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KompassroseSalve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der fünfzehnte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

Das Zitat dieses Briefes stammt von Gnaeus Pompeius, dem Großen. Als man ihn  geköpft hat, weil ihm die Macht zu Kopf gestiegen war, war ich gerade erst geboren. Das Zitat ist auch nur ein halbes, und eigentlich geht es mir um die erste Hälfte: Navigare necesse est! Seefahrt tut not. Und die Navigation mit Hilfe der Sterne ist einer der edelsten Nutzen der Himmelsbeobachtung.

Der Anblick von Ruder- und Segelschiffen, beladen mit Getreide, Amphoren, Soldaten, mithin das ganze Gewühl der Hafenstädte von Ostia bis Neapel, ist heute ja nichts Neues. Für die ersten Menschen aber, die sich auf das Meer hinaus gewagt haben, Jahrtausende vor dem Zeitalter des Augustus, und noch mehr Jahrtausende vor eurer Zeit, hieß das Festland zu verlassen vor allem zweierlei: Mut und Probe. Ich will nicht chauvinistisch sein (ein Begriff aus den Napoleonischen Kriegen, dank gebührt Nicolas Chauvin, ich kann es also im Jahre 9 nach Christus noch gar nicht sein), aber die Seefahrt der alten Welt entwickelte sich selbstredend zwischen Mittelmeer und Zweistromland.

Diese ersten Seefahrer ließen das Festland nicht aus den Augen, fuhren entlang der Küsten, und orientierten sich tagsüber am Sonnenstand, nachts an Leuchttürmen und an markanten Sternen. Und schon sind wir wieder bei meinem Lieblingsthema: Sternkunde ist Lebenskunde! Um die Mittagszeit und damit Süden zu bestimmen, reichen die Sonne und ein Holzstab. Wenn der Stab den kürzesten Schatten wirft, mithin die Sonne am höchsten am Himmel steht, ist die Mitte des Tages erreicht, und der Schatten zeigt exakt nach Norden. Nachts sucht man den Polarstern.

Weil Griechisch modern ist, nennen wir den Schattenstab Gnomon. Mein Herr, Kaiser Augustus, übertreibt vieles und begnügt sich natürlich nicht mit Holzstäbchen. Da muss es schon ein massiver Obelisk aus Ägypten sein. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Pfeiler aus dem Land des Nils schon in Rom herumstehen. Aber diese kleine Kritik bleibt unter uns. Es dient ja auch einem praktischen Zweck.

Seefahrer aller Zeiten haben sich an der Sonne und den Sternen orientiert, und sie werden es auch in Zukunft durch die Jahrhunderte tun. Erst euer modernes Zeitalter geht der Natur an den Kragen und erfindet die künstliche Navigation. Dabei ist es faszinierend zu sehen, was alles an Wunderdingen und Maschinen ausgedacht wurde, um die Position auf den Weltmeeren im Einklang mit der Beobachtung des Himmels zu bestimmen. Astrolabium, Jakobsstab, Oktant, Sextant.

Natürlich hilft der Himmel nur, wenn es ein Bezugssystem gibt, wenn man weiß, was man misst und was die Messung bezogen auf die eigene Position verrät. Daher wurden Sternkataloge so wichtig, was uns wieder ins Griechische treibt: Ephemeriden, Aufzeichnungen des Flüchtigen. Ein interessanter Name. Die Vergänglichkeit der Position der Sterne und Planeten bezieht sich natürlich nur auf einen Tag; zwischen den Stunden eilen sie so wie der Schatten rund um den Holzstab. Sie wechseln auch zwischen Sommer und Herbst. Aber vom Standpunkt des Olymps aus ist das himmlische Uhrwerk regelmäßig, beständig, ewig.

Solche Tabellen der Sternpositionen und Bewegungen werden im Mittelalter zur Brauchbarkeit verfeinert. Regiomontanus, fränkischer Mathematiker, der später das Glück hat, in meiner Stadt Rom, caput mundi, sterben zu dürfen, ist Leuchtfigur der Ephemeriden-Berechnung. Die Seefahrt nutzt diese Anleitungen. Durch sie erst wird die Welt richtig entdeckt werden: navigare necesse est.

Glaubt mir, ich war nie ein großer Freund des Pompeius. Er war vielleicht gut, aber auch anmaßend. Und er hat sich leider an Cäsar gemessen, das war schlecht. Aber er hat das Zitat für diesen Brief geliefert, das rechne ich ihm hoch an.

Wir sprechen uns bald wieder.

Marcus Tullius