Header

Stone ISS

Die "Trekkies" kennen das: Der Weltraum ist ein Dorf und alles liegt irgendwie gleich um die Ecke. Und Physik ist was für Weicheier. Kurz mal auf den Warp 8 – Knopf gedrückt, und Sekunden später ist man am Ende der Galaxis. So geht das und so kennt man das bei Kirk & Co und so ähnlich muss es dann wohl auch bei der NASA sein.

Auch in Alfonso Cuarons Film ist alles, was wir aus der bemannten Raumfahrt kennen, in Fußgängerreichweite aufgereiht: Hubble Space Telescope (HST), die ISS und  die chinesische Tiangong-Raumstation. Was stören uns Inklination und Rektaszension,  Apogäum und Perigäum, die Bahnmechanik generell, Johannes Kepler und sein Geschwurbel und was es sonst noch unwichtigen Kram gibt, mit dem die NASA immerzu angibt. 99,8 Prozent aller Zuschauer haben nicht den leisesten Dunst, was da draußen wirklich abgeht und die darf man - nur für die Zwecke eines Kino-Movies - mit derlei Schmonzes nicht überbelasten.

Der Film beschäftigt genau eineinhalb Schauspieler, nämlich Sandra Bullock als Dr. Ryan Stone und George Clooney, als den alten Raumfahrt-Haudegen Matt Kowalski, der sich auf seiner letzten Mission befindet. Clooney/Kowalksi ist der halbe Schauspieler, denn er wird sich in der Folge nach etwa 45 Minuten für den Rest der Handlung in seine Nespresso-Welt zurückverabschieden und Bullock/Stone mit dem ganzen Scherbenhaufen alleine lassen.

Die Handlung spielt in einer Welt, in der nicht ein Präsident Obama das bemannte Raumfahrtprogramm der NASA geschlachtet hat, sondern in der die Shuttles noch (oder schon wieder?) fliegen. Im Film befinden uns gerade inmitten der Mission STS 157, die mit fünf Besatzungsmitgliedern dabei ist, das HST auf Vordermann zu bringen. Was aus den Missionen 136 bis 156 geworden ist erfahren die Zuschauer nicht, ich habe aber einen Verdacht, den ich Ihnen gleich noch mitteile. In der realen Welt endete das Programm jedenfalls bei STS 135. Eine der Raumfähren muss auch umbenannt worden sein, denn Stones/Kowalskis Shuttle trägt den Namen „Explorer“.

Cady ColemanDer Plot beginnt mit einer uns aus dem täglichen Leben bekannten Szene: Eine Frau arbeitet, während zwei Männer rumhängen und Spaß haben.  Warum sich überhaupt drei Leute außerhalb des Shuttles befinden, wenn sowieso bloß eine was tut, wird nicht ganz klar. Während also Dr. Stone alleine das HST repariert, karriolt Kowalski mit dem MMU ein ums andere Mal in irren Kurven um das Raumschiff herum, ungefähr 50mal so schnell, wie es in Wirklichkeit grade noch möglich wäre. Aber es ist einzusehen, dass Cuaron, der seinen Film ja in 90 Minuten zu Ende bringen will, den Leuten nicht die wahre Geschwindigkeit des MMU zumuten kann. Das MMU übrigens, die „Manned Maneuvering Unit“ wurde in der richtigen Welt 1985 eingemottet. Für Gravity wurde sie wieder in den Flugstatus versetzt. Dafür wurden alle Teile mikrominiaturisiert um einem gigantischen Treibstofftank Platz zu machen, denn Kowalski  verprasst in der Eingangsszene und in der Folge des Films Treibstoff in unfassbaren Mengen.

Dr. Stone hat, so erfahren wir, gerade mal sechs Monate Training hinter sich gebracht, statt der sonst üblichen zwei bis drei Jahre und ist außerdem Medizinerin, was sie hervorragend dafür prädestiniert, die Elektronik des Hubble-Space Telescopes zu reparieren. (An dem Punkt sollte ich allerdings nicht zu sehr lästern, denn es gab in der realen Welt sogar zwei Mediziner, die am HST Wartungsarbeiten durchführten, nämlich Dr. Story Musgrave, der zusätzlich zu seinem Doktor in Medizin auch noch akademische Grade in Chemie und Mathematik und, kaum zu glauben, Literatur innehat, und der Veterinärmediziner Rick Linnehan).

