Lichtblitz; Credit: Kenna Dicht gewebt, spannend und stilsicher erzählt ist die Story von Sinco Venethos, einem unserer österreichischen Teilnehmer. Wäre nicht beim Leser im Mittelteil eine gewisse Ratlosigkeit entstanden, die Geschichte wäre ganz vorne gelandet. Ein klein wenig mehr "Auflösung" hätten wir uns schon gewünscht, andererseits: Bei kaum einer anderen Geschichte konnten wir so schön spekulieren. Und das hat ja auch seinen Reiz.

  

Der Traum

 

Von Sinco Venethos

 

Zehn Minuten!, dachte Callum Mac Gleac, zehn Minuten steht der Scheich bereits regungslos vor der Fensterfront und blickt hinab.

 

Mac Gleac erinnerte sich nicht, dass Fahd Fakim Hawa Benu Quraysh sich jemals derart lange Zeit genommen hatte, um einen Eindruck in sich aufzunehmen. Der dreiunddreißigjährige Thronfolger war berühmt für seine Selbstbeherrschung, seine rasche Auffassungsgabe und seinen Zeitmangel. Aber die Szenerie, die sich ihm bot, war einmalig. Vermutlich suchte er nach Worten ohne fündig zu werden - so wie Mac Gleac selbst.

 

Obwohl er seit zehn Tagen das Büro des Hoteldirektors im Erdorbit bezogen hatte, erlag er immer noch der Kulisse und wünschte sich täglich neue Wörter der Superlative herbei, um ihr gerecht zu werden. Er rutschte einen halben Meter an der Tischkante, an der er lehnte, nach rechts. Sein Blick verfing sich in einer weißen Wolkenfront, die den halben südlichen Atlantik bedeckte. Mit ihren Bergen und Tälern glich sie frisch geschlagener Sahne. Rechts davon sah er die Atmosphäre. Unten war sie während des Tages weiß oder morgen- und abendlich rot. Hier oben aber, dreihundertfünfzig Kilometer über der Erde schimmerte sie blau. Und sobald die Sonne über der empor kletterte, franste sie regelrecht aus. Mac Gleac kannte den Grund. Die Atmosphäre lenkte blaue und grüne Lichtteilchen stärker ab als langwellige. »Ist das dieser ausgebrochene Vulkan in Mexiko? « Der Scheich hatte seine Sprache wieder gefunden. Trotz seiner»zehn-Minuten-Phase« verlor er keinen Satz über die Schönheit der Erde. Gefühlswallungen zu zeigen hatte ihm sein Vater mit der Reitpeitsche ausgetrieben. 

Mac Gleac trat einen Schritt in Richtung Fensterfront. Sofort bewegte sich ein Schatten parallel zu ihm – einer der beiden Bodyguards des Scheichs. Mac Gleac verzog die Lippen und blieb stehen. Die Realität drückte die Faszination durch Wände hinaus ins All.

»Popocatépetl«, kommentierte er den Ursprung der knapp fünf Kilometer reichenden weißen Rauchfahne. »Mit 5462 Meter Höhe der zweithöchste Vulkan Nordamerikas.« Aus dem Orbit betrachtet wirkte der Auswurf lächerlich. Unten jedoch lebten die Menschen zurzeit im Dunkeln.

»In einundneunzig Minuten erleben wir das Schauspiel erneut.«

 

»28.000 Kilometer die Stunde«, murmelte Fahd, »und dennoch sieht es gemächlich aus. Schade, dass mein Vater den Raumflug nicht mehr durchhält.« Ungewöhnliche Wehmut sprach

aus dem jungen Scheich.

 

Also doch! dachte Mac Gleac. Selbst du wirst hier sentimental.

 

Mac Gleac nickte, vergegenwärtigte sich, dass der Scheich mit dem Rücken zu ihm stand und goss sein Bedauern in Worte.

 

Fahd drehte sich um. »Läuft alles nach Plan? « In seiner Stimme schwang etwas Lauerndes mit. Mac Gleac fühlte sich gewarnt. 

 

»Alles im grünen Bereich. Die Prominenten und Journalisten sind eingetroffen, die Lasershow wartet auf deinen Knopfdruck und die Maschinen schnurren wie unter dem Kinn gekraulte Luchse«, sagte er und spielte mit dem letzten Wort auf den ersten Vornamen des Scheichs an.

