vier Einheiten handelt es sich um…

  • TACHELES, den die Berliner Firma NEUROSPACE für das DLR gebaut hat. Der Kleinsatellit untersucht den Einfluss der Weltraumbedingungen auf elektrische Komponenten für Mondfahrzeuge.
  • Space Weather CubeSat-1 von der Saudi-Arabischen Raumfahrtagentur, der das Weltraumwetter erforschen soll.
  • K-Rad Cube von der südkoreanischen Raumfahrtagentur KARI, und
  • ATENAE von der argentinischen Raumfahrtagentur CONAE

Nach diesem historischen Start sieht die Missionsübersicht des Jahres 2026 wie folgt aus:

  1. USA: 42 (davon SpaceX: 39)
  2. China: 18. 2 Fehlschläge (Langer Marsch 3B/E, Ceres 2)
  3. Neuseeland: 5
  4. Russland: 4
  5. Indien: 1. 1 Fehlschlag (PSLV XL)
  6. Europa: 1
  7. Japan: 1. 1 Fehlschlag (KAIROS)
  8. Deutschland: 0.
  9. Australien: 0.
  10. Israel: 0
  11. Südkorea: 0

Die Statistik der eingesetzten Startplätze stellt sich wie folgt dar:

  1. Cape Canaveral/Kennedy Space Center: 23 (22/1)
  2. Vandenberg Space Force Basis: 19
  3. Jiuquan: 6
  4. Mahia: 5
  5. Wenchang: 3 (institutionell 1/kommerziell 2)
  6. Xichang: 2
  7. Baikonur: 2
  8. Dongfanghang Tiangang (auch: Oriental Spaceport Launch Ship): 2
  9. Plessezk: 2
  10. Taiyuan: 2
  11. DeFu-15001: 1
  12. Guyana Space Centre: 1
  13. Satish Dhawan: 1
  14. Tanegashima: 0
  15. Andøya: 0
  16. Wostotschnij: 0
  17. Bowen Orbital Spaceport: 0
  18. Palmachin: 0

Bild: NASA