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NASA/JPL Salve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der zehnte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

Seit zwei Tagen schon regnet es in heftigen Intervallen, und der Himmel über Rom, caput mundi, ist schwer und wolkenverhangen. Ich sitze in der Schreibstube des Palastes des Augustus. Von hier, vom Palatin aus (von dem sich übrigens das Wort Palast ableitet), hat man einen herrlichen Blick über das Forum, auch an solchen grauen Tagen. Und es kommt mir der Gedanke, dass Wolken und Niederschlag mehr sind als die natürlichen Feinde der Sternkunde.

Es ist schon wahr, was man in eurer Zeit sagen wird: Nur weil unsere Atmosphäre das sichtbare Licht durchlässt und sich die Sonne im ewigen Wechsel zwischen Tag und Nacht versteckt und den Blick auf das Universum freigibt, haben sich Philosophie, Wissenschaft und Selbstverständnis des Menschen so entwickeln können. Und natürlich auch die Kultur, ja vielleicht unser ganzes Wesen. Stellt euch vor, der Himmel wäre ewig Wolken tragend, nubifer, dann hätte die gesamte Menschheitsgeschichte nie einen einzigen Stern zu Gesicht bekommen, ja nicht einmal die scharf gezeichnete Scheibe der Sonne. Dann wüssten wir nichts von unserem Platz im Universum, nichts von einem Sonnensystem, anderen Planeten, dem Kosmos. Wir hätten vielleicht niemals den Gedanken gehabt, den Kopf durch diesen grauen Samt durchzustecken.

Aber das macht die Wolken nicht zu unserem Feind. Sie bringen den Regen, pluvialis, und der bringt das Leben mit. Und ihr, die ihr zweitausend Jahre nach meiner Zeit mit Raumschiffen durch das Sonnensystem reist, habt Wolken und Regen an anderen Orten gefunden. Bilder vom Mars und von der Venus und diesen seltsamen Welten macht ihr und zeigt sie voller Stolz her. Aber es ist doch seltsam: Erst wenn es heißt, dort hat man Schnee gefunden, Raureif, dort gibt es sanften Niederschlag, tiefliegende Wolken, Sturm, berührt uns das besonders. Denn es erinnert uns an die Erde. Es macht den Mars heimelig wenn wir wissen: Dort gibt es Morgenforst! Wie bei uns!

Am Saturnmond Titan, der von euch besucht werden wird (ein so aufregendes Abenteuer dass einem ganz zittrig wird), regnet es Methan. Wunderschön!

Und dann gibt es am Himmel noch die Sternbilder, die ein bisschen nass sind! Das meine ich mit Augenzwinkern. Den Wassermann zum Beispiel, die Wasserschlange – das längste Sternbild – vulgo Hydra, die Fische, den Südlichen Fisch, den Delphin, das Schiff der Argonauten (das von Lacaille 1763 in drei Teile zerstückelt werden wird), den Fluss Eridanus, den Walfisch nicht zu vergessen.

Mittlerweile weht der Wind den feinen Regen bis hier in die Schreibstube hinein. Ich glaube ich werde diesen Brief beenden, bevor er und ich nass werden.

Wir sprechen uns bald wieder.

Marcus Tullius Astrum