VLT; Credit: ESO Österreich tritt der ESO bei

Seit 23. April 2008 ist es offiziell: Österreich wird der ESO beitreten, der größten internationalen Organisation in der astronomischen Forschung.

Das Kürzel ESO steht für European Southern Observatory, auf Deutsch übersetzt soviel wie "Europäische Südsternwarte". Die ESO wurde 1962 von den Staaten Belgien, Deutschland, Frankreich, Niederlande und Schweden gegründet. Von Anfang an war das Ziel die europäische Forschung im Bereich Astronomie und Astrophysik zu stärken und den Bau von großen Sternwarten auf der Südhalbkugel voranzutreiben. Damit sollte auch ein starkes europäisches Gegengewicht zur zur damaligen Zeit sehr von den USA dominierten Forschung geschaffen werden.

Bis zum heutigen Tage zählen 13 europäische Staaten zu den Mitgliedern der ESO - Österreich wird in wenigen Wochen offiziell als 14. aufgenommen werden. Die ESO betreibt heute die weltweit modernsten astronomischen Observatorien, die sich allesamt auf der Südhalbkugel unseres Planeten, in Chile, befinden. Unter anderem gehört dazu das VLT, das ist die Abkürzung für Very Large Telescope, und der Terminus Very Large ist hierbei mehr als gerechtfertigt. Der Komplex liegt auf dem Gipfel des 2635 Meter hohen Cerro Paranals, einem Berg in den chilenischen Anden und besteht aus vier Teleskopen mit jeweils 8.2 Metern Spiegeldurchmesser. Die Technik der so genannten optischen Interferometrie erlaubt es das Licht aller vier Einzelteleskope in einem gemeinsamen Brennpunkt zusammenzuführen, womit die Lichtsammelleistung eines 16.4 Meter großen Einzelteleskops erreicht wird. 

Pressekonferenz auf der Wiener Universitätssternwarte; Bild: Dr. Franz KerschbaumÜbrigens war der Paranal vor kurzem Drehort für den neuesten James-Bond-Film "Quantum of Solace". Die futuristischen Unterkünfte für die ESO-Astronomen scheinen es den Filmemachern angetan zu haben.

Des weiteren plant die ESO bereits das so genannte ELT - das Extremely Large Telescope. Dieses Teleskop soll einen Durchmesser von 42(!) Metern haben und aus 906 sechseckigen Einzelspiegelelementen zusammengesetzt sein. Solche Dimensionen sind wir bis jetzt von Radioteleskopen gewohnt, nicht aber von Observatorien im optischen Wellenlängenbereich. 

Dies sind nur einige Beispiele dessen, was durch die ESO und damit die internationale Zusammenarbeit vieler Wissenschaftler und Techniker aus unterschiedlichen europäischen Staaten erreicht wurde. Ab jetzt wird auch unser Land von dieser Zusammenarbeit profitieren können - nicht nur was die angewandte Forschung in der Astronomie betrifft, sondern auch die Auftragsvergabe bei neuen Projekten der ESO. So hat auch die heimische Wirtschaft etwas davon. 

So großartig die ESO ist und so erfreulich die Entscheidung unserer Bundesregierung von der österreichischen Forschergemeinschaft aufgenommen wurde, so unerwartet und überraschend kam doch für mich und viele andere Beteiligte die Nachricht des positiven Verlaufs der Beitrittsverhandlungen. Um dies zu verstehen muss man einmal die Vorgeschichte kennen. 

Die ersten Bestrebungen der heimischen Astronomen und Astrophysiker der ESO beizutreten reichen bereits bis in die 1960-er Jahre zurück. So kam es im Jahre 1973 zu den ersten offiziellen Beitrittsverhandlungen, die leider negativ verliefen. Auch in den folgenden Jahrzehnten, waren unsere Regierungen nicht dazu zu bewegen dem Engagement der Astronomen entgegenzukommen. 1981 wie auch 1991 verliefen Beitrittsgespräche im Sande. 