 

»Der 01.01.2100 wird die Überlegenheit der arabischen Welt demonstrieren. « Diese Propagandasprüche waren ihm so in Fleisch und Blut übergangen, dass er sich manchmal fragte, ob er sie nicht selbst glaubte.

 

»Uns bleiben vier Stunden und acht Minuten …«

 

»…bis das Juwel Arabiens ein neues Zeitalter einläutet«, ergänzte Mac Gleac.

 

Der Scheich fixierte ihn mit seinen Blicken. Das Lauernde verwandelte sich in Gewitterwolken, die über Mac Gleac schwebten und die sich über ihn entladen würden.

 

»An Bord des Juwels befindet sich ein Saboteur!«

 

Mac Gleac riss die Augen auf. »Wie bitte?«

 

In Gedanken vollführte er einen Weltraumspaziergang. Ohne Schutzanzug.

 

»Ein Saboteur? Hier? Unmöglich! Wir … der Geheimdienst hat alle Personen dreifach überprüft.«

 

Fahds Haltung änderte sich. Sein Oberkörper neigte sich leicht nach vorne. Der letzte Hauch von Freundlichkeit wich aus seinem Gesicht. Er wirkte wie der Vulkan in Mexiko – nur vor dem Ausbruch.

 

»Der Geheimdienst hat diesbezüglich glaubwürdige Informationen abgefangen.«

 

Mac Gleac stemmte sich gegen die Kälte, die der Scheich verströmte.

 

»Der Attentäter soll amerikanische Wurzeln haben.«

 

»Du meinst mich?!« Aus dem Augenwinkel kontrollierte er die Position des zweiten Bodyguards.

 

»Wegen meines amerikanischen Urgroßvaters?« Mac Gleac war außer sich. »Das Juwel ist mein Baby, für das ich fünfzehn Jahre meines Lebens geopfert habe. Warum sollte ich meinen Lebenstraum zerstören? «

 

»Du bist der Einzige an Bord, auf den diese …«

 

»Ich bin kein Amerikaner! Ich bin in Arabien geboren und daher arabischer Staatsbürger!« Wut überschwemmte ihn. Er hasste diese Anschuldigungen.

 

»Außerdem stammt die Familie meines Vaters aus Irland. Und ein Irländer bleibt ein Irländer, egal welche Nationalität er annimmt. «

 

Kaum hatte er diese Grundsatzüberzeugung ausgesprochen, hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Ein Fingerschnippen des Scheichs genügte und die Bodyguards rückten vor.

Callum Mac Gleac starrte auf die Kaffeemaschine. Ohne Gegenwehr hatte er sich in den Besprechungsraum III eskortieren lassen und saß nun auf einem der Sessel, die Beine demonstrativ auf den metallenen Tisch gelegt. Den Gedanken an Flucht hatte er rasch ad acta gelegt. Er war auch zu lächerlich. Natürlich knackte er mit seinen technischen Kenntnissen problemlos das Schott. Selbstverständlich kannte er alle Schleichwege zu den Rettungsbooten. Und klarerweise beherrschte er deren Steuerung. Doch dann? Nein, er gehörte an Bord des Juwels. Er hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Und niemand würde ihn aufhalten. Niemand!

Mac Gleac schloss die Augen und tauchte in das Konzert der Geräusche ein. Obwohl die Konstrukteure viel wert auf Abschirmung gelegt hatten, hörte man mit genügend technischem Feinsinn einiges heraus. Zum Beispiel das dezente Surren der Luftumwälzungs-anlage. Oder das gedämpfte Schaben des Motors, der für die Drehung der einzelnen Ebenen des Hotels und damit für dieselbe Gravitation wie auf der Erde sorgte. Er bildete sich sogar ein, das krachende Zersplittern der an der Außenhülle entlang scheuernden Mikrometeoriten zu vernehmen. Und das Zischen des sich öffnenden Schotts.

 

Flankiert von seinen beiden Leibwächtern trat Fahd ein.

 

»Wie lautet dein Plan, Callum? «

 

»Es gibt keinen Plan!«

 

»Uns bleiben knapp drei Stunden fünfzig Minuten um dein Attentat zu verhindern. Wie du weißt, bin ich in der Wahl der Mittel nicht zimperlich.«

 

»Ich kenne dich lange genug.« Demonstrativ warf Mac Gleac einen Blick auf die beiden Bodyguards. »Und daher weiß ich, dass du mich hasst.«

 

Regungslos blickte ihn Fahd an.

