Header

 Während eines harmlosen Flirts im Linienraumschiff zum Mars erfährt der Leser einiges über die "Realität" des Jahres 2100. Der Erzähler glaubt, die Dinge zu durchschauen, die sich um ihn abspielen. Am Ende stellt er aber fest, dass auch er an der Nase herumgeführt worden ist.

Diese Geschichte wurde von der Jury ein wenig kontrovers diskutiert und erhielt relativ weit auseinander liegende Bewertungen. Sie ist nicht übermäßig stilsicher, verfügt aber als einer der wenigen Beiträge über eine Metaebene, die sich erst am Schluss erschließt.

In der Einführung zur Geschichte schreibt der Autor Wolfgang Vogt: Die Technik wird sich ändern, nicht aber der Mensch. Er mag neue Welten erobern und doch die gleichen Eitelkeiten besitzen wie die Menschen der Steinzeit…

Smalltalk im Raumschiff

Von Wolfgang Vogt

Auf meinem Flug zum Mars setzte ich mich auf Platz 423 des Raumgleiters. Da ich Professor für technische Geschichte bin, fiel mir der feine Sandstaub auf meinem Sitz auf. Ich war ja vom erdnahen Raumbahnhof in mein Raumschiff umgestiegen. Vor der Erfindung der Antigravitation, die schließlich zur künstlichen Gravitation führte, hätte es so was nicht gegeben.

Kaum hatte ich mich gesetzt, beugte sich der scharf gezeichnete Schatten eines dunkelhäutigen menschlichen Wesens über mich, das unverkennbar weiblich war. Der Effekt war möglich, weil die gesamte Innenfläche des Raumgleiters zugleich ein OLED-Leuchtkörper war: diese alte Erfindung Licht emittierender organischer Kunststoff-Mini-Dioden, die schon bald nach der Jahrtausendwende die Welt verändert hatten.

„Passen Sie auf, da ist Sand auf Ihrem Sitz!“ sagte ich der Dame, zu der der Schatten gehörte.

„Ja“ meinte Sie, „das Modell ist ja schon 20 Jahre alt. Die könnten sich auch mal moderne Raumgleiter leisten. Die Politiker fliegen schon immer mit dem Modernsten, aber wir vom werktätigen Volk sind mit dem alten Schrott unterwegs. 

Sie drehte sich zu mir und Ihr langes schwarzes Haar strich an meinem Gesicht vorbei.

„Darf ich mich vorstellen? Sonja Meier, Marsbotanikerin.“

„Wolfgang Michaelis, Professor für technische Geschichte“ sagte ich, als ich ihre tiefschwarze Haut musterte. Der deutsche Allerweltsname und die Hautfarbe passten nicht recht zusammen. Sie erkannte meinen fragenden Gesichtsausdruck.

„Na ja, eigentlich bin ich eine Weiße. Aber dieses Sonnenlicht auf dem Mars… Wie gut, dass es der Stammzellenforschung gelungen ist, einfach einen Gencocktail herzustellen und über Nanoroboter zu indizieren. Zwei Wochen und du bist schwarz wie die Nacht. Wenn mein Einsatz zu Ende ist, werde ich mir wieder die Originalhautfarbe zulegen. Und wo sie mich grade so ansehen", meinte sie mit feiner Ironie und zog die linke Augenbraue hoch, "mein Busen ist auch genetisch verändert. Männergerechter sozusagen. Den behalte ich so.“

Der letzte Satz hatte mir doch einen gehörig roten Kopf verpasst und ich beschloss, das Gespräch auf eine ungefährlichere Basis zu lenken.

In der Zwischenzeit bog sich die Lehne des Vordersitzes etwas nach hinten und neugierig schielte ich nach vorn. Da saß ein alter Mann und sprach zu seiner Frau: „Wie schön, dass ich meinen 152. Geburtstag auf dem Mars feiern darf". Auch dies ein Erfolg der Gentechnik unserer Tage.

„Mit der Gravitation hier stimmt etwas nicht“, unterbrach meine hübsche Nachbarin und bewegte sich hin und her.

