Header

In der Nacht von Samstag den 13. auf Sonntag den 14. Juni nahm Europas spektakuläre Kometenmission eine schon fast nicht mehr erhoffte Wendung. Die Controller in Darmstadt erhielten eine Nachrichtensendung von Rosetta, in der sich eine Überraschung befand: 300 Datenpakte vom verschollenen Philae-Lander. Die letzte Meldung davor stammte vom 15. November 2014 um 1:15 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit.

Wir erinnern uns: Nach einer holprigen Landung am 12. November war Philae im letzten November in einer dunklen, praktisch lichtlosen Ecke des Kometen zur Ruhe gekommen. Philae war dafür ausgelegt, dass er sich mit Harpunen, die er bei der Landung in den Boden feuern sollte, festhalten konnte. Zusätzlich hatte er Eischrauben, um sich nach der Bodenberührung an Ort und Stelle zu fixieren. Doch dann versagten beide Landesysteme, was dazu führte, dass Philae in der geringen Schwerkraft des Kometen gleich nach dem Bodenkontakt wieder "hochsprang", und erst mehr als zwei Stunden später und mehr als einen Kilometer von der vorgesehenen Landestelle entfernt in einem zerklüfteten Trümmerfeld liegenblieb. Obendrein auch nicht in aufrechter Position, sondern auf der Seite liegend.

Schnell zeigte sich, dass seine Solargeneratoren in dieser Position nutzlos waren. Philae konnte jetzt nur noch mit dem Strom Wissenschaft betreiben, den er zuvor in den Batterien gespeichert hatte. Der reichte für eine Betriebszeit von 57 Stunden. Am 15. November, kurz nach ein Uhr früh mitteleuropäischer Zeit verstummte der kleine Lander. Zu diesem Zeitpunkt war Komet 67P/Churyumov Gerasimenko noch 450 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt. Die Offiziellen der ESA hofften allerdings schon damals, dass sich Philae wieder melden würde, wenn sich die Beleuchtungsverhältnisse am Landeort verbesserten.

Seit dem 12. März versuchte die ESA wieder, Kontakt mit Philae aufzunehmen. Aber der ließ nichts von sich hören, und als auch im April und Mai keine positiven Nachrichten hereinkamen, hörte man immer seltener von den Versuchen mit der Sonde in Kontakt zu treten. Nachdem auch in der ersten Junihälfte alle Versuche erfolglos blieben, Philae zu kontaktieren hatte man schon so halbwegs aufgegeben. Auch auf Fotos war der kleine Lander nicht zu entdecken, zumindest nicht eindeutig, was die Vermutung bestätigte, dass er in einer Spalte oder einem Geländeriss festsitzt.

Doch nun die Überraschung. Philae meldete sich über Rosetta als Relay um 22:28 Uhr mitteleuropäischer Zeit am Samstagabend. Zwar nur für 85 Sekunden, aber das reichte, um eine erste Statusmeldung zu übermitteln. Zur weiteren Überraschung der Missionskontroller teilte er darin auch mit, dass er noch weitere 8000 Datenpakete in seinem Speicher abgelegt hatte. Offensichtlich war Philae schon Tage zuvor wieder ans Werk gegangen, und hatte bereits vergeblich versucht, Kontakt mit der Erde aufzunehmen. Allerdings war die Muttersonde Rosetta, die den Kometen momentan in einer Entfernung von 235 Kilometern umrundet, nicht optimal positioniert gewesen, um seine Signale zu empfangen. Wegen des schwachen Senders an Bord von Philae wird Rosetta als Relay benötigt. Philae sendet seine Daten dorthin, Rosetta verstärkt das Signal und sendet es weiter zur Erde.

In den nächsten Tagen wird die Projektleitung Kommandos an das Mutterschiff senden, um es wieder näher am Kometen zu platzieren. Damit verbessern sich die Chancen auf einen guten Funkempfang. Der Kontakte mit Philae ist jedenfalls derzeit noch sehr fragil. Das nächste Kommunikationsfenster wäre bereits Sonntagmittag möglich gewesen. Da hat Rosetta aber nichts empfangen (oder Philae nicht gesendet). Bei einem weiteren Slot am Abend meldete sich Philae wieder, allerdings nur dreimal für jeweils 10 Sekunden.

