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Credit: Stellarium 0.8.2 (http://www.stellarium.org) Salve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der achte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

An den ersten Märzabenden kann man die Sterne des Winters und die des Frühlings gleichzeitig sehen. Das reiche Funkeln des Winterhimmels verschiebt sich nach Westen, und es ist Zeit, sich von einem der schönsten Sterne zu verabschieden: Aldebaran im Sternbild Stier.

Bild-Credit: Stellarium 0.8.2 (http://www.stellarium.org)

Im alten Rom nennen wir den roten Stern, das Auge des Stieres, nicht bei seinem arabischen Namen, wie ihr das heute tut, sondern er heißt Palilicium. Pales ist die Schutzgöttin der Hirten, und um die Zeit, da wir ihr Fest feiern, verschwindet dieser schöne Stern langsam in der Abenddämmerung. Publius Terentius Varro Atacinus, der übrigens die Argonautensage ins Lateinische übersetzt hat, sagt uns, das möchte ich anmerken für den kritischen Leser, Pales sei eine männliche Gottheit. Mein Freund Ovidius – und dem vertraue ich – sagt eher, es ist eine Göttin.

Einerlei. Das Fest Parilia werden wir am 21. April feiern. Noch ist es nicht so weit, noch funkelt Aldebaran hoch am Abendhimmel. Seine Farbe ist kaminrot. Eure moderne Astronomie, in der Mythologie und Sensibilität keinen Platz mehr haben, wird ihn Alpha Tauri nennen, wird sagen, er sei ein Stern der Spektralklasse K-5-III, 65 Lichtjahre entfernt, mit einer 150-fachen Sonnenleuchtkraft und dem 44-fachen Durchmesser der Sonne. Schwindelerregende Tatsachen für unsereins aus der Antike.

Verscheucht für einen Moment die Wirklichkeit im Weltraum. Aldebaran ist in der christlichen Mythologie – damit schlagen wir uns im Jahre 9 noch nicht herum – auch der Name eines gefallenen Engels. Man staunt! Das Buch Henoch, eines der Pseudoepigraphen des Alten Testaments, erzählt im zweiten Teil, dem Buch der Wächter, von Engeln, die auf die Erde herabsteigen und mit Frauen Riesen zeugen. Tantum apologus est. Texte davon wird man im zwanzigsten Jahrhundert in den Höhlen von Qumran finden. Und der Sternenfreund staunt: Der vierte Teil des Henochbuches enthält eine Himmelsbeschreibung und wird das Astronomische Buch genannt. Wie doch die Fäden sich weiter spinnen und vernetzen!

Vom Sternbild Stier hab ich dabei noch gar nicht gesprochen. Zeus, verliebt, Europa, verführt. All das erzählt euch poetischer als ich es kann mein Freund P. O. Naso.

Das schönste aber berichte ich euch zum Schluss: Aldebaran ist einer der vier Königssterne. Schon die Perser und Babylonier, deren Sternenkundigkeit ich sehr schätze, haben vier Sterne des Himmels zu besonderer Ehre erhoben. Es sind vier Sterne unter den hellsten des Himmels, und sie stehen in gleichen Abständen von sechs Stunden um den Himmelskreis. Jeder von ihnen regiert also eine Jahreszeit. Aldebaran ist der Königsstern des Winters, Wächter des Ostens, sein Symbol ist das Auge. Vor meinem Herrn, Kaiser Augustus, erwähne ich das Wort Königsstern aber nicht, man weiß nie, er könnte eifersüchtig werden.

Der zweite Königsstern, Wächter des Nordens, steht, von uns unbemerkt, nun auch schon hoch am Himmel. Es ist Regulus im Sternbild Löwe. Mit seiner Herrschaft beginnt der Frühling.

Wir sprechen uns bald wieder.

Marcus Tullius