 „Ich teile Ihre Auffassung nicht, aber dadurch, dass Sie längere Zeit auf dem Mars waren, kann ihre Wahrnehmung beeinflusst sein. Überhaupt, wie das mit der künstlichen Schwerkraft angefangen hat. Schon verrückt, nicht wahr?“.

„Endlich mal jemand, der mich nicht nach meiner Handysammlung fragt. Wissen sie was darüber?"

Ich kramte in meinem Gedächtnis: „Die Anfänge waren ganz klein.Townsend Brown hatte, wie er selbst sagte, einen elektrokinetischen Apparat erfunden"

"Wird wohl recht kompliziert gewesen sein“, meinte sie.

 „Nein gar nicht. Ein paar Schaschlikspieße aus Holz, etwas Aluminiumpapier, Draht und ein Hochspannungstransformator und schon konnte man den Effekt demonstrieren.“

„Wirklich“ fragte sie erstaunt? „Und wer war da der erste Pilot?“

„Er hieß Orville aus den Jean Louis Naudin Labs. Im Jahr 2003“.

„Dann gibt es diese Technik also schon so lange“ kam es verwundert zurück.

„Wie man‘s nimmt. Orville war eine Maus. Sie wog gerade mal 24 Gramm und der ganze Flugkörper mit Maus 180 Gramm. Die Stromversorgung war separat. Und so zwei, drei Meter flog dieser Pilot wohl schon hoch. Erst vor 50 Jahren konnte der erste solche Flugkörper auch Menschen tragen. Und wenn die Entwicklung nicht so rasant weiter gegangen wäre, dann hätte ich Sie heute nicht hier in diesem Raumschiff getroffen.“

„Danke. Das Süßholz, das sie hier raspeln, tut mir gut“, strahlte sie. “Aber das hat ja mächtig lange gedauert, wenn man so darüber nachdenkt“.

„Finden Sie? Bereits 120 v. Chr. benutzte Heron von Alexandria Dampfdruck zum Antrieb verschiedener Apparate. Aber erst 1690 veröffentlicht Denis Papin die Erfindung, durch Kondensation von Wasserdampf einen luftverdünnten Raum zu erzeugen. Die erste Kolbenmaschine war geboren, mit der man gerade mal etwas Wasser pumpen konnte. Die Dampfmaschine, die die Welt veränderte, wurde schließlich erst 1865 von James Watt erfunden. Da ist doch die Zeit für die Antigravitationserfindung vergleichsweise kurz.“

„Ich finde es immer lustig“ warf sie ein „wenn Wissenschaftler wie bei der künstlichen Gravitation allen Ernstes behaupten, dies und jenes sei unmöglich. Und zwanzig Jahre später wird das Unmögliche Wirklichkeit“.

Da haben Sie recht“ stimmte ich zu „Die Schwester der Wissenschaft ist der Irrtum. Und wer mit seiner Prognose falsch lag, kann sich dann später nicht mehr erinnern. Ich nenne das immer den ‚strategischen Alzheimer‘.“

Wir mussten beide herzlich lachen, so dass einige Passagiere neugierig den Kopf nach uns drehten. Alle Fluggäste hatten inzwischen Platz genommen und ein dumpfer Knall lies uns wissen, dass die Reise begonnen hatte.

„Was mich schon immer gewundert hat“, sinnierte ich, „dass man bei diesen Raumschiffen nie ein Knacksen im Metall hört, wenn sie fliegen“.

Sonja Meier lächelte verschmitzt „Metall“? Sie meinen „Flüssigholz“.

„Wie… Flüssigholz?“ fragte ich überrascht. 

„Was Sie als Metall betrachten, ist doch nur das aufgespritzte Solaronoid, das metallisch glänzt“ konterte sie.