Behind the scencesDann kommt es zur Katastrophe. Bei irgendeinem russischen Test,  so vermittelt uns der Film, passiert irgendein Zusammenstoß mit irgendetwas und hinterlässt eine (relativ zum Shuttle) extrem langsam fliegende,  extrem dichte Trümmerwolke. In Wirklichkeit könnte so etwas höchstens dann passieren, wenn ein sehr großes Raumfahrzeug während der Annäherung auf den Shuttle sich aus irgendwelchen Gründen vorsichtig in tausende von kleinen Teilen zerlegt. Das darf aber keine Explosion sein, denn die Teile müssen alle dicht beieinander bleiben. Wie auch immer, die Relativgeschwindigkeit zwischen den Trümmern und Stones/Kowalskis Shuttle beträgt nur wenige hundert Meter pro Sekunde. Das ist einfach daran zu erkennen, dass man die Teile bequem herumsausen sieht. Sieht zwar trotzdem flitzig aus, hier ist die Wirklichkeit aber mal schneller als der Film. Zumindest wenn der im Film kurz angesprochene Kessler-Effekt eingetreten wäre.

Angesichts der Gefahr weist Mission Control die Crew an, das HST freizugeben und wieder in den Shuttle einzusteigen. Irgendwann muss also bei den Missionen zwischen STS 136 und STS 156 somit für das Hubble-Space Telescope ein Notfreigabemechanismus konstruiert eingebaut worden sein, denn davor brauchte man eine stundenlange Prozedur mit dem kanadischen Robotarm der Raumfähre, um das Teleskop freizugeben.

Und schon prasseln die Trümmer herein und danach ist, mit Ausnahme von Kowalski und Stone die Besatzung des Shuttles tot. Die beiden Überlebenden treiben auf unterschiedlichen Bahnen von der Fähre weg, aber dank der unerschöpflichen Treibstoffvorräte des MMU gelingt es Kowalski Stone einzufangen. Dann fliegen die beiden zur ISS.

RaumanzügeAn der Stelle wird klar, was bei den Missionen STS 136 bis 156 vonstatten gegangen sein muss. In dieser Zeit wurden nämlich das HST auf die Bahn der ISS gebracht. Wahrscheinlich wurde zunächst unter immensem Aufwand die Bahnneigung des HST von 28 Grad auf 51 Grad geändert und danach die Bahn der ISS von 400 auf 600 Kilometer angehoben. Dies ist die einzige halbwegs vernünftige Erklärung, warum das HST und die ISS einander in nur wenigen Kilometern Abstand hinterher fliegen können.

Offensichtlich wurde in dieser Phase die ISS auch auseinandergenommen und ihre Module neu angeordnet. Zusätzlich wurde in Europa die Produktion des ATV wieder aufgenommen (denn ein solches ist an der ISS angedockt), und das Zentrifugen-Modul, das dessen Start ursprünglich den Budgetkürzungen zum Opfer gefallen war, ist doch noch wiederbelebt und zur ISS gebracht worden.

Tja, und dann ist es herzerfrischend zu sehen, dass sich die Beziehungen zwischen China und den USA in den Jahren der Missionen STS 136 bis STS 156 so gut entwickelt haben, dass auch die Chinesen ihre eigene neue Raumstation (namens Tiangong - es muss Tiangong 2 sein, denn die erste Tiangong wurde vor kurzem über dem Pazifik „deorbited“) auf exakt die gleiche Bahn gebracht haben wie HST und ISS und denen jetzt in wenigen Kilometern Abstand folgt.

Stone und Kowalski erreichen die ISS in der Zeit, die es braucht, bis der Sauerstoffvorrat in Stones Anzug von sieben auf zwei Prozent gefallen ist. Das dürften somit etwa 20 Minuten sein. Die Ankunftsgeschwindigkeit der beiden beträgt etwa 10 Meter pro Sekunde, wir können also daraus schließen, dass das HST etwa 10 bis 12 Kilometer von der ISS entfernt war, als das Unheil passierte. Für Raumfahrtverhältnisse ist das Formationsflug.

Die ISS ist in diesen vergangenen 20 Minuten offensichtlich evakuiert worden. Ein Sojus-Raumschiff wurde zurückgelassen weil es durch die herumfliegenden Trümmer beschädigt wurde. Der Fallschirm hat sich ausgelöst und hängt nun, mit vielen Seilen und Leinen vor der ISS herum. An der Stelle driftet der Film wieder ins Surreale. Zum einen ist es natürlich logisch, ein Raumfahrzeug zurückzulassen, mit dem man nicht auf der Erde landen kann. Zum anderen gibt es in der wirklichen Welt keine überzähligen Sojus-Raumschiffe an der Raumstation. Es gibt exakt soviele Sojus-Sitze wie Astronauten in der Station. Vorausgesetzt es waren sechs Personen an Bord der ISS, müssen sich also drei Personen zusätzlich in das zweite Sojus-Raumschiff gezwängt haben. Wer mal einen Blick in eine Sojus-Rückkehrkapsel geworfen hat, weiß, dass da im wirklichen Leben nicht mal mehr die Bordkatze mitkann.