 

»Seit ich deinen Vater in der Wüste vor den Terroristen gerettet habe, bin ich dir ein Dorn im Auge. Du zürnst mir, weil ich deinem Vater den Floh des Weltraumhotels ins Ohr gesetzt habe. Und weil er von der Idee begeistert war, hat er vierhundertacht Milliarden Dollar dafür ausgegeben und deine Projekte vom Tisch gewischt. Aber, Fahd, denk daran, dass sich dein Vater sich und dir ein Denkmal erbaut hat.«

 

Statt einer Antwort ging Fahd zu der Kaffeemaschine und entschied sich für einen Espresso. Er nippte daran. »Spar dir dein Gelaber.«

 

»Verdammt, Cassum, ich bin nicht dein Feind. Okay, du verstehst nicht, warum dein alter Herr einem Bastard wie mir die Leitung über das Prestigeprojekt eurer Familie übertragen konnte. Nur ein reinrassiger Araber hätte als Hoteldirektor Geschichte schreiben sollen. Aber, Fahd, es

ist mein Baby!«

 

Fahd stellte die Tasse auf den Tisch. »Ich gebe dir eine letzte Chance: Wie ist dein …? «

 

Ein ohrenbetäubender Knall übertönte seine Worte. Die eine halbe Sekunde später einsetzende Erschütterung fegte ihn und die Leibwächter von den Beinen. Mac Gleac kippte nach rechts aus dem Sessel und drehte sich zweimal um die Achse. Doch er stürzte weder zu Boden noch krachte er gegen die Wand. Er trieb mitten in der Luft. Er hob den linken Arm und rollte auf den Rücken. Ein Schlag mit dem linken Fuß nach hinten und er war aufrecht. In unzähligen Notfallübungen der letzten Tage hatte er die Bewegung in der Schwerelosigkeit perfektioniert.

 

Den Leibwächtern und Fahd erging es anders. Sie ruderten mit Armen und Beinen und versuchten auf die Füße zu kommen. Ein grundlegender Fehler in der Schwerelosigkeit. Es existierte kein oben, unten, links oder rechts.

 

Mac Gleac überließ die drei ihrem Schicksal, schnappte nach einigen Kaffeetropfen, die seine Position kreuzten und tippte auf die Kommunikationsfolie am Handgelenk, die mit dem Netzwerk verbunden war. Das derzeit aufkommende Computerchip-Implantat hatte er verweigert.

 

»Statusbericht«, forderte er den Hauptcomputer auf. Der Holoprojektor an der Decke reagierte und projizierte einen Holokubus mit einer 3-D-Aufnahme des Hotels in den Raum. Ein Diamant, der sich in sieben Ebenen unterteilte, die jede für sich drehbar war. Sogar den bläulichen Oberflächenschimmer der aus Spider-Carbo-Nano-Tubes bestehenden Außenhülle war übernommen.

 

»Explosion auf Ebene IV, Sektor D, Raum F.«

 

An der westlichen Außenkante des Juwels blinkte es rot – der Antrieb, der das Hotel drehte und die Gravitation erzeugte. Gleichzeitig zeigten ihm mehrere aufleuchtende Sensoren auf der Folie, dass dreiviertel der Besatzung und alle Gäste ihn sprechen wollten.

 

»Hüllenschaden?  »Negativ.«

 

»Feuerbekämpfung?«

 

»Die automatischen Löschanlagen haben die Flammen bereits unter Kontrolle.«

 

»Verletzte?«

 

»Derzeit liegen keine Hinweise dafür vor. «

 

»Fusionsreaktoren?«

 

»Keine Probleme.«

 

»Live-Streams von Raum F?«

 

»Alle Kameras sind ausgefallen. Netzwerkverbindung unterbrochen.«

 

»Ursachenanalyse?«

 

»Läuft. «

 

Mac Gleac schabte über seine roten Bartstoppeln.