„Ach sie meinen dieses elektrisch leitende Folienmaterial, das auf Körper aufgespritzt wird und eine Solarleistung von 95 Prozent erzeugt? Aber…als dieses Schiff gebaut wurde gab es das noch gar nicht...“

„Ja" grinste sie   "Sie sind zwar Professor für technische Geschichte. Aber vielleicht sollten Sie auch mal darüber nachdenken, dass man ein Raumschiff auch renovieren und auf die neuesten Technologien umrüsten kann!“

„Gut ich gebe mich geschlagen“ sagte ich ein wenig geistesabwesend. Es ließ sich nicht vermeiden, meinen Blick von ihrem hübschen Gesicht auf die prächtige Figur hinunterwandern zu lassen. Und es war nicht einfach meine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

„Es tut gut, dass Sie mich so ansehen, aber wir waren beim Flüssigholz“ meinte Sonja spöttisch. Sie nahm meine Hand und klopfte mit ihr an den Schiffsrumpf.

„Ja es klingt tatsächlich wie Holz. In den vielen Jahren ist mir das nie aufgefallen“.

„Diese Technik ist ja schon so alt, dass heute niemand mehr darüber spricht. Und sie haben das bei ihrer technischen Geschichte nicht erfasst?“

Erschreckt über diesen spontanen Angriff geriet ich etwas in Wallung und wollte gerade leicht gereizt antworten: „Ja aber...“.

Sie unterbrach mich. „Halb so wild. Keiner kann alles wissen. Wenn mal eine Frau mehr weiß, da seid Ihr Männer immer noch gleich wie vor tausenden von Jahren.“

Sie setzte sich aufrecht hin, musterte mich mit ihren wunderschönen Augen und fing an zu dozieren: „Welches Material ist geeignet, mehr als 30 Meter unter der Erde für Bunker genutzt zu werden?

„Ähhh...“ sammelte ich mich. „Holz natürlich".

"Genau" gab sie zur Antwort. "Als Botanikerin weiß ich das. Schon im Mittelalter war bekannt, dass Holz ein viel besserer Schutz gegen Kanonenkugeln war als Metall.“

„Na ja“, meinte ich resigniert „jetzt geben Sie mir es aber".

"Was lag also näher" fuhr sie fort "als ein Flüssigholz zu erschaffen und es auf atomarer Basis so zu verändern, dass es zusätzlich metallische Eigenschaften bekommt?"

Sonja zog sich etwas in ihren Sessel zurück und dachte laut weiter „Schade, dass die Raumschiffe keine Fenster haben.“

„Wieso schade“ fragte ich? „Was wollen Sie den sehen?“

„Dumme Frage, die Planenten natürlich“ mokierte sie sich.

Da konnte nu ich wieder ansetzen. „Bei der ersten Mondlandung von Apollo 11 hatten die Astronauten große Angst, so ist es überliefert.“ 

„Natürlich“ raunte sie. „In diesem Kübel hätte ich auch nicht fliegen wollen“.

„Das war es nicht!“ dozierte ich und kramte eine Weile in meiner Tasche.  Schließlich fand ich, was ich gesucht hatte: „Da habe ich ein Bild von der Erde. Und? Was sehen Sie?“ 

Sie verdrehte die Augen: „Sie Scherzbold! Die Erde natürlich“. 

„Und? Wo sind die Sterne?“

„Jetzt wo sie es sagen … ja, wo sind sie denn?“ 

„Wenn man auf der Erde den Mond sieht, dann ist er recht groß, denn die Erde wirkt wie ein riesiges Brennglas. Als die Astronauten von Apollo 11 den Erdorbit verließen, sahen sie den Mond nicht und reisten tagelang ins Schwarze. Das machte ihnen Angst. Darum haben unsere Raumschiffe auch keine Fenster.“ 

So, dachte ich mir. Jetzt steht es wieder 1:1 und meine Eitelkeit war gestillt. Und doch, von dieser Frau fühlte ich mich seltsam angezogen. 

Wir schwiegen eine Weile. Nach einiger Zeit lächelte sie mich an.

