Genesis-Kapsel nach dem Einschlag; Credit: USAF 388th Range Sqd Für den Umgang mit diesem Satelliten gibt es Vorschriften, die ganze Schrankwände füllen. Was nichts hilft, wenn sie keiner liest und sich keiner dran hält und der Produktsicherungs-Ingenieur dessen Aufgabe es ist, jeden Schritt der ausführenden Techniker genau zu beobachten, immer noch im Vorraum in seinem Kaffee rührt und von den Mädels in der Disco schwärmt.

Und wie kam es dazu? In der Nachbarhalle sollte ein anderer Satellit auf einen ähnlichen Drehtisch montiert werden, aber irgendjemand hatte die Haltebolzen verlegt. Kein Problem, dachten sich die Leute. Im Nebenraum steht ja NOAA-N, und da sind die Kollegen schon im Wochenende. Der Techniker kam also rüber, schraubte die Stifte bei NOAA-N heraus und in seinen eigenen Drehtisch wieder hinein. Und dann vergaß er die ganze Sache.

Die Firma Lockheed scheint besonders anfällig für menschliche Schwächen dieser Art zu sein. Erinnern Sie sich noch an die Sache mit dem Mars Climate Orbiter? Dieses Lockheed-Raumfahrzeug sollte am 23. September 1999 in eine Marsumlaufbahn einschwenken. Tat es aber nicht. Stattdessen ging sie auf Kollisionskurs mit dem Roten Planeten und verglühte dort kurzerhand in den oberen Schichten der Atmosphäre. 

Was war passiert? Die zuständigen Ingenieure hatten den Bordcomputer so instruiert, dass er seine Navigationsangaben in imperialen Maßeinheiten zur Erde sendete. Die Navigationscrew bei der NASA nahm aber an, die Daten seien in metrischen Angaben gemacht worden. Und zwischen einem Zentimeter und einem Inch, einem Meter und einem Yard oder einer Meile und einem Kilometer ist nun mal ein gewisser, doch wie sich herausstellte ziemlich wesentlicher Unterschied.

Genesis Kapsel nach dem Einschlag; Credit: USAF 388th Range SqdNur wenige Monate später, im Dezember 1999 sollte der Mars Polar Lander, auch er ein Produkt von Lockheed Martin, dagegen tatsächlich auf dem Roten Planeten landen. Und zwar weich. Aber hier kam zum ersten Mal eine besondere Schwachstelle dieses Unternehmens zum Tragen, nämlich die Abteilung, welche für die so genannten "Gravity Switches" zuständig ist. Um die Sache abzukürzen: Dieses Bauteil meldete beim Ausfahren des Landegestells "BODENKONTAKT" an den Bordcomputer, der darauf hin das tat, was er bei Bodenkontakt geplant hatte. Nämlich das Landetriebwerk abstellen. Nur leider wurde das Landegestell - genau wie geplant - bereits mehrere hundert Meter über Grund ausgefahren. Den dabei auftretenden Ruck hatte der Gravity Switch fälschlicherweise als Landung interpretiert und das Triebwerk abstellen lassen. Seitdem gibt es einen neuen Krater auf dem Mars, dessen Wall viele Metallteilen der Firma Lockheed Martin zieren.

Etwa um dieselbe Zeit wurden - womöglich vom selben Techniker - auch in die Raumsonde Genesis zwei dieser Gravitiy-Switches eingebaut.  Die Aufgabe von Genesis war es, in einer mehrjährigen Mission im interplanetaren Raum Partikel des Sonnenwindes in einem Spezialkollektor aufzufangen und zur Erde zu bringen. Die Raumsonde war 1999 gestartet worden und kehrte nun am 8. September 2004 wieder zur Erde zurück. Alles klappte vorzüglich, das Einfangen der Partikel über mehrere Jahre, der Rückflug zur Erde, das Ablösen der Landekapsel, der Eintritt in die Erdatmosphäre. Jetzt wäre nun das Auswerfen des Landefallschirms als nächste Aktion gekommen, um die wertvolle Fracht sicher und vor allen Dingen weich auf den Boden des amerikanischen Bundesstaates Utah zu bringen. Unsere nun schon bekannten Gravity Switches sollten beim Auftreffen auf die Erdatmosphäre,  ausgelöst durch die eintretende Bremsverzögerung, einen Timer aktivieren, der kurze Zeit danach die Fallschirmsequenz einleiten sollte. Auch hier wollen wir es kurz machen: Waren die Gravity Switches beim Mars Polar Lander ein wenig - sagen wir mal - "übersensibel", war es bei Genesis genau umgekehrt. Das heißt, eigentlich waren sie nicht zu wenig sensibel. Sie funktionierten schlichtweg überhaupt nicht. Das Ende der Geschichte: Die Erdrückkehrkapsel von Genesis rammte sich ungespitzt in den Boden von Utah.

Nächster Teil: In Kürze

Astra