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Uranographia; Credit: Johann Elert Bode Salve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der sechzehnte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

Heute möchte ich verwirren. Dazu eignet sich eine Komposition aus griechischer Mythologie, vermischt mit ägyptischer Tradition, römischer Geschichte, mittelalterlicher Rezeption und ein paar Namensgleichheiten. Darauf legen wir noch ein Sternbild, das einmal existierte und ein anderes mal wieder nicht, eine dänische Goldnase und einen unscheinbaren Nordpol. Fertig.

Das Haar der Berenike ist wohl ein seltsames Sternbild. Wer kann es am Himmel schon finden? Und dieser Name! Ein Sternbild, das nach Haaren benannt ist! Das muss man sich einmal in aller Ruhe überlegen – neben Göttergrößen, Helden und wilden Tieren ein Schopf. Wer war Berenike? Mann, Frau, Tochter einer Berühmtheit, Orakel, Zwitterwesen, Metamorphose?

Meine römischen Freunde (besser gesagt, deren Enkel) werden selbstverständlich an Kaiser Titus aus der Dynastie der Flavier denken, Sohn des Titus Flavius Vespasianus und verwirrender Weise ebenso genannt, Kaiser des Reiches bis zu seinem Tod im Badeörtchen Aquae Cutiliae im Herbst des Jahres 81. Was wird nicht alles über Titus in der Kunst geschrieben werden. Metastasios’ „Milde des Titus“, von Mozart zu einer „vera opera“ gemacht, wer kann diese Melodien vergessen. Doch ich schweife ab. Es geht um Berenike.

Berenike ist die Schwester von Marcus Iulius Agrippa, genannt Herodes, Sohn des Herodes (ich sagte eingangs, heute habe ich Lust zu verwirren). Sie ist reich und sicherlich auch schön, schon alleine weil Reichtum schön macht, aber sie ist auch eine jüdische Prinzessin, und das Feuer der Leidenschaft zwischen Titus und Berenike brennt daher wider die Staatsräson. Sie sind lange zusammen, aber im Moment, da Titus Kaiser wird, ist das Paar dann keines mehr. Juvenal und Tacitus schreiben über sie. Eine schöne Frau, eine unglückliche Liebe – zum Sternbild vorherbestimmt?

Indes – ganz falsch! Es ist die falsche Berenike. Um zur richtigen Berenike zu gelangen, schließen wir uns Alexander dem Großen an. Schauen wir zu, wie dessen Reich zerfällt in die Diadochenstaaten nach seinem Tod 323 vor Christus. Ptolemäus der Erste, General Alexanders, wird Pharao im Reichsteil Ägypten, er hat das beste Los der Nachfolger gezogen. Ptolemäus heiratet Berenike (die Erste). Hat sie schönes Haar? Wir wissen es nicht, denn auch das ist nicht unsere Berenike. Noch ein paar Jahrzehnte Geduld, dann sind wir bei ihr.

Der Enkel von Ptolemäus dem Ersten ist naturgemäß Ptolemäus der Dritte, der wiederum Berenike die Zweite, Enkelin der Berenike der Ersten heiratet. Wer hier einen Rechenfehler vermutet, vermutet falsch, da zwischen Berenike der Ersten und Berenike der Zweiten König Magas von Kyrene liegt, der einen Sohn, der anderen Vater. Berenike die Zweite ist Ehefrau von Ptolemäus dem Dritten. Und hier sind wir schon am Ziel.

Als Pharao Ptolemäus 246 in den Krieg zieht – ich erspare euch Lesern die Details, um welchen Krieg es sich hier handelt – schneidet Berenike die Zweite ihr Haupthaar ab und opfert es der Göttin Aphrodite. Sie bittet um seine heile Rückkehr. Ich gehe davon aus, dass es wunderschönes, langes Haar gewesen ist, ansonsten zahlt sich eine Opferung nicht aus, jedenfalls ist das Haar am nächsten Tag vom Altar verschwunden. Konon aus Samos, Astronom am Hofe des Ptolemäus und der Berenike, erklärt das Verschwinden damit, dass das Haar nun eben unter die Sterne gesetzt worden sei.

Da sind wir nun also. Catull widmet den Locken einige seiner unsterblichen Verse. Allerdings kupfert er bei Kallimachos ab. Kunstschaffende aller Epochen hängen sich dankbar an.

So viel Aufregung um ein fast unsichtbares Sternbild. Kein einziger Stern ist heller als die vierte Größenklasse. Aber welche Geheimnisse liegen trotzdem in dieser Himmelsgegend! Ein gewaltiger Galaxienhaufen mit tausend Galaxien. Und der galaktische Nordpol ist hier zu finden, in diesem unscheinbaren Sternbild, das erst vom Goldnasenträger Tycho Brahe, dem großen Dänen, endgültig zu einem solchen erhoben wurde. Das Haar der Berenike ist also der duftende Rahmen für den Punkt, um den sich majestätisch die Sterne drehen, einmal alle 250 Millionen Jahre.

Was hätte Ptolemäus dazu gesagt? Immerhin kam er vom Krieg heil zurück.

Wir sprechen uns bald wieder.

Marcus Tullius