 

»Überrangbefehl Abendröte. Verriegle Raum F. «

 

»Ausgeführt!«

 

»Notfallsavatar D für alle Gäste.«

 

»Veranlasst. «

 

Ein Hologramm von ihm erschien in allen Suiten. In wohlfeinen Worten wies er die Prominenz darauf hin, dass ihnen keine Gefahr drohte. Die Suiten waren alle autark. Luft, Wasser und Essen reichten für mindestens zwei Wochen und die fehlende Schwerkraft … nun, sie waren im All. Außerdem handelte es sich um eine kurzfristig angesetzte Übung, um die Reaktionszeit der Besatzung zu testen. Mac Gleac drehte eine halbe Pirouette. Fahd und die Leibwächter strampelten immer noch – jetzt unter der Decke. Er grinste über ihre Ungeschicklichkeit.

 

»Damit falle ich als Verdächtiger wohl aus, mein lieber Fahd. « Er stieß sich von der Tischplatte ab und schwebte in Richtung Schott.

 

»Sorry, Jungs, ihr müsst selbst klar kommen. Ich habe ein Hotel zu leiten. «

 

Nachdem das Schott hinter ihm zugeglitten war, verriegelte er es und schaltete sich ins Bordnetz ein.

 

»Mac Gleac an Alle! In Ebene IV, Sektor D, Raum F gab es eine Explosion. Die Ursache ist unbekannt. Rückmeldungen über Einsatzbereitschaft an den Hauptcomputer.«

 

Er ging davon aus, dass sich seine Leute auf den für den Notfall vorgesehenen Positionen befanden.

 

»Ich bin zum Explosionsort unterwegs. Mac Gleac, Ende.«

 

Jetzt erlaubte er sich mehrere Flüche. Einen Unfall schloss er aus, also hatte er in der Auswahl seiner Leute einen Fehler begangen. Oder war die Bombe während der Konstruktion des Hotels eingeschmuggelt worden? Abwegig war das nicht. Wer stand hinter dem Anschlag? Und war das erst der Auftakt? Nachdenklich schwebte er durch die Korridore zum Explosionsort. Über der Tür drehte er sich ein halbes Mal um die Achse und hing kopfabwärts über dem Netzhautscanner.

 

Eine Sekunde später fuhr das Schott auf. Augenblicklich zog er den Kopf ein. Löschschaum trieb in den Gang. Mac Gleac wartete, bis der erste Schwung unter ihm vorbeigezogen war, um seinen Kopf durch die Öffnung zu stecken. Der Geruch von geschmolzenem Kunststoff und Metall kroch ihm in die Nase.

 

Er hustete und hielt sich ein Taschentuch vor Mund und Nase. Die Sachlage war eindeutig. Der geschmolzene Block mit den Antriebsaggregaten für die Drehung des Juwels war mit den Mitteln der Hotelwerkstatt nicht mehr reparierbar. Aber wen Schwerelosigkeit in einer Station im All störte, der gehörte nicht dorthin. Wichtiger war, ob die anderen Maschinen im Raum durch die Explosion etwas abbekommen hatten.

 

Mac Gleac stemmte sich über die Schottoberkante in den Raum und trieb rücklings nach rechts zu der Hauptkonsole, die sich durch die Erschütterung automatisch deaktiviert hatte. Während der Computer startete, überlegte Mac Gleac, ob die Schwerelosigkeit das Eröffnungsprogramm beeinträchtige.

 

»Selbsttest ausgeführt, Verbindung zum Hauptcomputer wird initialisiert.«

 

Mac Gleac drehte sich zur Konsole und …

 

… zuckte zurück.

 

Durch diese Bewegung rückte er von der Konsole weg. Er schloss die Augen, seufzte gequält und griff sich an die Stirn. Als er die Augenlider öffnete, wusste er, dass er sich nicht getäuscht hatte. Vor ihm schwebten Marwas blutende Überreste. Ihr linker Arm hing in Fetzen herab, Nase und linke Gesichtshälfte waren zertrümmert.

 

Mac Gleac unterdrückte seinen Schrecken. Die Pflicht verlangte seine ganze Aufmerksamkeit. Mit einem Arm schob er Marwa aus dem Blickfeld. Dabei vermischte sich das aus ihren Wunden ausströmende Blut mit den Löschschaumklümpchen und trieb ihr hinterher.

