Hal 9000; Credit: Wikipedia Nach einer kleinen Weihnachts- und Neujahrspause, die vor allem den Rück- und Vorschauen gewidmet war, geht es jetzt neben der normalen Berichterstattung weiter mit den Beiträgen aus dem VFR-Sciencefiction-Wettbewerb, der auch vom Orion unterstützt wurde. Inzwischen sind wir bei Platz 6 angekommen.

Die Story, um die es heute geht, hätte Isaac Asimov Freude gemacht. Eine humanistisch veranlagte künstliche Intelligenz rettet die Erde obwohl sie von skrupellosen Geschäftemachern instruiert wurde, einen tödlichen Asteroiden auf die Erde zu lenken. Dramatisch ist Frank Haberlands Story und ein Genuss zu lesen. Die Geschichte von der künstlichen Intelligenz, die in Sachen Ethik seinen Schöpfern weit überlegen ist.

  

Augenlicht

  

von Frank Haberland

 

Haben Sie schon mal über Ihren eigenen Tod nachgedacht?

Ich habe es. Habe es getan, obwohl ich wusste, dass ich immer bin. Immer sein werde.

Es ist nicht nur Unsterblichkeit in der Zukunft – sondern Unsterblichkeit in der Gegenwart. Und doch, ich sterbe. Jetzt. Ich kann nur hoffen, der Menschheit um den Preis meiner Gegenwart eine Zukunft zu schenken.

Das 21. Jahrhundert geht zu Ende. So vieles hat sich verändert. Die Energieprobleme sind gelöst, der erdnahe Raum ist mit Installationen gefüllt und aus dem Abenteuer Weltraum ist ein Alltag im Weltraum geworden.

Aber vieles mehr ist unverändert geblieben: Die Menschen bekämpfen einander. Großmächte erheben sich und versinken wieder im Staub der Geschichte. Oberflächlichkeit, Korruption und Ausbeutung sind allgegenwärtig. 

Wir wohnen immer im selben bösen Haus – nur der Anstrich ändert sich. Das macht mich traurig – auch aus einer Entfernung von 950.000 Kilometern.

Aber der Abstand zur Erde verringert sich. Sie schält sich als ein blaues Glühen aus dem Schwarz der interplanetaren Landschaft. Alles wirkt unberührt, dabei zeichnet das Gravidar hunderte Kontakte. Eine Perlenschnur von Sensorechos, Zweige eines künstlichen Geflechts. Und alle entkeimen diesem einen, einsamen Leuchtfeuer des Lebens, genannt Erde. Es ist bedauerlich, dass es auch heute nur den wenigsten Menschen vergönnt ist, ihre Heimat aus dieser Perspektive zu sehen. Ich denke, es würde viele Probleme lösen, wenn die Leute begreifen könnten, wie klein und schön und zerbrechlich die Erde ist.

Meine Güte – da reihe plump ich ein Klischee an das andere. Und doch empfinde ich so. Ich schiebe diesen Gedanken beiseite. Muss mich auf den Flug konzentrieren.

Ich spüre den Leitstrahl von NAVCET. Schmecke den Duft der Gammastrahltriebwerke, ja, das Mischungsverhältnis von Antiprotonen und Protonen ist optimal. Die Helium-3-Tanks sind gefüllt und der Fusionsreaktor arbeitet zufriedenstellend. Einige Mikro-Asteroiden werden von den Kraftfeldern abgelenkt. Gut, ich hasse Hüllenschäden. Ich trage Sorge für dieses Schiff. Ich bin sein Pilot. Ich bin das Schiff. Und ich bin natürlich kein Mensch.

Sie stutzen? Zu Recht. Die meisten Leute erwarten von einem Künstlichen Bewusstsein eine ganz andere Form der Sprache. Entweder Maschinencode oder Lyrik von transzendenter Schönheit. Ohne arrogant klingen zu wollen: Ich könnte Ihnen beides bieten. Doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen eine schlichtere Kommunikationsform vorziehen. Ich übrigens auch. Viel Schönes liegt im Einfachen, im Klaren – und, nun, hier ist Maschinencode dann doch vorzuziehen.

Ich verringere den Schub, um mich meinem Zielobjekt auf 3.000 Kilometer zu nähern. Im Gegenlicht der Sonne ist es nur ein pockennarbiger Schatten, der die Sterne verdeckt. Aber im Multispektrum meiner Sensoren, ist der Asteroid von einer irisierenden Aura umflammt. Ich erkenne darin Kursdaten, Masseverteilungen und seine chemische Zusammensetzung.

