Der Halo unserer Milchstraße wird nicht nur von Kugelsternhaufen und (bisher noch nicht entdeckter) Dunkler Materie bevölkert, sondern auch von gewaltigen Schleifen  durchzogen – den Sternströmen. Ergebnisse einer Himmelsdurchmusterung, des Sloan Digital Sky Survey (SDSS) zeigen, dass es weit mehr dieser Ströme gibt als bisher bekannt war. Auf einer Tagung in Chicago stellten Astronomen nun ihre Beobachtungen vor.

Sternströme sind Gruppierungen von Sternen, die sich auf einer gemeinsamen Bahn um unsere Galaxie bewegen. Bisher kannte man ein knappes Dutzend dieser zwischen Zehntausend und mehr als einer Million Sterne enthaltenden Strukturen. Bei einigen handelt es sich um die Reste von zwergenhaften Satellitengalaxien, die der Milchstraße zu nahe kamen und durch die Gravitation auseinander gerissen wurden,  bei anderen um einstige Kugelsternhaufen. Die Stromsterne selbst sind daher meist alt und metallarm. Wieder andere bestehen aus reinen Wasserstoffwolken und enthalten überhaupt keine Sterne. Einige Ströme bilden regelrechte Ringe oder Schleifen, die galaktische Scheibe umgeben.

Auch Bewegungssternhaufen wie die Plejaden oder Hyaden werden oft als Sternstrom bezeichnet. Sie umkreisen das galaktische Zentrum jedoch wie der Hauptteil der Sterne innerhalb der Scheibe und zeichnen sich dadurch aus, dass sich die Haufenmitglieder alle in eine bestimmt Richtung bewegen – wie die Gaswolke, aus der der Haufen einst entstanden ist. 

Bei den Sternströmen, die von den Wissenschaftlern des SDSS entdeckt wurden, handelt es sich aber um Ströme im ersteren Sinn. Die Sterne liegen nicht nur in der galaktischen Scheibe, sondern reichen bis in den Halo – einer annähernd kugelförmigen Struktur, die unsere Galaxie umgibt. Die Forscher um Kevin Schlaufman von der University of California, der die Ergebnisse auf der SDSS-Tagung präsentierte, untersuchten die Bewegung von rund 250.000 Sternen und fanden 14 neue Ströme, davon waren 11 bisher noch unbekannt. Kathryn Johnston von der Columbia University in New York verglich den Milchstraßenhalo sodann als ein „pasta-artiges Durcheinander“: Ihr theoretisches Modell (siehe Bild) des Halos weist eine Vielzahl von „Sternspaghettis“ auf, die mehrere 100.000 Lichtjahre in den Raum hinaus reichen. Offenbar fristet eine ganze Reihe von ehemaligen Zwerggalaxien ihr Dasein inzwischen als Materiestrom – andere hingegen haben die Begegnung gut überstanden und umkreisen die Galaxie noch intakt, auch von diesen fanden die Forscher 14 Exemplare.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Halo der Milchstraße weit komplexer ist, als man bislang angenommen hat. Die Astronomen rechnen noch mit einer hohen Zahl weiterer Sternströme – schließlich haben sie bei ihrer Himmelsdurchmusterung nur einen geringen Bruchteil der Sterne unter die Lupe genommen. Schlaufman hält es aufgrund der Beobachtungsdaten für möglich, dass alleine in den inneren 75.000 Lichtjahren um das galaktische Zentrum noch rund 1000 weitere Sternströme existieren könnten. Einige der beobachteten Strukturen könnten aber auch zu ein und demselben Strom gehören, was diese Zahl reduzieren würde.

Kanopus    

Bild: K. Johnston, J. Bullock