 

»Verbindung an das Netzwerk erfolgt.«

 

»Schadensanalyse!«, verlangte Mac Gleac, obwohl er die Antwort bereits kannte. Andererseits war der Ausfall der Schwerelosigkeit das geringste Übel von allen möglichen Notfallszenarien".

 

»Analyse abgeschlossen. Schäden irrreparabel. Austausch nötig.«

 

Mac Gleac verfluchte den Umstand, dass er mit seinem Hinweis auf die unverzichtbare Redundanz aller Systeme auf taube Ohren gestoßen war. Trotz des immer knapper werdenden Rohöls und des damit seit Jahrzehnten steigenden Preises – vor seinem Abflug hatte der Barrelpreis an der USD 10.000,00 Marke gekratzt – mussten die Scheichs ihr Geld im Auge behalten. Immerhin konnten selbst die ausgefeiltesten Fördertechnologien nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Menschheit am Ende des Ölzeitalters angekommen war. Davon zeugten die unzähligen Stellvertreterkriege zwischen den drei Machtblöcken Amerika, China und Russland. Aber das alles lag dreihundertfünfzig Kilometer unter ihm.

 

»Wann hat Marwa den Raum betreten?«

 

»20:14 Uhr. Zwei Minuten vor der Explosion.«

 

»Überwachungsvideo ab. Vierfach Geschwindigkeit«, sagte er und vertrieb eine sich nähernde Wolke aus Löschschaum. Im Hologramm trat Marwa ein, ging direkt zu der Konsole und deaktivierte die Netzwerkverbindung. Dummerweise hatte sie nichts von der Totalüberwachung aller Räume des Hotels gewusst. Blieb die Frage, warum der Rechner nicht sofort Alarm geschlagen hatte. Diese Frage verschob Mac Gleac auf später. Während sich Marwa dem Aggregatsblock für die Drehrotoren zuwandte, kramte sie in der Oberschenkeltasche ihrer Kombination und fischte einen länglichen Gegenstand hervor.

 

»Stop!«, rief Mac Gleac. »Vergrößerung.«

 

Unzweifelhaft trug Marwa eine Bombe. Da jeder Ankömmling samt Gepäck sowohl vor dem Abflug auf der Erde als auch bei der Ankunft in der Luftschleuse gescannt wurde, musste sich die Bombe bereits an Bord befunden haben. Mac Gleac sparte sich alle weiteren Einzelheiten. Es war ihm gleichgültig, ob Marwa absichtlich oder unabsichtlich gestorben war. Der Umstand selbst war nicht umkehrbar. Und er hatte sich Zeit seines Lebens nie mit unabwendbaren Begebenheiten beschäftigt. Es interessierte ihn nicht, warum Marwa diese unwichtige Stelle als Anschlagsziel gewählt hatte. Wichtig war nun einzig und allein, dass die Eröffnung samt Live-Übertragung stattfand. Punkt Mitternacht zum Jahrhundertwechsel.

 

»Weitere Schäden?«

 

»Negativ.«

 

»Der Maschinenraum wird verriegelt. Starte Notfallprogramm Fall Kolumbus.«

 

Damit würde ihm der Computer alle Auffälligkeiten sofort melden. Mac Gleac flog durch einen Vorhang aus Löschschaum in den Korridor, in dem ebenfalls weiße Wolken schwebten.

 

»Ziehe zwei Leute ab, damit sie diesen verfluchten Löschschaum einfangen und entsorgen. «

 

Zehn Minuten, dachte Mac Gleac. Zehn Minuten bis zum Jahrhundertwechsel.

 

Sowohl die Gäste als auch alle Besatzungsmitglieder saßen von Gurten und Magnetsohlen fixiert im Observationsdeck an der Unterseite des Juwels und schlugen der Schwerelosigkeit ein Schnippchen. Der durchsichtige Boden bot einen unnachahmlichen Blick auf den blauen Planeten. Der Orbitalflug um die Erde war derart abgestimmt, dass das Hotel um Mitternacht über Arabien schwebte. Der Scheich gestikulierte vorne am Podium und beschrieb in seiner präzisen Art die Einzigartigkeit des Augenblicks. Mac Gleac grinste innerlich. Dieser Tag würde in die Geschichte der Menschheit eingehen – so wie der erste Mondflug, der elfte September oder die erste Marslandung.