„An was denken Sie", fragte ich?“

„An meine Löwenzahn-Kultur.“ 

„Wie bitte, also jetzt wollen sie mich ...“

Sie unterbrach mich mit einem unwiderstehlichen Lächeln. „Ganz und gar nicht. Es ist uns Biologen gelungen, die ersten transgenen primitiven Pflanzen auf dem Mars zum Wachsen zu bringen. Auch Löwenzahn. Nur fortpflanzen kann er sich noch nicht.“

„Na super" sagte ich, "für was wir so alles unsere Steuermittel vergeuden.“.

„Ach, bei der Gelegenheit… da hab ich was für Sie.“ Sie öffnete ihre Handtasche und überreichte mir ein kleines Päckchen, auf dem geschrieben stand: „Premiumqualität. Hautfreundlichkeit Stufe 1“. Ein Zertifikat mit der Bedeutung, dass es in keinem Fall Hautallergien verursachte.

„Öffnen Sie. Ich bestehe darauf.“

Ich öffnete – und hatte gleich darauf einen knallroten Kopf.

„Was soll das?“ fragte ich leise und erbost. Es war mir peinlich, dass sich erste Köpfe von Mitreisenden mir interessiert zuwendeten.

Und mit schelmischem Gesichtsausdruck meinte sie:  „Dieses Kondom ist aus meinem Löwenzahn. Vor etwas weniger als 100 Jahren hat man entdeckt, dass sich aus dieser Pflanze Kautschuk gewinnen lässt, mit dem man allergiefreien Gummi herstellen kann. Der Löwenzahn verbessert auf dem Mars die geringe Atmosphäre, die wir schon herstellen konnten. Er wird viel größer durch die geringere Gravitation des Mars und liefert mehr Kautschuk. So können wir auf dem Mars inzwischen alle Gummiteile selbst herstellen und müssen zumindest davon weniger von der Erde transportieren.“ 

„Und dieses Präsent gehört das auch zu diesen Produkten?“

„Nein, das hat mein Kollege mit dem Replikator zum Zeitvertreib erstellt. Wir verteilen es gerne an ernsthafte Wissenschaftler und freuen uns über ihre Reaktion.“

Was für eine Frau, dachte ich. Erotisch und eine Herausforderung in jeder Hinsicht.

Langsam meldete sich der Hunger und der Serviceroboter schob einen Wagen mit Speisen heran.

„Professor Ishiguru aus Japan hat vor 100 Jahren recht behalten.“ äußerte ich, um wieder in sicheres Fahrwasser zu kommen.

„Was soll das schon wieder, ich denke jetzt gibt es was für den Magen“ meinte sie mit etwas vorwurfsvollem Blick.

„Nun", warf ich ein, "Ishiguru behauptete, dass die Europäer bei einem Roboter nur die Funktion betrachten. Er aber baute den Menschen total lebensecht nach und wurde vor allem von europäischen Wissenschaftlern als Frankenstein und Spinner bezeichnet."

„Diese neunmalklugen Wissenschaftler. Später haben die Japaner den Markt überflutet und alle haben die Dinger gekauft.

„Sie haben ja so recht“, gab ich zu. „Weil das so alltäglich ist, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht“.

Kein Kinderzimmer ohne künstliches Baby mehr. Das hat damals ja eine richtige Wirtschafts-krise in Europa nach sich gezogen, weil die Dinger Unmengen von Arbeitsplätzen vernichtet haben. Überall wo man einkauft, haben sie die Menschen verdrängt“, fügte sie erregt hinzu: „und immer nur Weibchenroboter. Ihr Männer seid bis heute die gleichen Machos geblieben.“

Eine freundliche Stimme lenkte mich ab: "Apfelsaft und Nürnberger Würstchen mit Sauerkraut - wie für den Flug bestellt!“

„Ja bitte“ sagte ich und musste insgeheim zugeben, dass diese Schönheit aus Kunststoff, Elektronik, Mechanik und Kleidung absolut perfekt aussah.

„Na, sag ich's nicht. Ich hab eine Konkurrentin gefunden" grinste meine Nachbarin.“

Nein in dieses Fettnäpfchen wollte ich jetzt nicht eintreten. Ich beließ es bei „Guten Appetit“. Auch Sonja wechselte das Thema: "Es ist schön, dass sich in unserer modernen Zeit nicht alles ändert. Nicht die Nürnberger Würstchen, nicht der Reißverschluss, nicht der Regenschirm ...“

„Und auch nicht das Kondom“ fiel ich ihr ins Wort. Wir lachten beide.

