Colin Pillinger; Credit: Beagle 2 Project Die Umstände der Geldbeschaffung für das Projekt, die Konstruktion des Vehikels mit viel zu geringen Mitteln und die Abwicklung des Projektes waren so abenteuerlich, dass der Untersuchungsbericht der Angelegenheit nie vollständig veröffentlicht wurde. Das Vorhaben war eine Katastrophe von Anfang an. Und nicht gerade unbeteiligt an der Sache war die schillerndste Person in der ganzen Angelegenheit.

Dr. Colin Pillinger, in Personalunion Chefwissenschaftler,  Chef-Promoter und Chef-Projektleiter des Vorhabens Beagle 2, hat eine doppelte Reputation für Exzentrizität. Erstens ist er Brite und zweitens Meteoritenforscher.

Damit lebt er normalerweise in einem wissenschaftlichen Ghetto, in dem es von sonderlichen Käuzen nur so wimmelt. Wissenschaftler dieser Spezies können ein ganzes langes Berufsleben ausschließlich damit verbringen, mittels esoterischen Nachweismethoden in kohligen Chondriten nach ihren Lieblingsisotopen zu fahnden.

Exzentrizität aber, die bei einem College-Professor im abgeschiedenen britischen Campus als liebenswerte Schrulligkeit akzeptiert werden kann, ist der reine Irrsinn bei einem Projektmanager, der - ausgestattet mit den Millionen der Steuerzahler - ein Vorhaben durchführt, das höchstens eine zufällige Aussicht auf Erfolg hat.

Es wurde klar, dass Dr. Pillinger diese Grenzlinie überschritt, als er sich auf eine Promotionstour zu den britischen Radio- und Fernsehstationen aufmachte und in Talk-Shows die Öffentlichkeit bat, ihm Geld in Umschlägen zu schicken, um sein Raumschiff bauen zu können.  

Nun ist die Bevölkerung Großbritanniens für flächendeckend komplettes Desinteresse an der Raumfahrt bekannt. Die europäische Weltraumbehörde weiß ein Lied davon zu singen, denn die britische Beteiligung an den Programmen der ESA hebt sich nur matt von der Null-Linie ab. Der staunende Beobachter fragt sich nur immer wieder, wie es den Engländern trotzdem gelingt, gemessen an ihrer lächerlich geringen finanziellen Beteiligung in fast allen ESA-Gremien grotesk überrepräsentiert zu sein.

Credit: Beagle 2 ProjectIn diesem Lande also versuchte Dr. Colin Pillinger Geld mit einer Methode aufzutreiben, die im raumfahrtbegeisterten Amerika schon unzählige Male gescheitert ist. Trotz der um ein mehrfaches größeren Bevölkerung hat es noch niemand geschafft, auf Basis öffentlicher Spenden auch nur ein einzelnes wissenschaftliches Experiment zu finanzieren, geschweige denn eine ganze Raumsonde. Sogar der einflussreichen Planetary Society mit der geballten Kraft ihrer 100.000 Mitglieder ist es aus eigener Kraft nicht mehr gelungen, seit die Finanzierung eines Pseudo-Experiments namens "Mars-Mikrofon" (das im übrigen mit dem bereits erwähnten von Lockheed gebauten Mars Polar Lander auf dem Roten Planeten zerschellte, ohne auch nur das leiseste Piepsen zur Erde zu übermitteln).

So war es für jeden halbwegs Informierten von vorneherein klar, dass Dr. Pillingers Versuch, Mittel auf diese Weise aufzutreiben, ein trostloser Fehlschlag werden würde. Die einzige nennenswerte Spende kam ausgerechnet von der Firma, die sowieso das ganze Geld dafür erhalten würde, das Raumfahrzeug zu konstruieren und zu bauen.