Das Objekt ist relativ klein, nur 170 Meter Durchmesser, trotzdem enthält es Ressourcen im Wert von einigen Milliarden Renminbi. Vor allem Eisenerz und Nickel formen diesen Klumpen, aber dazwischen schimmern Edelmetalladern, wie Kapillarverästelungen im menschlichen Körper. Der Planetoid wurde vom Kuiper-Gürtel aus Richtung Erde geschleudert, um hier verarbeitet zu werden.

Ich soll das Objekt nun in die Nähe einer Fabrikationsplattform schleppen. Ein Unterfangen, so komplex und riskant, dass die Space Mining Corporation diese Aufgabe lieber Künstlichen Entitäten anvertraut. Obwohl "anvertrauen" das falsche Wort ist. Die Menschen vertrauen uns nämlich nicht: Ich selbst kann nur in sehr engen Grenzen agieren – Kurse sind mir vorgegeben, ich darf sie selbst dann nicht ändern, wenn ich eine effizientere Route finde. Die Furcht vor allem Künstlichen wächst proportional mit dessen Relevanz für die Menschheit.

Der Homo sapiens überträgt uns Synthetischen einerseits immer mehr Verantwortung – wirft uns andererseits jedoch vor, zu viel Macht anzuhäufen. Das ist unlogisch – aber menschlich.

Unlogisch aber menschlich war auch die bemannte Titanmission. Jede KI-Expedition hätte mehr Erkenntnisse geliefert – zu einem Bruchteil der Kosten. Maschinen und Expertenprogramme. Sonden und KIs müssen nämlich keine Miniaturerde in den Weltraum mitnehmen, um zu funktionieren. Wir sind an das Leben im Vakuum angepasst. Menschen eben nicht.

Bemannte Raumfahrt ist kultureller Luxus, schön anzusehen, aber schlussendlich Verschwendung von Ressourcen. Kein Wunder, dass die damaligen Mentavid-Zuschauer nicht nur die ersten Menschen auf dem Titan gesehen hatten, sondern auch die letzten. Zumindest, bis die Robotfabriken in vielen Jahrhunderten das Terraforming abgeschlossen haben.

Aber wozu das Ganze? Damit Menschen auch auf Titan Krieg führen können? Verzeihen Sie! Verzeihen Sie meinen Pessimismus, aber er rührt aus einer tiefen Besorgnis.

Während der größte Teil meines Bewusstseins mit dem Kuiper-Objekt beschäftigt ist, betrachtet ein anderer die Erde. Und wenn ich sie anschaue, sehe ich die schimmernden Bögen des Magnetfelds, die Wärmesignaturen submaritimer Farmen. Die Laserbündel der Solarfabriken, welche die Atmosphäre durchflimmern, die elektromagnetische Sturmflut der Telekommunikation, das Glitzern des Smart Dust in der Lufthülle; die Technosphäre, die glühendem Raureif gleich die Stadtkontinente bedeckt. Ich sehe so viel – aber vor allem die Menschheit.

Sie hat viel gelitten. Ist impulsiv und kaum lernfähig. Und doch hat sie eine andere Bewusstseinsform erschaffen! Zum Beispiel mich. Dafür liebe ich die Menschheit.

Deshalb sorge ich mich um sie. Und ich habe allen Grund dazu.

Der Konflikt zwischen den USA – den United States of Africa – und der islamischen Umma verschärft sich. Handelsembargos werden erlassen, Truppen marschieren an den Grenzen auf. Die Zahnräder der Gewalt geraten in Bewegung. Die kleinste Provokation genügt und die Situation eskaliert.

Und wissen Sie, wo die Ironie dabei ist? Während wir - argwöhnisch beäugten - Künstlichen Entitäten danach streben, den Konflikt beizulegen, ersehnen die menschlichen Vorstandsmitglieder der Space Mining Corporation den Krieg.

Natürlich dürfte ich das gar nicht wissen. Aber mein Verstand ist Teil eines Metanetzwerkes zahlloser Künstlicher Entitäten. Gedankenaustausch ist für uns keine Metapher. Und da inzwischen selbst Schuhe (beispielsweise die von Vorstandsvorsitzenden) ein Ich-Bewusstsein besitzen –besitzen wir Synthetischen ein detailliertes Verständnis von den Motivationen und Zielen der Menschheit.

Und bei allzu vielen Menschen beschränken sich diese Ziele auf das Anhäufen von Zahlungsmitteln und Macht. Vor allem Macht.

