Startübertragungen der Arianespace sind nicht gerade das Spannendste, was die Space Launch Industrie zu bieten hat. Wenig flugrelevante Informationen, dafür zahlreiche glatt gebügelte Managerstatements und Werbefilmchen der Satellitenhersteller, unterlegt mit peitschender Industriemusik. Dazu Bildkonserven längst vergangener Starts, wie die seit vielen Jahren ewig gleiche Sequenz von der Trennung der Feststoffbooster. Moderne Features der Konkurrenz, wie zum Beispiel Livebilder von Onboard-Kameras, die Kunden und Zuschauern den Fortgang der Mission direkt miterleben lassen, findet man bei Arianespace nicht.

Zu den wenigen bislang sicher geglaubten Informationsquellen im Ablauf eines Ariane-Starts gehörte neben dem Kommentator der Startübertragung die ins Sendebild eingeblendeten Informationen mit einer Flugbahnkurve, der Missionsuhr, der Flughöhe, sowie Distanz- und Geschwindigkeitswerten. Dass aber beide Informationsquellen womöglich nur reine Makulatur sein können, zeigte sich bei der Ariane 5 ECA Mission VA241 am 25. Januar.

Der Liftoff erfolgte ganz zu Beginn des Startfensters, um 23:20 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Eine der beiden Nutzlasten war der Kommunikationssatellit Al Yah-3, 3.795 Kilogramm schwer und gebaut von Orbital Sciences. Dieses Raumfahrzeug ist mit einem herkömmlichen chemischen Antriebssystem ausgerüstet, das Stationkeeping wird mit (elektrischen) Hall-Triebwerke durchgeführt. Die andere Nutzlast war SES-14, ein ausschließlich mit elektrischen Antrieben ausgestatteter Satellit mit einer Masse von 4.423 Kilogramm, gebaut von Airbus Defence and Space in Toulouse. SES-14 nimmt auch eine größere wissenschaftliche Nutzlast aus dem Explorer-Programm der NASA auf, nämlich das 50 Millionen Dollar teure und 37 Kilogramm schwere GOLD (Global-Scale Observations of the Limb and Disk) Instrument, mit dem Interaktionen der Sonne mit der Erdatmosphäre gemessen werden sollen.

Tatsächlich hatte das "Drama" schon wenige Sekunden nach dem Verlassen der Startrampe begonnen. Für den Zuschauer am Bildschirm begann es erst nach der Trennung von erster und zweiter Stufe, als wenige Sekunden nach der Zündung des HM7B-Triebwerks der ECA-Oberstufe, gut neun Minuten nach dem Liftoff, die Funkverbindung zur Rakete abriss. Zu erkennen war das am Verschwinden aller bislang eingeblendeten Telemetrieparameter und den zunehmend verwirrten Gesichtern der Personen im Kontrollraum. Der Kommentator der Startübertragung blieb davon unberührt, und gab weiterhin erfolgreich absolvierte Missionsmeilensteine bekannt. In den Raumfahrt-Internetforen, wo man das Verschwinden der Telemetriedaten schon bemerkt hatte, ließ die nonchalante Zuversicht des Sprechers die Vermutung aufkommen, er bekäme seine Informationen aus gesicherter, aber eben anderer Quelle. Alles andere wäre, so die Meinung, Fake. Bei einem so seriösen Unternehmen wie der Arianespace kaum vorstellbar.

Wer zunächst vermutete, die fehlenden Telemetriedaten gingen zu Lasten der Empfangsstation Galliot, nahe Kourou, sah sich getäuscht, als die Übergabe nach Ascension erfolgte, und weiterhin keine Daten hereinkamen. Als der nächste "Handover" nach Natal erfolgte lief gerade das Promo-Vido für Al Yah-3. Auch von Natal kamen keine Daten, und die Telemetrie-Infozeile auf dem Bildschirm blieb weiterhin leer. Dennoch schilderte der Missionskommentator ungerührt einen nominalen Flugverlauf und bestätigte die erfolgreiche Aufnahme der Datenverbindungen mit den jeweiligen Stationen.