 

Fünf Minuten vor dem ersten Januar wurden die Wände des Raumes komplett durchsichtig. Das Observationsdeck klinkte sich vom Hotel aus. In einer Entfernung von einem Kilometer schalteten sich die Triebwerke ab. Das Modul wurde nunmehr hinter dem Juwel hergezogen – nur mehr durch Kohlenstoff-Nano-Seilen mit dem Hotel verbunden. So genossen alle den Anblick des Alls, der Erde und des Juwels.

 

Nur noch fünf Minuten bis zum Jahrhundertwechsel.

 

Mac Gleac erhob sich. Die Kameradrohnen schwenkten zu ihm, weil er sie so programmiert hatte. Irritiert stoppte Fahd mit seiner Rede. Die Gäste drehten ihre Köpfe vom Scheich zu ihm und schenkten ihm ihre Aufmerksamkeit – so wie elf der sechzehn Milliarden Menschen auf der Erde.

 

»Vor fünfzehn Jahren hatte ich einen Traum. Einen Traum von einer Welt, in der jeder Mensch gleich viel zählt. Eine Welt, in dem die Menschen nicht dem schnöden Mammon hinterher hecheln und einige Wenige die Mehrheit unterdrücken. Doch dann wachte ich auf und sah die Realität. Und ich wusste, dass es eines gewaltigen, noch nie dagewesenen Weckrufs bedarf, um die Massen aufhorchen zu lassen. Um ihnen die Wahrheit zu zeigen, damit sie ihre Fesseln abstreifen. «

 

Drei Minuten bis zum Jahrhundertwechsel.

 

Mac Gleac schwieg und blickte in die Gesichter der Machthaber und Reichen des Planeten. Die chinesische Generalsekretärin des Zentralkomitees runzelte die Stirn. Der russische und der europäische Präsident starrten ihn nur an, die amerikanische Außenministerin kratzte sich nervös an der Nase, während Fahd stumm blieb und zuließ, dass er ihm die Aufmerksamkeit und den Auftritt stahl.

 

»Fesseln, die den Menschen seit Jahrtausenden angelegt wurden. Von Menschen, die sich aufschwangen und sich mit hochtrabenden Titeln versahen, und sich keinen Deut um die Masse scherten, sondern immer nur ihr eigenes Wohl im Auge behielten.«

 

Zwei Minuten.

 

»Diese Menschen … diese Präsidenten, diese Wirtschaftkapitäne … sind hier versammelt. Und sie werden heute erfahren, dass ein Mensch die Welt verändern kann, wenn er konsequent seinen Weg geht und sein Ziel verfolgt.«

 

Niemand hielt es mehr auf den Sesseln. Sie löste die Gurte, sprangen auf und kamen keinen Millimeter weit.

 

»Ihr alle tragt Stiefel mit magnetischen Sohlen, um der Schwerelosigkeit ein Schnippchen zu schlagen. Dummerweise entscheide ich über die Haftfähigkeit des Bodens.«

 

»Zieht eure Schuhe aus und schnappt ihn!« Der Scheich reagierte am Schnellsten.

 

Mac Gleac lachte. »Sieh hinab, Fahd. Arabien liegt schon zum greifen nahe und bald überfliegen wir den Herrscherpalast deiner Familie.«

 

Eine Minute.

 

»Ich werde euch zeigen, dass die ganze militärische Macht eurer Nationen nichts wert ist. Ich werde euch von eurem Thron stoßen und daran erinnern, dass ihr die Macht nur vom Volk geborgt habt.«

 

Dreißig Sekunden.

 

»Und ich erinnere alle Menschen daran, dass es unsere Macht ist, die ihr verwaltet. Wir sind das Volk. Und sie sollten für uns arbeiten. Nicht umgekehrt.«

 

Zwanzig Sekunden.

 

»Denkt daran, wenn die Steuern erhöht werden. Denk daran, wenn ihr euch um Arbeitslosengeld anstellt. Denkt daran, wenn ihr nichts mehr zu essen habt – und handelt. So wie ich vor fünfzehn Jahren gehandelt habe. Und wie ich heute handle.«

 

Zehn Sekunden

 

»Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein. «

 

Fünf.

 

»Mögen diese Worte die Menschen aufrütteln.«

 

Eine.

 

»Consummatum est – es ist vollbracht.«

 

Und über der Erde ging eine zweite Sonne auf.

 

ENDE