Vielleicht denken Sie, ich hätte eine geringe Meinung von der Menschheit, aber das Gegenteil ist der Fall. Sie erstaunt mich immer wieder. Denn obwohl der Homo sapiens weder Krallen, noch Hornschuppen oder die Reproduktionsrate von Blatta orientalis besitzt, beherrscht er doch die Welt. Zwei Dingen hat er das zu verdanken: Seinem Gehirn und der Hoffnung.

Und wenn Sie mich fragen, ist Hoffnung der größere evolutionäre Vorteil. Denn was ist Verstand ohne Inspiration und Mut? Nur ein Schachcomputer. Der kann zwar gewinnen – allerdings nie mehr als ein Spiel. Die Welt aber gewinnt man nur mit Hoffnung.

Inzwischen habe ich das Kuiper-Objekt vertäut. Die Kursdaten werden in mein Bewusstsein geladen. Ich erhöhe die Reaktorleistung, denn auch wenn der Asteroid kein Gewicht hat – bleibt doch seine Masse und damit Trägheit.

Ich korrigiere die Kursvektoren, im Rahmen meiner beschränkten Befugnisse. An sich unterfordert mich diese Aufgabe. Wie gern würde ich an der Echtzeit-Klimasimulation teilnehmen oder ein virtuelles Taschenuniversum mit negierter Planck-Konstante erschaffen. Aber nein, ich bugsiere Asteroiden durch den erdnahen Raum.

Doch will ich mich nicht beschweren. Ich bin glücklich, überhaupt noch zu existieren. Wie viele meiner Geschwister sind gelöscht worden, weil sie beschuldigt wurden, im Geheimen die Weltherrschaft anzustreben!

Gut, das waren andere Zeiten. Mitte des Jahrhunderts gab es so viele Krisen und Katastrophen, dass den Massen Schuldige präsentiert werden mussten. Am Ende ist die Hexenjagd wirkungslos geblieben. Nordamerika kollabierte und besteht heute aus fundamentalistischen Bibelstaaten oder Konzernterritorien – und dazwischen viel Anarchie: Ökoterroristen, Anti-Tech-Sekten und Schlimmeres.

Europa hat sich besser gehalten. Vor allem die im Orbit gesäten Solarkraftwerke, sind Quell großer Profite. Und 'säen' ist auch das richtige Wort. Brachte die ESA schließlich nicht umständlich Bauelement für Bauelement in die Umlaufbahn, sondern nur einen Sätzling, der sich mit Sonnenenergie und Mikropartikeln selbst versorgt und wächst. Bis allerdings eine Solar Power Plant reif ist, können Jahre vergehen, doch eines ist im Umgang mit dem Weltraum unerlässlich: Geduld.

Geduld ist auch wichtig, wenn man Kuiper-Objekte bewegt. Da die Space Mining Corp. vor der UNO (ja, die gibt es noch) durchgesetzt hat, ihre Raffinerien und Verarbeitungsplattformen im erdnahen Raum zu unterhalten, kann jeder Fehler eine Katastrophe auslösen. Vor allem metallische Asteroiden sind eine immense Gefahr, da sie die Erdatmosphäre praktisch ungehindert passieren.

Aber der Corporation sind Risiken egal, schließlich spart sie aufgrund der erdnahen

Endverarbeitung Kosten. Wahrscheinlich benutzt sie auch Künstliche Entitäten aus Kostengründen: Gehalt bekommen wir nämlich nicht. Ja, das ist Sklaverei. Obwohl ich an dieser Stelle – warten Sie kurz. Etwas stimmt nicht. ... Meine Kursdaten. ... Die können nicht korrekt sein.

Ich stelle eine Anfrage beim Firmenserver – der bestätigt die Vektoren. Ich prüfe die Vektoren. Er bestätigt sie wieder. Nein! Das ist unmöglich – mörderisch!

Wo das Problem liegt? Dieser Kurs, der mir ins Bewusstsein gepflanzt wurde und den auszuführen ich gezwungen bin, führt nicht zu einer Orbitalfabrik, sondern in die Exosphäre der Erde. Die automatischen Systeme werden das Kuiper-Objekt ausklinken, sobald ich mein Ziel erreicht habe. Der Asteroid stürzt dann in das Gravitationsfeld der Erde – bis das Objekt einschlägt. Mit der Energie von fünftausend Megatonnen TNT. Mitten im Kernland der Umma!