Ein weiteres Promo-Video für SES 17, und dann noch eines für die GOLD-Payload der NASA wurde gegen Ende der angetriebenen Phase eingeblendet, und vermittelte dem Zuschauer so den Eindruck eines nach wie vor völlig normalen Flugverlaufs. Der Sprecher verkündete die Übernahme der Telemetrie durch die Station Libreville, die nach Natal dran war. Tatsächlich war die Telemetrie-Leitung aber so tot wie zuvor. Dann noch ein Promo-Video, diesmal von Airbus Defence und Space. 22 Minuten und 49 Sekunden nach dem Liftoff sollte jetzt die Station in Malindi die Daten der Rakete aufnehmen, aber auch von da kamenn keine Daten. Der Kommentator bestätigte jedoch unverdrossen den Erhalt von Informationen ebendieser Station.

Schließlich verkündete er noch die Trennung von Al Yah-3 von der ECA-Oberstufe. Dann, seit Beginn der Mission waren 33 Minuten vergangen: Schweigen. Erst an dieser Stelle bemerkte er offensichtlich (oder jemand machte ihn darauf aufmerksam), dass hier keineswegs der nominale Flugverlauf vorlag. Die Trennung des Sylda-Adapters und die Freigabe von SES-14 und der GOLD-Nutzlast der NASA wurde nicht mehr verkündet. Ein Kameraschwenk in den Kontrollraum zeigte betretene Gesichter.

Surreal wurde die Sache, als auf Twitter unmittelbar danach eine Nachricht von ArianeGroup CEO Stéphane Israël erschien, der das erfolgreiche Absetzen von SES-14 verkündete. Wohl ein vorterminierter Tweet, denn er verschwand bereits eine Minute später wieder aus der Timeline der ArianeGroup.  Danach wurde die Übertragung für etwa 30 Minuten unterbrochen und danach wieder aufgenommen,  um folgendes Statement von Israël zu verbreiten: "Unfortunately, ladies and gentlemen, there has been a contingency on the VA-241/5101 mission. While preliminary results have not found the cause of the contingency, an investigation will start in the coming days to find the cause and prevent it from happening again on future launches". Schock. Loss of Mission. Erstmals nach 82 erfolgreichen Flügen in Folge.

Doch nun kippte die Angelegenheit endgültig ins Bizarre, denn etwa eine Stunde später twitterte die online-Publikation "Spaceflight101" folgendes: Sources say an Ariane 5 rocket that suffered an anomaly on tonight’s launch placed its two commercial telecom payloads in orbit. Further details are expected shortly. 15 Minuten später gab es auch eine Stellungnahme von Arianespace des Inhalts, dass sich beide Satelliten gemeldet hätten und die Eigentümer Kontakt zu ihnen hätten.

Noch einmal Stunden später tweetete SES, der Besitzer von SES-14: Off-target dropoff from @ArianeGroup Ariane 5 means all-electric propulsion to take 4 weeks longer than planned to get to GEO. Sat in good health, no other issues. Angesichts der Meldung, dass der Satellit seine geplante Position mit einem zusätzlichen Zeitaufwand von nur vier Wochen erreichen könnte (statt Juli nun August 2018) vermutete man zunächst, dass die Abweichung von der normalen Absetzposition nicht übermäßig groß sein konnte. Noch einmal einige Stunden später meldete sich auch Al Yah und gab bekannt "Satellite will be making his way to GEO". Die tatsächlich erreichte Absetzposition war allerdings auch von Al Yah nicht zu erfahren.

