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Venus im sichtbaren Licht; Credit: NASA Salve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der fünfte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

Ihr werdet es nicht glauben, ich bin baden gegangen. Ein paar Tagesreisen von Rom entfernt liegt Saturnia mit seiner heißen Quelle. Eine Wohltat! Da sprudelt schwefelhaltiges Wasser beständig aus den Tiefen der Erde, achthundert Liter in einer einzigen Sekunde, gestern ebenso wie heute (und morgen).

Bild: Venus im sichtbaren Licht; Credit: NASA

Das Wort Therme ist griechischer Natur, und im Jahre 9 nach Christus sagen wir zudem noch „balneum“, was allerdings ebenso griechischer Herkunft ist. Mehr und mehr wird diese Badekultur zum wichtigen sozialen Element werden, man trifft sich hier, plaudert, genießt, regeneriert. Besonders an so einem kalten Februartag in Saturnia. Rom, caput mundi, ist weit weg. 

Meine Sternfreunde, ihr werdet nun einwenden, dass das alles mit Astronomie nicht viel zu tun hätte, und ihr bittet mich aufzuhören. Aber habt kurz Geduld, Gedanken gehen oft im Kreis, um ganz woanders anzukommen. (Im Übrigen würde euch ein Tag in der Therme auch nicht schaden, ihr seid immer so pallidus, blass, von der nächtlichen Sternguckerei.)

Ich lag also im warmen Wasser, und während ich da lag und den schwefelhaltigen Dampf einatmete, kam mir dieser Gedanke: So muss es auf der Venus riechen! Nun ist die Erkenntnis, wie es auf der Venus aussieht und was dort alles in der Luft hängt, neuerer Art. Erst 1932 wird man durch Spektralanalyse Kohlendioxid als wichtigsten Teil ihrer Atmosphäre erkennen.

Aber die Venus ist zu allen Kulturzeiten ein auffälliges Objekt gewesen, strahlt sie doch, nach Sonne und Mond, heller als jedes andere Gestirn am Firmament. Die Tafeln des Ammi-Saduqa aus Babylon sind das älteste Dokument einer Planetenbeobachtung: der Venus. Für uns Sterndeuter in Rom ist sie wichtig (ihr verzeiht). Galileo wird durchs Teleskop ihre Phasengestalt erkennen und damit das heliozentrische Weltbild stärken.

Und während ich da lag und meine Muskeln sich entspannten im steten Fluss der Saturnia-Quelle, begann es zu dämmern. Und hoch über dem dampfenden Bad begann ein Stern zu funkeln: Venus, der Abendstern! (Ihr verzeiht mir dass ich Venus zwei Mal Stern nannte, ich tat’s wegen der Poesie.)

Was für ein Zufall, dass in diesen Tagen, genauer gesagt am 19. Februar eurer Zeit, 2009, die Venus ihren maximalen Glanz am Abendhimmel erreicht, mit minus vier komma sechs Magnituden (ihr benutzt wirklich viele lateinische Wörter in der Astronomie).

Geht daher am Abend vor eure Tür, nehmt eure Familien und Freunde mit, und betrachtet den Schwesterplaneten der Erde, das Treibhaus, die Göttin der Schönheit, die Schwefelhölle. Wie still sie doch am Himmel steht.

Man meint, sie wirft sogar Schatten in dieser Nacht.

Entspannt vom Thermalwasser sprechen wir uns bald wieder.

Marcus Tullius