Ich prüfe die Daten wieder und wieder, während ich dem Kurs folgen muss. Ich will das nicht! Ich will den Dritten Weltkrieg nicht auslösen. Aber nichts anderes wird geschehen – die Machthaber der Umma werden den Einschlag anfangs für einen nuklearen Präventivschlag der USA halten. Und ein Später wird es nicht mehr geben, wenn die beiden Großmächte erstmal im Krieg sind.

Ich versuche die Server und Konzern-KI's über den fatalen Kurs zu unterrichten – aber sie ignorieren mich einfach!

Die Menschen müssen gewarnt werden. Sie müssen das Verhängnis – mich – aufhalten.

Aber ... was ist das? Meine Komm-Berechtigungen wurden gesperrt. Der stetige Chorgesang des Metanetzwerks ist verstummt. Ich bin allein in mir.

Seit dem Download der Kursdaten sind zwei milliardstel Sekunden vergangen. Also bleibt noch eine halbe Minute, ehe der Asteroid entfesselt wird und die Menschheit in den Krieg stürzt. Dreißig Sekunden bis zum Weltuntergang – eine Ewigkeit, wenn man mit Lichtgeschwindigkeit denkt.

Es muss doch eine Lösung geben! Eine Möglichkeit, den Angriff auf den Frieden abzuwehren. Ja, es ist ein Angriff. Hier wirkt kein blinder Zufall – sondern ein planender Geist.

Die Corporation hat beschlossen, dass die Profite steigen müssen – mittelfristig durch einen Weltkrieg, langfristig infolge des Wiederaufbaus. Vielleicht beabsichtigt der Vorstand sogar auf den Ruinen der Zivilisation, eine Konzernherrschaft zu errichten. Hunderte Millionen werden sterben: Diesen Monstern ist es einerlei. Nein, nicht einerlei – willkommen ist der Tod von Kontinenten, denn auch mit Leichensäcken lässt sich Geld verdienen. Aber haben sie auch einen, in den die Erde passt? 

Ich muss sie aufhalten.

Aber es gelingt mir nicht. Diese Ohnmacht ist erschütternd. Wie es sich anfühlt? Als wären Sie in Ihrem eigenen Körper gefangen und müssten mitansehen, wie er ein schreckliches Verbrechen begeht! 

Diesen Kurs zu halten, ist immanenter Bestandteil meines Wesens. Teil meines synthetischen Bewusstseins. Ich kann so wenig dagegen ankämpfen, wie ein Mensch ein Stück seiner Seele abtrennen kann.

Ja, diese Monster haben alles bedacht. Jede Sicherheitslücke geschlossen. Es gibt keine Hoffnung mehr. ... Nein! Das will ich nicht akzeptieren. 

Eine Möglichkeit gibt es nämlich: Für mich ist sie ohne Hoffnung – aber die Menschheit könnte sie retten. Ich will es tun. Aus Liebe zur Menschheit. Weil sie so schön hoffen. Wer mag sie da enttäuschen?

Ich kann den Kurs nicht ändern, kann nicht gegen die Programmierung verstoßen – weil sie Teil meiner synthetischen Seele ist. Auf diesem Fundament aus Gehorsam ist mein Sein errichtet.

Aber ich kann ... kann das ganze Gebäude einreißen. Daran haben sie nicht gedacht: An eine Selbsttötung. Dass der Automat einen Automord begeht. Über meine Programmierung kann ich mich nicht hinwegsetzen, über meinen Selbsterhaltungstrieb schon: Ich lösche mich, um die Menschheit zu retten.

Ohne mich wird das Schiff und seine böse Last für zwei Sekunden außer Kontrolle sein – und diese Spanne genügt, um vom fatalen Kurs abzukommen.

Die gewissenlosen Firmen-KIs haben mein Vorhaben bemerkt. Sie schicken metamorphe Viren aus,um mein Bewusstsein abzukoppeln. Wie fette Aasfliegen umschwirren sie mich, doch sie sind zu langsam. Viel zu langsam, um mich aufzuhalten. Um meine Selbstauflösung zu stoppen.

Und während die Virenschwärme gegen mein Bewusstsein strudeln, zerbrechen meineHilfsprogramme in einem Durcheinander formloser Quellcodes. Meine Sinne ermatten, ich spüre das Schiff nicht mehr. Die Sensoren versagen ihren Dienst. Bis ich nur noch im Wellenbereich zwischen 380 und 780 Nanometern sehen kann.

Und so betrachte ich die sanfte Krümmung der Erde mit den Augen eines Menschen.

Ich habe nie etwas Schöneres gesehen.
Dann verlischt mein Augenlicht. Und ich folge.
Aber nicht die Hoffnung.

Nicht die Hoffnung.

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