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Zweite Stufe Langer Marsch 2C

Die Raumfahrt ist stolz darauf auf ihre Rekorde. Die meisten sind gut für das Image, sie sorgen für Aufmerksamkeit und Akzeptanz beim Publikum und machen sich prima in Werbebroschüren. Wie gesagt: die meisten. Aber nicht alle.

Generell hat also die Raumfahrt kein Problem mit Rekorden, aber am 18. August 2011 erzielte sie einen Rekord, auf den sie gerne verzichtet hätte. An diesem Tag kam es jedoch zu zwei aufeinanderfolgende Fehlstarts innerhalb von nur zwölf Stunden. In Russland bewies die Proton M einmal mehr, dass bei diesem Träger mehr als 90 Prozent Zuverlässigkeit einfach nicht drin sind und einen halben Tag später scheiterte in China eine Langer Marsch 2C, eine sehr einfache, bewährter Rakete, die seit 35 Jahren unfallfrei fliegt.

Man muss schon weit vorne in den Annalen der Raumfahrt nachsehen, um auf eine ähnlich dichte Folge von Fehlstarts zu stoßen. Tatsächlich findet man einen ähnlich gelagerten Fall erst am 17. Mai 1966. Es war dies der Fehlstart einer Woschod-Trägerrakete von Plesetzk aus mit dem sowjetischen Spionagesatelliten Zenit 4, dem am selben Tag (um 17:15 Uhr mitteleuropäischer Zeit) der einer Atlas Agena mit dem GATV-9 (dem Gemini Agena Target Vehicle) folgte. Nachdem der genaue Startzeitpunkt der sowjetischen Rakete nicht genau bekannt ist, die beiden Startorte aber neun Zeitzonen auseinander liegen, ist die  Wahrscheinlichkeit,  dass sie mehr 12 Stunden auseinander liegen recht hoch.

Vor dem Jahre 1966 kam es des Öfteren zu zwei oder mehr aufeinander folgende Fehlstarts, die sich im Zeitabstand zwischen 24 und 36 Stunden ereigneten. So am 12. und 13. Juli 1965 (es betraf damals den US-Spionagesatelliten Samos 20/KH-7 und den russische Spionagesatelliten Zenit 2-28) und am 20. und 21. April 1964 (eine sowjetische Luna-Mondsonde, die an Bord einer Molnija-Trägerrakete am 20. April um 10:08 Uhr gestartet war und die beiden Navigationssatelliten Transit 5BN3 und 5E2, die am 21. April um 20:50 Uhr als Paar mit einer einzelnen Thor-Able Star in den Orbit gebracht werden sollten).

Am 26. April 1963 gab es einen vergleichbaren Fall, als eine Scout X-2M mit dem experimentellen militärischen Wettersatelliten P-35-4 und eine Thor Agena D mit dem Aufklärungssatelliten Discoverer 61 jeweils einen Fehlstart erlitten. Hier ist jedoch der Startzeitpunkt der Scout nicht gesichert. Bekannt ist jedoch, dass die Thor-Agena um 22:13 mitteleuropäischer Zeit die Startrampe LC-75 der Startbasis Vandenberg verließ.

Am 24. und 25. Oktober 1962 lagen zwei sowjetische Fehlstarts rekordverdächtig nahe beieinander, als zunächst in den Abendstunden des 24. Oktober eine Molnija mit einer Marssonde bereits beim Start scheiterte und am 25. Oktober eine Kosmos 2-Trägerrakete mit Kosmos 12 nicht die Umlaufbahn erreichte.

Und noch ein Negativ-Rekord, den wir hier aber nicht weiter vertiefen wollen: Zwischen dem 10. und 26. Oktober 1960 und zwischen dem 19. und 27. März 1964 kam es zu jeweils vier Fehlstarts in Folge.

Bei all diesen Fällen ist jedoch zu berücksichtigen, dass sie im ersten Jahrzehnt der Raumfahrt stattfanden. Damals galt eine Zuverlässigkeitsrate 70 % als akzeptabel, 80 % als gut und 90 % waren eine Traumquote. Dazu fanden nach 1963 jeweils mehr als 100 Starts jährlich statt. Heute sind es im langjährigen Mittel um die 75. Die Wahrscheinlichkeit von "Mehrfach-Fehlstarts" war somit schon von der höheren Startfolge her wesentlich größer als heute.

Im Zeitraum Januar bis August 2011 - also in der Mitte des fünften Raumfahrtjahrzehnts - ist es bei bislang 46 Starts bereits zu vier Fehlstarts gekommen. Dabei konnte man keine dieser 46 Missionen ernsthaft als Testflug oder auch nur als frühe Mission neu eingeführter Trägerraketen ansehen. Kein guter Wert.

Bei Fehlstart zwei an diesem Tag sieht es derzeit so aus, als hätte es beim Start in Jiuquan ein Problem bei der Stufentrennung gegeben (die Langer Marsch 2C ist nur zweistufig).

Hier ist es interessant zu beobachten, wie sich dieses Missgeschick auf die Startfolge der kommenden Missionen auswirkt. Erste und zweite Stufe sind über die komplette Langer Marsch-Trägerfamilie praktisch identisch und wenn hier ein generischer Fehler vorliegt (beispielsweise ein Fertigungsproblem), würde sich das auf alle weitere Starts auswirken. Die nächste Mission stünde in China bereits für den kommenden Donnerstag an. Es ist der Start des experimentellen Tiangong-1 Raumstationsmoduls. Als Träger dafür wird eine dreistufige Langer Marsch 2G eingesetzt. Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass es hier zu Verschiebungen kommen wird.

Der Start dieses Moduls hat einen extrem hohen Aufmerksamkeitswert, vor allem auch international, und es ist obendrein eine enorm teure Mission. Ein Fehlstart hier wäre nichts anderes als eine Katastrophe für China. Finanziell und psychologisch. Diese Mission wird man nur dann starten, wenn die Fehlerursache des Langer Marsch 2C Starts definitiv geklärt ist.