Stone und Kowalksi rummsen also in die ISS (mit geschätzten 30 km/h ohne eine Schramme abzubekommen) und können sich irgendwie an den Seilen festhalten. Keiner von beiden denkt aber dran, sich festzuhaken, aber immerhin verhängen sich die beiden in einer der losen Fallschirmleinen der Sojus. Doch dann trennt sich Kowalski von Stone in heroischer Selbstaufopferung, weil er erkennt, dass die fragile Seilverbindung beide zusammen nicht aushält. Kowalski driftet weg, was ein wenig irritierend ist, denn eben noch hatten die beiden die selbe Relativgeschwindigkeit. Aber vielleicht gast ja irgendwas aus der beschädigten ISS aus und beschleunigt das Ganze in die Gegenrichtung.

Stone geht nun an Bord der ISS. In letzter Sekunde, denn ihre Luft ist fast verbraucht. Sie bekommt über Funk - in bestem „mansplaining“ - eine Aufklärung vom abdriftenden Kowalski, wie sich Sauerstoffmangel auf das Gehirn auswirkt. Offensichtlich hat er die Befürchtung, dass sie – die Medizinerin – das aufgrund der Aufregung komplett vergessen hat. Gottseidank verabschiedet er sich danach endgültig von ihr (sieht man von einer Traumszene im letzten Drittel mal ab).

Die Schleuse der ISS muss in den letzten Jahren  umkonstruiert worden sein, denn sie lässt sich jetzt erstens von außen öffnen und ist zweitens in der Lage innerhalb von Sekunden vollständig Druck aufzubauen. Bei den jetzigen Modellen ist ersteres unmöglich und das zweite dauert das eine ganze Anzahl von Minuten.

Stone kommt wieder zu Puste und legt innerhalb weniger Sekunden den Raumanzug ab (was normalerweise in kaum weniger als einer Viertelstunde zu bewältigen ist). Sie trägt auch kein Liquid Cooling and Ventilaten Garment“ , wie die mit Wasser-Röhrchen durchzogene Spezialunterschicht des Raumanzugs heißt, sondern einfach nur T-Shirt und kurze Hosen.

Nachdem ein Brand das Innere der ISS abfackelt und die Trümmerwolke, die gerade wieder einen Orbit absolviert hat, nun auch noch den letzten intakten Module der ISS den Garaus macht, beschließt Dr. Stone mit der Sojus zur Tiangong-Raumstation weiterzufliegen. Wir erfahren, dass es sich dabei um Sojus TMA-14M handelt, und somit dürfte ihr das schon von daher ein wenig schwerfallen, denn Sojus TMA-14M startet schon in wenigen Monaten. Die Ereignisse müssten aber etwa um das Jahr 2020 spielen (wenn wir eine zweijährige Wiederbelebung des Shuttle-Programms, mit der Entmottung von Atlantis, Endeavour und Discovery – einschließlich Umbenennung eines diese Shuttles in Explorer -  unterstellt, und dann die Durchführung von fünf Flügen jährlich annehmen). Stone hat vom Raumschiff-Fliegen wenig Ahnung, das war in ihrem Sechsmonats-Kurs wohl nur als Wahlfach dran und das hatte sie geschwänzt. Ihr fällt aber ein, dass sie sich den Film dieses Vortrags angesehen hat, in dem sie sich über die wichtigsten Aspekte der Steuerung eines Raumschiffs informieren konnte.

Mit diesem Wissen ausgerüstet geht es ab zur Tiangong, und zwar unter Verwendung der Landetriebwerke der Sojus. Wie immer in solchen Filmen genügt es auch hier, zwei oder drei Knöpfe zu drücken um ein Raumschiff zu steuern. Die tatsächliche Vorbereitungszeit für ein Manöver wie es Dr. Stone vorhat würde in Wirklichkeit eher Tage als Stunden benötigen. Aber soviel Zeit hat Cuaron natürlich nicht, und auch nicht Dr. Stone, denn die Trümmerwolke ist schon wieder im Anmarsch. Immerhin, Respekt: ich kann mich nicht erinnern, jemals in einem Film des „Escape“-Genres gesehen zu haben, dass jemand die Betriebsanleitung liest, bevor er (oder hier „sie“) Knöpfe drückt.

Als sie an der chinesischen Raumstation vorbeifliegt, klettert wieder in einen Raumanzug, dieses Mal natürlich in ein russisches Sokol-Modell und steigt wieder mal aus einem Raumschiff aus, bewaffnet mit einem Feuerlöscher. Den verwendet sie als Manövriereinheit um die chinesische Station zu erreichen.