Erst mit Beginn des neuen Jahrtausends flammte wieder neue Hoffnung auf. Das Wissenschaftsministerium gab Untersuchungen in Auftrag, die die Sinnhaftigkeit und den Wert eines ESO-Beitritts untersuchen sollten. So kam es, dass sich zwei unabhängige Gremien, der "Rat für Forschung und Technologieentwicklung" im Jahre 2003, als auch der "Österreichische Wissenschaftsrat" im Jahre 2005, dafür aussprachen. Aus einer 2005 vom Grünen Nationalratsabgeordneten Kurt Grünewald getätigten Anfrage an die damals zuständige Ministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) geht hervor, dass diese prinzipiell den Ansichten des "Rates für Forschung und Technologieentwicklung" zustimmt.

Wissenschaftsminister Johannes Hahn wirft einen Blick durch das historische TeleskopSchließlich wurden 2006 doch tatsächlich, zum nunmehr 4. Mal, Verhandlungen zu einem ESO-Beitritt aufgenommen, nachdem eine Delegation des Ministeriums einige ESO-Standorte besucht hatte. Doch wie es die österreichische Art ist, könnte man meinen, haben sich die Verhandlungen ziemlich in die Länge gezogen. Österreich müsste für einen Beitritt eine einmalige Gebühr von 25.1 Millionen Euro begleichen. Diese sollte, so wollten es die Verhandlungsführenden, teilweise in Sach- und Personalleistungen abgegolten werden. Weiters müsste Österreich für eine dauerhafte Mitgliedschaft jährlich einen Beitrag von drei Millionen Euro entrichten.

Am 14. Dezember 2007 erklärte Ministerialrat Daniel Weselka sich bereit am Institut für Astronomie der Universität Wien eine Stellungnahme zu den laufenden Verhandlungen abzugeben. Mittlerweile gab es eine neue Regierung und einen neuen Wissenschaftsminister - Johannes Hahn (ÖVP). Laut Weselkas Ausführungen sei das Entgegenkommen der Verhandlungspartner, sprich der ESO, unzureichend und die veranschlagten Beitrittskosten von 25.1 Millionen Euro mit den derzeitigen budgetären Mitteln nicht zu finanzieren. Ein Schlag ins Gesicht für die Astronomen. Nach diesen Nachrichten waren selbst die größten Optimisten unter den Astronomen und Astrophysikern nicht mehr von einem positiven Verlauf der Verhandlungen überzeugt. In wenigen Monaten würde die Entscheidung offiziell bekannt gegeben werden und wie es schien gab es diesem Entschluss nichts mehr entgegen zu setzen.

Pressekonferenz anlässlich der Bekanntgabe des ESO-BeitrittesEinige Monate später, Mitte April 2008, wurde das Gerücht laut, der Minister hätte dem ESO-Beitritt zugestimmt und die Abstimmung im Nationalrat sei nur noch eine reine Formsache. Ungläubiges Staunen, zurückhaltende Freude und Begeisterung waren in der Fachgemeinschaft allgegenwärtig. Was hat den Minister bewogen seine Entscheidung zu ändern? - Diese Frage war in aller Munde. Selbst jene Forscher, die sehr aktiv am Beitrittsgesuch engagiert waren konnten sich diese Wende nicht erklären.

Offiziell wurde es schließlich am 23. April 2008 im Ministerrat beschlossen, und am nächsten Tag gab es eine Pressekonferenz des Ministers mit dem ESO-Generaldirektor Tim de Zeeuw. Österreich wird beitreten und die einmalige Gebühr wie gefordert begleichen, wobei etwa 25 Prozent dieser Gebühr in Form von Sach- und Personalleistungen eingebracht werden. Laut Minister Hahn war es "die richtige Entscheidung". Auf die Frage, wieso es nun zu dieser überraschenden Wende kam, gab es nur ausweichende Antworten und keine konkreten Statements. Es ist kaum anzunehmen, dass die ESO in den Verhandlungen mehr Entgegenkommen gezeigt hat, da ja die Kosten die gleichen geblieben sind. Ich lade Sie, liebe Leser, ein, sich Ihr eigenes Urteil zu bilden!

Andreas Leitner  
Bilder: Dr. Franz Kerschbaum