Genüsslich biss ich in die Würstchen und schlürfte meinen Apfelsaft. Mein Hunger lenkte mich so ab, dass ich für kurze Zeit meine hübsche Nachbarin vergaß. Es war ruhig geworden in der Kabine und man hörte Messer- und Gabelgeräusche, die nur ab und zu vom dumpfen Dröhnen unseres „Space Drive“ Segels unterbrochen wurde wenn es sich neu ausrichtete.

Ich musste an die vielen alten Raumschiffserien denken, und die falschen Vorstellungen, die man da über Antriebe hatte. Es ist schon lustig. Die heutigen Raumschiffe sind tatsächlich mehr mit einem Schiff verwandt als man damals annehmen konnte. Sie haben eine Form, die irgendwo zwischen der Gestalt eines Rochen und einer Muschel anzusiedeln ist - flankiert von zwei mächtigen Diodensegeln.

Irgendwie ist es schon verrückt, dachte ich bei mir. Wer an das Vakuum des Weltraums denkt, der stellt sich Leere vor. Doch das Vakuum ist keineswegs ganz leer. Infolge quantenmechanischer Gesetze springen Partikel für unvorstellbar kurze Zeiträume in die Existenz und verschwinden wieder. Sie hinterlassen aber Spuren in Form elektromagnetischer Felder, die das ganze Universum erfüllen. Nur über diese Teilchen hat das Licht der Himmelskörper einen Transportweg auf unsere Erde. Auch das Diodensegel unseres Raumschiffs nutzt die Strahlung dieses Hintergrundmediums. Es lässt die Strahlung aus der vorderen Seite durch und reflektiert die hintere Strahlung. So entstehen ohne Fremdenergie gewaltige Kräfte, die uns vorantreiben.

Die altmodischen Düsenflugzeuge des 20sten Jahrhunderts sind in acht Stunden von Frankfurt nach New York geflogen. Unsere Reise zum Mars hätte mit konventionellen Raketen rund 125 Tage gedauert. Wir schaffen das heute in drei Stunden.

„Na, haben Sie mich schon vergessen“ tönte es urplötzlich neben mir und ich wurde aus meinem Gedanken gerissen. „Oder an was haben Sie gedacht?“. Ich sah in die unwiderstehlichen Augen meiner Sitznachbarin und wollte schon zu einer Erwiderung ansetzen, als sich eine Blähung in meinem Bauch lautstark Luft verschaffte.

„Oh, ich bitte vielmals Entschuldigung. Das ist mir aber ausgesprochen peinlich“.

Sie lachte nur und meinte spöttisch „Na, Sie sind wohl das Sauerkraut nicht gewöhnt.“

Umgehend beschloss ich, die Toilette aufzusuchen, um Schlimmeres zu verhindern. Meine Nachbarin grinste nur, als ich mich erhob.

Ich zwängte mich an den engen einzelnen Sitzreihen vorbei und musste auf meinem Weg durch den Gang, in dem links und rechts die Eingangstüren der „Virtual Emotion Rooms“ lagen.

Es ist schon lustig. Heute suchen die Menschen freiwillig diese Gummizellen auf und zahlen auch noch anständig dafür. Jede Zelle hat einen Durchmesser von 2 Metern und ist mit Lautsprechermembranen übersät. Innen sind sie schwarz und gerade so hell, dass man seine Brille, den Mantel und die Handschuhe finden kann. Die Brille projiziert die dreidimensionalen Bilder direkt auf die Netzhaut, als wäre es Realität. In einer Uraltserie namens „Star Trek“ wurde so etwas als Holodeck bezeichnet. Der Mantel registriert jeden Gefühlsausbruch oder Angstschweiß und stimuliert die Nerven ebenso wie die Handschuhe. Wenn man die Römer besiegt oder gegen archaische Hunnen kämpft, dann sorgen die vielen Lautsprecher und der Duftcocktail für realistische Kulisse. Die Hydraulik im Boden hilft den notwendigen weichen Knien auf die Sprünge. Mir tun die armen Kreaturen leid, die sich Mensch nennen und als Bestandteil dieser Scheinwelt fühlen. Man muss nur reingehen, das Programm wählen. Schon wird über den jedem Menschen implantierten Informationschip die Abbuchung der nicht unerheblichen Geldmittel zum Spielen vorgenommen.