Pillinger kam sogar auf die Idee, eine Marketing-Beziehung zu einer Pop-Band namens "Blur" herzustellen. "Blur" heißt auf Deutsch "trübe", und genau das waren die Erfolgsaussichten des Programms, bis Dr. Pillinger schließlich den Dreh fand, der bedauerlicherweise immer wirkt: Die nationalistische Schiene.

Er erklärte der britischen Luft- und Raumfahrtindustrie den totalen Kollaps für den Fall, dass  dieses Vorhaben nicht finanziert werden würde. Dass es einen nicht akzeptierbaren Verlust an nationalem Prestige bedeuten würde, und die totale Herrschaft im Sonnensystem durch die aufgeblasenen Ex-Kolonisten in Nordamerika. Damit hatte er den richtigen Ton gefunden. Die britische Regierung spendete Geld. Leider aber verließ sich der britische Schatzkanzler auf Dr. Pillingers abenteuerlich optimistische Kostenschätzung, wodurch das Vorhaben schon bald wieder in der Bredouille war.

Zur selben Zeit hatte die britische Fraktion in der ESA durchgesetzt, dass der kleine Lander zum Bestandteil der Mars Express Mission geworden war. Ohne Beagle 2, so hatten die Briten die ESA-Bosse überzeugt, wäre Mars Express nur eine weitere langweilige Orbit-Mission. Um Mars Express im Brennpunkt der Öffentlichkeit zu halten, spendete die ESA zähneknirschend ein weiteres Bündel Euros, und das Raumfahrzeug wurde fertig gestellt.

Bis zum heutigen Tage gibt es keine klaren Angaben zu den Gesamtkosten des Vorhabens, die letztendlich aus den verschiedensten Quellen berappt wurden. Die publizierten Schätzungen schwanken zwischen 38 und 65 Millionen Euro. Die Gesamtkosten von Beagle 2 dürften aber gerade mal ein Drittel der Missionskosten des gescheiterten Mars Polar Landers der USA im Jahre 1999 gewesen sein. Der hatte 150 Millionen Euro gekostet, und die Untersuchungskommission hatte herausgefunden, dass die Kernursache für den Verlust dieser Mission im viel zu niedrigen Budget lag (weswegen unter anderem die Tests der Landesequenz unterblieben waren, mit denen die Fehler in den Gravity-Switches hätten aufgedeckt werden können).

Mars Pathfinder im Jahre 1997 war dagegen erfolgreich. Die Mission hatte etwa 280 Millionen Euro gekostet. Die Budgets dieser beiden Missionen geben uns damit die Eckpunkte dafür, was auf der einen Seite noch zuwenig ist, und auf der anderen Seite gerade ausreicht, um - auch dann immer noch mit Glück - mit einem funktionierenden Gerät auf der Oberfläche des Roten Planeten anzukommen.

 Wie also konnte irgend jemand annehmen, dass man mit einem derart lächerlichen Budget bei Beagle 2 erfolgreich sein könnte? Wie dem auch sei: Die kleine Sonde startete aus Kosten- und Zeitgründen ohne jedes Reservesystem, und auf die kann man bei einer Landung auf dem Mars nun mal nicht verzichten, wie speziell das Beispiel des amerikanischen Mars-Rovers Spirit zeigte, der seine breite Basis drei - und vierfacher Redundanzen vollständig ausschöpfen musste um eine sichere Landung zu bewerkstelligen. 

Man kann sich gut vorstellen, wie der Verantwortliche der mit dem Bau der Sonde beauftragten Firma auf die ESA-Prozeduren deutete, die penibel ausgearbeitete Tests, Reservesysteme und Qualitätskontrollen vorschreiben, und wie Colin Pillinger oder einer seiner Ingenieure mit den Augen rollen und dem Mann den Rat gaben: "Lass Dich doch von diesen Vorschriften nicht beeindrucken. Wenn' s Dich stört, dann dreh das Ding doch einfach um, Joe".

Teil 5: in Kürze

Astra