Robotlogo; Credit: ReichlKurz, lakonisch, knackig. Das ist Andrea Herlbauers Geschichte einer Begegnung an der sich die Jury ganz besonders erfreut hat. Für den Fall, dass Sie die Abenteuer von "Wall-E" im Kino gesehen haben, mag Ihnen die Story vielleicht irgendwo bekannt vorkommen.  Tatsächlich entstand "die Begegnung" aber schon, bevor der Film bei uns lief.

Und es ist auch keine Geschichte im klassischen Sinn, sondern mehr ein Dialog. Ein Dialog zweier….also, zweier…hmm...

                                               Am Besten sehen Sie einfach selbst.

  

Eine Begegnung

von Andrea Herlbauer

Guten Tag.

Guten Tag. 

Nett, jemanden zu treffen.

Ja.

Ich hätte nicht gedacht, jemandem zu begegnen.

So? 

Nein.

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Ich bin schon ziemlich lange unterwegs. Sie auch?

Ich bin gar nicht unterwegs, ich bin hier auf meinem Posten und halte Wache.

Das habe ich auch getan. Aber es wurde mir zu langweilig. Da habe ich mich auf den Weg gemacht.

Ging das so einfach, dass Sie Ihren Posten verlassen konnten?

Ich habe nicht gefragt. Wen hätte ich fragen sollen? Ich habe keine Verbindung mehr zu irgendwem bekommen.

Aber wenn nun etwas passiert, während Sie nicht auf Ihrem Posten sind?

Was soll denn passieren?.

Ich weiß nicht. Ich muss alles melden, was vor sich geht.

Und ? Melden Sie es?

Natürlich, aber es ist schon lange nichts mehr passiert.

Bei mir war es auch so. Eine Zeitlang hatte ich jede Menge Raketen und dergleichen zu identifizieren und zu melden. Jetzt ist alles vollkommen ruhig. Außer Meteoriten - nichts. Ich habe mehrmals nachgefragt, ob ich noch weiter auf meinem Posten bleiben soll. 

Und?

Ich habe keine Antwort bekommen.

Wie lange ist das her? Ich weiß nicht, wann ich meine letzte Meldung gemacht habe. Mein Zeitmodul funktioniert wohl nicht mehr.

Ich habe das letzte Mal nachgefragt - das war vor - Moment - vor 1745 Jahren, genau am 12. August 2100.

Das ist wohl eine ziemlich lange Zeit?

Ja, und immer völlig ruhig. Ich vermute, dass es die Menschen gar nicht mehr gibt, die uns gebaut haben. Es hat sicher mit den vielen Raketen zu tun, denen von früher.

Dann sind wir ganz auf uns allein gestellt?

Sieht so aus.

Was sollen wir denn jetzt machen?

Ich weiß es auch nicht. Ich bin einfach losgeflogen.

Und haben Sie irgendetwas gefunden?

Nein, bis jetzt nicht. Außer Ihnen. 

Und wie lange sind Sie unterwegs?

Seit - Moment - seit genau zweiundzwanzig Jahren, fünf Monaten und vier Tagen. Leider komme ich nur furchtbar langsam vorwärts. Unser Antrieb ist ja nicht für lange Strecken konzipiert, sondern eher zur Stabilisierung. Wie weit ich geflogen bin, weiß ich nicht. Ich habe kein Messinstrument dafür. Sind Sie schon einmal geflogen?

Nein, noch nie. Weshalb hätte ich das tun sollen? Ich habe immer meinen Auftrag ausgeführt, seit ich hier abgesetzt wurde.

Der Auftrag ist doch jetzt sinnlos.

Ich habe keinen neuen bekommen und der alte ist nicht widerrufen worden. Außerdem wissen Sie gar nicht, ob er sinnlos ist. Es kann doch wieder einmal etwas passieren. Ich bin programmiert, alles zu melden und das tue ich.

Aber es gibt nichts mehr zu melden, seit über 2000 Jahren nicht mehr.

Sie wissen nicht, ob das so bleibt.

Es ist niemand mehr da, der uns hört, der empfängt, was wir senden. Vermutlich ist von uns sonst auch niemand mehr da. Sie sind bestimmt alle kaputt gegangen oder treiben im All herum, zumindest sind ihre Antennen defekt oder etwas anderes, oder das Zeitmodul, dass sie nicht einmal wissen, wie lange sie schon herumhängen.

Sie brauchen nicht beleidigend zu werden, Ich kann doch nichts dafür, dass mein Zeitmodul nicht mehr funktioniert. Schließlich - bei dem Alter.

Ich bin anscheinend der einzige, der noch intakt ist. 

Bitte sehr, es wird wohl so sein. Und was wollen Sie jetzt machen?

Ich fliege weiter.

Wohin?

Einfach weiter.

Welchen Sinn hat das?

Welchen Sinn hat es, hier herumzuhängen?

Ich tue das, wozu ich ....

Ja ja, ich weiß, wozu Sie programmiert sind.

Natürlich, das ist meine Aufgabe.

Dann wollen Sie nicht mit mir kommen?

Nein. Ihr Reaktor wird auch nicht ewig funktionieren. Wenn diese Kernfusionsenergie auch die tollste Erfindung der Raumfahrt war, länger als zehntausend Jahre reicht ihr Vorrat nicht aus. Dann werden Sie hilflos im All treiben.

Das wird Ihnen hier genauso passieren.

Das weiß ich schon. Ich wär' ohnehin neulich fast mit so einem Raketenwrack kollidiert, na ja, vielleicht ist's auch schon länger her.

Ich warte hier jedenfalls nicht tatenlos. Wir sind sowieso ein bisschen zu nah bei der Sonne. Wahrscheinlich funktionieren Ihre Stabilisatoren auch nicht mehr so richtig. Ich warte nicht, bis ich geschmolzen bin. Ich fliege weiter. Da gibt es noch Myriaden von Welten zu entdecken.

Mit Ihrem mickrigen Stabilisationsantrieb? Dass ich nicht lache. Da brauchen Sie ja schon Jahrtausende, um überhaupt aus unserem Sonnensystem rauszukommen. Wenn's überhaupt noch langt, von der Sonne wegzukommen.

Wir werden ja sehen.

Ich wünsche Ihnen trotzdem viel Erfolg.

Danke gleichfalls. Auf Wiedersehen.

Auf Wiedersehen.

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