Die von Philae übermittelten Daten offenbaren bereits einiges über den Zustand des Landers. Offensichtlich bekommen die Solargeneratoren derzeit für 135 Minuten pro Tag Sonnenlicht. Dieser Wert ist noch zu gering, um die Batterien erfolgreich zu laden. Die Arbeitstemperatur beträgt derzeit -5 Grad. Die Stromleistung, die Philae in den gut zwei Stunden zur Verfügung steht, beträgt derzeit maximal 24 Watt. Zum Hochfahren alleine und für die Kommunikation benötigt Philae 19 Watt. Sehr viel geht also derzeit noch nicht, denn auch die energieärmsten Forschungsinstrumente benötigen jeweils etwa 5 Watt, um zu arbeiten. Das könnte sich aber später ändern, wenn wieder genug Strom verfügbar ist, um ihn in den Batterien zu puffern.

Erst wenn ein regelmäßiger und stabiler Kontakt besteht, und die Ingenieure den Zustand des kleinen Raumfahrzeug gut verstehen, können sie wieder Kommandos für die Ausführung eines wissenschaftlichen Programmes senden. Die Programme dafür wurden in den letzten Monaten schon vorsorglich entwickelt. Sie sind darauf ausgerichtet, den Lander zunächst wissenschaftliche Arbeiten auf niedrigem Energielevel ausführen zu lassen, die es nicht erfordern, dass die Batterien geladen sind.

Die neue Wissenschaftssequenz würde damit beginnen, dass nacheinander die Instrumente erprobt werden. Dabei wird mit denen begonnen, die am wenigsten Energie verbrauchen: Thermometer, Magnetfeldmessgeräte, Messgeräte für die elektrische Leitfähigkeit der Kometenoberfläche. Sie verbrauchen jeweils etwa 5 Watt. Man könnte derzeit also nur ein einziges der Geringverbraucher betreiben.

Eine zweite Gruppe von Instrumenten hat einen Energieverbrauch von etwa 15 Watt. Sie könnten schon relativ bald aktiviert werden, wenn die Ingenieure bereit sind, sie ohne parallelen Radiokontakt zu betreiben. Zu dieser Gruppe gehören die Kameras oder die Funkmessgeräte. Es ist zu erwarten, dass die Ingenieure und Wissenschaftler so bald wie möglich neue Fotos haben wollen, denn seit den letzten Bildern vom November vergangenen Jahres haben sich die Beleuchtungsverhältnisse entscheidend gebessert. Mit dem Funkortungsgerät könnte die genaue Entfernung zu Rosetta bestimmt werden und damit der Standort von Philae auf dem Kometen genau lokalisiert werden.

Verbessert sich die Sonneneinstrahlung noch mehr, können auch die Batterien wieder aufgeladen werden. Danach stünde genügend Strom zur Verfügung, um auch Experimente zu betreiben, die viel Strom benötigen. Wobei "viel" bei Philae relativ ist, in diesem Fall etwa 25 Watt pro Vorrichtung. Zu diesen Geräten gehören auch zwei Öfen, mit denen die chemischen Elemente des Kometen analysiert werden können. Ein anderer "Stromfresser" ist der Bohrer. Er könnte schlussendlich sogar eingesetzt werden, um die ganze Sonde zu bewegen. Dazu muss allerdings deren Lage in dem schroffkantigen Trümmerfeld sehr genau analysiert werden.

Die Beleuchtungsverhältnisse am "Landeort" von Philae - und damit die Energieversorgung der Sonde - werden sich in den nächsten beiden Monaten weiter verbessern. Der Komet erreicht am 13. August sein Perihelion, also den sonnennächsten Punkt.

Bild: Cartoon des kleinen Landers. Quelle: ESA