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 Sonnenuntergang;  Credit & Copyright: Murray Alexander Salve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der dreizehnte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

Die Poesie eines Sonnenuntergangs ist gewaltig. Wenn sich die letzten Stunden des Nachmittags nähern und die Sonne tiefer sinkt über dem Meer (vergesst nicht, für einen Römer geht die Sonne hinter dem Meer unter), wird das Licht milder und der Schatten der Dinge länger.

Die Hitze des Tages ist besiegt. Der Himmel wird stahlblau (die Verhüttung von Eisen kannten schon die Hethiter, der Ausdruck ist also auch der Antike schon erlaubt, selbst wenn er für eure Ohren modern klingt). Und dann berührt der Sonnenball den Horizont. In einem einzigen Augenblick ist schon der glühende Rand der Sonnenscheibe verschmolzen mit dem Meer, an einer Stelle, die man Horizont nennt. Und nun geht es schnell: Stück für Stück sinkt die Sonne tiefer, als würde eine unsichtbare Kraft sie ins Wasser tauchen. Doch welch ein schwindelerregender Gedanke:

In Wirklichkeit hebt sich die Erde nach oben, neigt sich steiler und steiler, sodass der Sonnenball sich gefährlich dem Horizont nähert. Aufhören! Aber nein, die Erde macht weiter. Festhalten! Nein, es geht immer weiter nach oben, die Sonne wird nicht gewinnen.

Das Farbenspiel des Sonnenuntergangs ist grandios. Der Himmel wird orange, violett, silbern. Die Sonnescheibe wird flacher, zerdrückt sieht sie aus, als würde sie sich gegen die Kraft wehren, die sie nach unten drückt, als würde sie noch einen Augenblick länger scheinen wollen. Selten wird man Zeuge eines Naturschauspiels: Ein grünes Leuchten am Sonnenrand erscheint. Der große Jules Verne wird einen seiner Romane nach diesem Blitz benennen: "Le rayon vert". Die moderne Physik wird dazu nur sagen, es habe mit der Lichtbrechung zu tun. Ein optisches Phänomen.

Wenn die Sonne schließlich ganz versunken ist, folgt ein eigentümlicher Moment: Die Welt scheint für eine kurze Weile den Atem anzuhalten, denn plötzlich fehlt etwas. Für einen Augenblick wirken Natur und Mensch ziellos - es ist nicht mehr Tag, denn die Sonne ist nicht mehr, es ist noch nicht Nacht, denn alles ist hell. Der Himmel wirkt leer. Erst wenn die ersten Sterne auftauchen, entspannt sich das Leben. Es ist doch alles in Ordnung, die zweite Hälfte des kosmischen Theaters beginnt.

Die Regelmäßigkeit von Tag und Nacht hat das Leben auf der Erde geprägt. Das Leben schläft, wenn es dunkel wird und kühl und die Sicht schlecht und die Welt leise. Es gibt natürlich auch Leben, das diese Zeit nutzt, um anderen an den Kragen zu gehen. Seit die Menschheit auf diesem Planeten ist, sehen unsere Augen die Sonne auf der einen Seite untergehen, und wir warten, dass sie auf der anderen Seite wieder emporsteigt. Wir erwarten es, wir verlangen es! Wir wissen, dass die Sonne es tun wird. Dieses Uhrwerk des Himmels begleitet uns täglich und ist Teil unseres eigenen Lebens.

Das Pandämonium der Ängste unserer Vorfahren bei Sonnenfinsternissen erklärt sich aus dieser innersten Überzeugung, dass die Sonne uns nicht im Stich lassen würde. Doch entgegen aller Gewissheit, aller Erfahrung, allem Vertrauen ist sie plötzlich mitten am Himmel, Stück für Stück, verschwunden. Unerhört.

Wir Römer der Antike sind natürlich aufgeklärt. Mehr als so manche Generation, die noch kommen wird. Trotzdem fasziniert mich jeder Sonnenuntergang. Oft eile ich vom Palast des Augustus auf die Felder außerhalb der Stadtmauer um der Sonne Lebe Wohl zu sagen. Dann gehe ich zurück im beginnenden Dunkel der Nacht, sehe Öllampen in den Häusern als kümmerliche Versuche, ein Stückchen Sonne für die Nacht einzufangen, und frage mich, ob sie wieder kommen wird morgen früh.

Wir sprechen uns bald wieder.

Post scriptum, zwölf Stunden später: Sie ist wieder gekommen. Pünktlich.

Marcus Tullius