Doch auch Chinas Stolz des Weltraums liegt in Trümmern und droht – ein wenig unverständlich, denn wir befinden uns nach wie vor in 600 Kilometern Höhe - gleich abzustürzen. Doch siehe da: auch die Chinesen haben sich offensichtlich zu sechst ein eine einzelne Shenzhou gezwängt, damit sie - es könnte ja jemand vorbeikommen und es benötigen - ein leeres und vollständig funktionstüchtiges zweites Schiff an der Station belassen können. Soviel Dusel muss man erstmal haben. In letzter Sekunde gelingt es ihr,  in die Shenzhou einzusteigen und es in Betrieb zu nehmen. Wie wir alle weiß auch Dr. Ryan Stone, dass die Chinesen alle technischen Erkenntnisse abkupfern. Deshalb funktioniert die Shenzhou exakt wie eine Sojus und somit kann sie das Schiff steuern.

Nun geht auch der dritte orbitale Komplex in Trümmer und mit ihr fast die Shenzhou. In letzter Sekunde kann Dr. Stone die Kapsel von der Station lösen während alles auseinanderbricht. Die Landung gelingt auf haarsträubende Weise, endet jedoch mitten in einem See. Im Inneren der Kapsel bricht jetzt auch noch ein Feuer aus, die Kapsel sinkt auf den Grund, Stone muss unter Wasser aussteigen und nach all dem Stress gelingt es ihr trotzdem zwei Minuten lang die Luft anzuhalten, sich von ihrem Raumanzug zu befreien, aufzutauchen und danach die paar Kilometer bis zum Ufer zu schwimmen. Am Ufer sinkt sie schließlich ermattet zu Boden, nur um über den Trümmerregen der gesamten menschlichen Raumfahrtinfrastruktur in die Erdatmosphäre eintreten zu sehen. Was platterdings unmöglich war, denn mit eben dieser Wolke ist sie ja selber vor einer halben Stunden heruntergekommen.

Ende des Parforcerittes.

Obwohl ich jetzt auf fast 2000 Wörtern Erbsen gezählt habe, komme ich jetzt dennoch zu meiner für manchen überraschenden Conclusio: Dies ist kein Film zum Erbsenzählen. Erinnern wir uns an die Eingangsbemerkung. 99,8 Prozent der Zuschauer haben nicht den leisesten Dunst, was da draußen wirklich abgeht. Ich bin überzeugt, dass die Filmmacher sehr wohl wussten, wo sie hier technisch auf dem Holzweg sind. Ein vollständig korrekter Film wäre aber nur für die Nerds spannend genug. Und, man mag es bedauerlich finden, aber von den paar Leuten kann man einfach nicht leben.

Die 13 Minuten lange ungeschnittene Eingangsszene ist das Beste was ich seit langem im Kino gesehen habe. Der Film ist – im positivsten Sinne - einfach strukturiert. Keine Nebenhandlungen, keine Rückblenden, kein dramaturgisch ambitionierter Schnickschnack. Eine klare Geschichte, gradlinig und schnörkellos erzählt. Spannend und temporeich von der ersten bis zur letzten Sekunde.

Der Film bringt Glanz in das Auge des Raumfahrt-Aficionados.  Ausrüstung und Äußeres stimmen bis in kleinste Details. Die Weltraumbilder sind umwerfend. Astronauten, die den Film gesehen haben, bezeugen, dass dieser Film der Wirklichkeit ungewöhnlich nahe kommt.

Sandra Bullock, von der ich an sich kein Fan bin, trägt den Film hervorragend. Sie spielt glaubhaft die Wissenschaftlerin, die zwar verängstigt ist und mit sich selbst ringt um sich nicht in Panik zu versinken, die aber immer wieder ihren Verstand einsetzt um der Gefahr zu entkommen. Und George Clooney spielt George Clooney. Mehr kann man von ihm nicht verlangen.

Gravity ist trotz aller Mängel in der Darstellung der in der Raumfahrt anzuwendenden Physik um Lichtjahre besser als die Hau-Drauf-Streifen a la  Armageddon. Nach meiner Meinung der beste Raumfahrtfilm der letzten Jahrzehnte. Es gibt nur eins: unbedingt ansehen. Am besten in 3D auf der Großleinwand.


P.S.1: Liebe Monika, auf Deine Frage „Wird man beim plötzlichen Öffnen der Luke schockgefroren?“ gibt es diese ausführliche Antwort im Netz:

P.S.2: Gespräch Sandra Bullock und Cady Coleman. Man muss dazu wissen, dass Sandra Bullock mit Cady Coleman Kontakt aufgenommen hatte, um aus erster Hand zu erfahren, wie das so ist im Weltraum