Erst etwa 12 Stunden später kamen schließlich die Bahndaten herein, und die waren nun eine gehörige Überraschung. Die Rakete hatte die Zielinklination um nicht weniger als 21 Grad verfehlt. Perigäum und Apogäum stimmten dagegen relativ genau mit den Zielwerten überein. Sie lagen bei 232 Kilometer und 43.200 Kilometer. Geplant waren 250 Kilometer und etwa 45.000 Kilometer bei 3 Grad Inklination. Das Perigäum lag bei -15,6 Grad Breite.

Es hat in der Geschichte der Raumfahrt mit ziemlicher Sicherheit noch keinen Fall einer größeren Inklinationsabweichung gegeben, bei dem die Rakete dennoch mirakulöserweise fast genau die angestrebten Orbitalparameter bezüglich Perigäum und Apogäum erreicht hatte. Mehr noch: überall sonst auf der Welt (na gut, für Russland und China würde ich jetzt meine Hand nicht ins Feuer legen) wäre ein Rakete mit einer derart massiven Bahnabweichung aus Sicherheitsgründen gesprengt worden. Erstaunlich ist auch, warum das niemandem schon beim Liftoff aufgefallen ist, denn - verglichen mit den sonstigen, genau nach Osten oder in nördliche Richtung hinaus startenden Raketen - müsste jeder Zuschauer im Freien bemerkt haben, dass die Rakete unmittelbar nach dem Abheben nach Süden abbog und danach die brasilianische Küste entlangflog. Mehr noch, die Rakete überflog die Zuschauer und die Stadt Kourou fast direkt, und schon von daher müsste es eigentlich tausenden von Menschen aufgefallen sein, dass hier etwas nicht stimmen konnte.

Diese Flugbahn erklärt auch, warum keine der Bodenstationen Telemetrie empfing: Die Ariane passierte sie weit südlich ihrer Empfangs- und Sendebereiche. Sie war, bildlich gesprochen, kurz nach dem Start einfach rechts abgebogen, hatte ihre Arbeit aber ansonsten perfekt und ohne weitere Aufsicht alleine erledigt. Die nachträglich errechneten kumulierten Geschwindigkeitswerte ergaben, dass die Rakete - hätte sie die korrekte Inklination angesteuert - ihren Zielorbit ultrapräzise erreicht hätte, mit einer Abweichung von nur 1m/s. Nur der Umstand, dass das Apogäum derart hoch liegt, lässt es zu, dass die beiden Satelliten ihre ursprüngliche Bahn mit vertretbarem Aufwand an Bordmitteln doch noch ansteuern können. Die Gesamtmenge der zusätzlichen Geschwindigkeitsimpulse liegt nach ersten Berechnungen bei etwa 170 Meter pro Sekunde. Das ist im Reservebudget der Satelliten enthalten.

Gespannt sein darf man auf den Fehlerbericht. Es ist jetzt schon offensichtlich, dass hier nicht nur eine einzelne technische Schwachstelle adressiert werden kann (ich riskiere die Vorhersage, dass hier ein relativ simpel zu erklärenden Fehler bei der Eingabe der Missionsparameter in den Bordcomputer vorlag), sondern auch und vor allem die Firmenkultur. Schon Sekunden nach dem Liftoff hatte das "Kontrollzentrum" (und an dieser Stelle darf man die Frage stellen, wer die Rakete denn tatsächlich kontrolliert, denn das Jupiter-Kontrollzentrum dient - wie sich hier zeigte - lediglich "Show-Zwecken") nicht die leiseste Ahung, dass sich ihre Rakete auf eine Besichtigungstour der brasilianischen Küste begeben hatte. Vom PR-Standpunkt war die Sache ein Desaster, das die jahrzehntelang aufgebaut Glaubhaftigkeit erheblich beschädigte. Und offensichtlich besteht auch keine Fähigkeit, den Flug einer auf Abwege geratenen Rakete zu terminieren, was den Bewohnern von Kourou und Nordbrasilien ein wenig zu grübeln geben sollte. 

Bild: Startposter der Mission VA241; Credit: Arianespace