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Credit und Bildrechte: Jerry Lodriguss (Catching the Light) Salve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der neunte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

Als ich vor kurzem abends über das Forum spazierte, schien der Vollmond halbhoch aus südöstlicher Richtung. Sein silbernes Licht ließ alle Gebäude und Säulen Schatten werfen, den Tempel des Saturn, das Heiligtum der Venus Cloacina, die Curia, nicht aber das gewaltige Colosseum am Fußende des Forums, denn das gibt es noch nicht. Das wird Vespasian erst in sechzig Jahren bauen lassen.

Der Vollmond hat mich seit meiner Kindheit fasziniert. Damals war er für mich wie ein freundlicher Gast, der hin und wieder bei uns vorbeikommt, vom Himmel heruntersieht. Ich war damals zu jung, um irgendeine Regelmäßigkeit in seiner Wiederkehr zu erkennen, es war also mehr eine freudige Überraschung ihn zu sehen. Manchmal blieb er sogar nächtelang am Himmel.

Mein Weg führte mich also über das Forum, und mitten im Mondlicht blieb ich stehen, weil mir ein Gedanke kam, der mich seit jenen Jugendtagen beschäftigt: Wie sieht die Welt des Mondes aus?

Der Mond hat Zivilisationen seit dem Altertum beschäftigt, und damit meine ich das richtige Altertum, Jahrtausende vor uns Römern. Man entdeckt ihn auf der Himmelsscheibe von Nebra. Und man erkennt ihn sogar in der gewaltigen Anlage der Megalithen von Knowth in Irland, dreitausend Jahre vor Cäsar und Augustus und meiner Wenigkeit. Überhaupt sind Sonne und Mond die beiden Stars am Himmel – ein sehr modernes Wortspiel, das ihr mir hoffentlich verzeiht.

An eurer Stelle wäre ich ein bisschen strenger, wenn modische Sternfreunde, stolz auf ihr telescopium (Hereingelegt! Das Wort gibt es im Lateinischen nicht, das Gerät schon gar nicht), die Nase vor der Mondbeobachtung rümpfen und sagen, das wäre Anfängersache. Asinus est, wer das schönste Objekt am Nachthimmel missachtet. Auch und gerade mit einem Zehnzöller.

Aber ich schweife ab. Denn mein großer Wunsch ist es, zu wissen, wie es am Mond aussieht. Wer dort lebt. Ist alles in Gold getaucht, die Städte, die Flüsse, die Berge? Dass der Mond nur durch das Sonnenlicht leuchtet, wusste schon Anaxagoras. Galilei wird in seinem Siderius Nuntius erste Zeichnungen der Oberfläche machen. 1835 wird eine Zeitungssatire die Menschen glauben machen, der Mond sei phantastisch bewohnt: der berühmte große Mondschwindel. Und für euch ist der Mond staubig und grau und trotzdem träumt ihr von Kolonien auf ihm. Warum eigentlich?

Der schönste Ausflug in die Welt des Mondes kommt aus der Musik: Il mondo della luna, oder Die Welt auf dem Monde, ein dramma giocoso in drei Akten von Joseph Haydn. Man sagt, der Text komme vom berühmten Carlo Goldoni, dem Komödianten aus Venedig, und zuzutrauen wäre es ihm. Wir sehen eine Geschichte voller Poesie. Leandro liebt Clarissa, die Tochter von Buonafede. Buonafede liebt den Himmel und die Sterne, am meisten aber den Mond. Leider liebt er Leandro nicht, und so müssen die Liebenden den Vater von ihren Absichten überzeugen. Und weil Buonafede zu gerne wüsste, wie es am Mond aussieht, schenkt man ihm ein Teleskop und einen Schlaftrunk ein dazu. Wer wissen will, wie die Geschichte weiter geht…

Da stand ich also am Forum im Mondlicht und dachte an die Gottheit Luna Noctiluca und wusste vom modernen Mond noch nichts.

Wir sprechen uns bald wieder.

Marcus Tullius Astrum