Als ich dann noch die dreidimensionale Werbung an der Stereo-OLED Wand sah - „Klicken Sie heute Ihre Traumfrau zusammen und sparen Sie 20 Einheiten“, da stolperte ich fast schon in die Toilette.

Ich setzte mich auf die Toiletten-Brille und genoss den Augenblick der Erleichterung. Seit man überall die Oberflächen mit Lotus-Effekt verwendet, hat sich die Hygiene deutlich verbessert. Nichts bleibt mehr an den Oberflächen hängen. Ich war froh, dass man die Toilette dem neuen Standard angepasst hatte. Noch vor einiger Zeit hatte man es mit der Automatisierung übertrieben. Da fuhr die Toilette automatisch aus, richtete sich auf die persönliche Höhe ein und quasselte einem ständig die Ohren voll, wie man die Spülung zu bedienen hätte. Heute ist das alles wieder ganz normal. Es gibt eine Toilette, die eine feste Höhe hat, Toilettenpapier und einen eindeutig bedienbaren Spülknopf. Fertig. Wie vor hundert Jahren.

In jeder Hinsicht erleichtert kam ich zurück auf meinem Platz. Sonja musterte mich.

„Schön, dass Sie wieder da sind. Geht es Ihnen wieder gut? “ fragte sie mich.

Sie strich sich über die Arme und ich bewunderte ihre roten tadellosen Fingernägel.

„Oh", sagte ich, "wir kommen ja gleich an. Ich hätte mich gerne noch viel länger mit Ihnen unterhalten. Die Zeit verging ja wie im Flug".

„Sie haben recht, in fünf Minuten erreichen wir die Raumstation im Orbit. Aber vielleicht schaffen wir es ja in den gleichen Raumgleiter.“ 

Sie hatte eine Stimme, die meinen ganzen Körper vibrieren ließ. 

„Übrigens schön, dass Sie mich so angehimmelt haben, und so sexy fanden.“ setzte sie nach.

„Sie bringen mich aber auch dauernd in Verlegenheit.“ brach es aus mir heraus, während ich mit der Hand fahrig über meine Stirn strich.

„Sie waren damit auch ein schönes Versuchsobjekt, aber nichts für ungut ich mag Sie“. 

„Wie meinen Sie das?“ kam es einigermaßen verdattert über meine Lippen.

„Ich probiere im Auftrag von ‚Medikus‘ Pharma ein neues Parfüm aus, auf das Männer unweigerlich stehen. Wie schon beim Urmenschen sind auch heute Gerüche das das Einzige, was direkt und ungefiltert in unserem Gehirn ankommt. Dieses Parfüm wirkt unter der Wahrnehmungsschwelle und stimuliert Ihre Sexualhormone. Heute Abend schreibe ich wieder meinen Bericht über meine heutigen Erlebnisse.“ 

„Na prima.“ sagte ich enttäuscht. „Das ist mir ja noch nie passiert“.

„Machen Sie sich nichts draus. Sie sind ein Netter und Sie hatten ja auch was davon. Ich muss jetzt meine Sachen zusammenpacken. Aber vielleicht sehen wir uns gleich wieder. Ich würde mich freuen“. Sagte es, stand auf und verschwand.

Ich stand auf, zog meinen Mantel an, packte meine Sachen und sann dabei über Sinn und Unsinn des Fortschritts nach. Immerhin haben wir neben der direkten Aufnahme von Gerüchen noch etwas mit den Steinzeitmenschen gemein: Wir wissen wir nicht, warum wir leben. 

Alle Rechte beim Autor