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Credit: NASA, ESA and AURA/Caltech Salve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der vierte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.  

Letztens sprach ich vom Eisvogel. Erinnert ihr euch?

Mein Freund Publius Ovidius Naso erzählt uns von Alkyone, die nach ihrem Tod in einen Eisvogel verwandelt wird. Es ist natürlich alles wegen der Liebe. Ihr Gatte Keyx kommt im Sturm um, Alkyone erbittet nichtsahnend seine Heimkehr, der Traumgott Morpheus erzählt ihr im Schlaf die Wahrheit, und so weiter und so fort.

Bild-Credit: NASA, ESA and AURA/Caltech

Wir sollten ein Detail dieser bezaubernden Geschichte nicht übersehen. Alkyone ist, meine Sternfreunde, auch der Name des hellsten Sterns der Plejaden, wenngleich diese Alkyone einer andern Geschichte entstammt.

Noch ist tiefer Winter bei euch, auch bei uns in Rom. Erst ein paar Wochen ist das neue Jahr alt, und am Himmel leuchten die Sterne des Winterhimmels. Gehen wir auf eine kleine Kulturreise auf den Spuren der Plejaden. Ihr habt doch Zeit?

Fragt nicht, ob die alten Römer die Plejaden denn schon kannten. Natürlich! Sie waren schon den Sumerern bekannt, den Assyrern, den Babyloniern, den Chinesen, und so fort. Man meint sie sogar in den Steinzeithöhlen von Lascaux abgebildet zu sehen, und deutlich erkennt man sieben Goldpunkte auf der Himmelsscheibe von Nebra. Fast jede Kultur sieht eine Gruppe, ein Bild, eine Geschichte. Obwohl die Plejaden das „Siebengestirn“ genannt werden, erkennt Augustus, mein Kaiser, manchmal nur sechs Sterne. Pleione ist ein veränderlicher Stern und entschwindet in seinem Minimum seinen schlechten Augen. Ich sehe neun Sterne, sieben Schwestern und ihre Eltern.

Als Kalendergestirn sind die Plejaden wichtig für uns im Alten Rom. Ihr Frühuntergang im Spätherbst und ihr Frühaufgang im Mai sind Signalgeber für Bauern (nicht nur die lykischen) ebenso wie für jene, die mit ihren Schiffen das Mare Nostrum befahren.

Und ihr, ihr werdet eines Tages ganz anders von den Plejaden reden. Ihr werdet sagen, sie seien ein offener Sternhaufen in rund 380 Lichtjahren Entfernung mit über tausend Sternen, die erst hundertzwanzig Millionen Jahre alt sind, plus minus. Tempora tarde labentia, Langeweile macht sich breit, so ganz ohne mythologisches Geheimnis.

Und doch! Es gibt tatsächlich Menschen, Zeitgenossen eurer Zeit, liebe Sternfreunde, die glauben, die Plejaden wären die Heimat einer alten Zivilisation, der Menschheit weit überlegen. Nicht dass schon einmal jemand die Plejaden besucht hätte, vielmehr umgekehrt soll es geschehen sein. Warum? Vielleicht weil sie Geborgenheit am Himmel ausstrahlen, ein Grüppchen zartblauer Sterne. Venetus, caeruleus: blau. Die Suche nach der Blauen Blume wird zum Beispiel in der Zeit der Romantik zum Bild für die Suche nach Erfüllung. Ich schweife ab.

Geht doch in diesen Tagen in die Winternacht hinaus und betrachtet den Sternhaufen der Plejaden. Ein Juwel am Himmel, das uns durch die Zeiten begleitet.

Wir sprechen uns bald wieder.

Marcus Tullius