Die Weltraum-Arche; Credit: Mecha Anime Stilistisch nicht ganz lupenrein, und mit der technischen Machbarkeit und Plausibilität holpert es ein wenig (warum braucht das Raumschiff Solargeneratoren wenn es ohnehin schon mit einem Atomreaktor ausgerüstet ist) aber enorm spannend. Marco Ansing vereint in seiner Story viele Elemente klassischer SF-Kurzgeschichten: Das Raumschiff mit seiner Besatzung im Kälteschlaf und dem recht selbständigen Bordcomputer erinnern ein wenig an "2001", das häufig verwendet Sujet der Weltraumarche wird angesprochen, eine Prise Sozialkritik, ein wenig Weltuntergangsstimmung, dazu geheimnisvolle und unerklärliche Ereignisse und fertig ist ein spannender Cocktail.

Das Schläferschiff

von Marco Ansing 

Es ruckelte sanft als die A.R.C.H.E. die letzte chemische Stufe abwarf. Sofort nahm der Ionenantrieb seine Arbeit auf. Valentin lehnte sich entspannt in den Sessel zurück. Seine Arbeit war getan, er konnte nun wie die anderen 500.000 Menschen in den Kryostasetank klettern und die Reise an sich vorbeiziehen lassen. Mehrere hundert Jahre sollte die A.R.C.H.E. nun unterwegs sein.

Neben der biblischen Bedeutung des Schiffnamens, handelte es sich auch um ein Akronym: Automaticly Reacting Cryonicle Habitable Engine. Wie all die anderen Reisenden wollte Valentin der Erde und ihren Problemen entkommen. Das 21. Jahrhundert hatte das Gesicht der Erde entstellt. Kriege tobten um die letzten Rohstoffe des blauen Planeten. Seit mehreren Jahren machten sich Kolonisten schon auf den Weg ins All.

Valentin hatte diesen Mut früher als Selbstmord abgetan, denn die Raumfahrt war nicht besonders hochentwickelt. Es gab zwar Stationen im Orbit der Erde und sogar einen Raumhafen auf dem Mond, aber diese Errungenschaften gehörten dem Militär oder den staatlichen Forschungseinrichtungen und konnten nicht zivil genutzt werden.

Die Schläferschiffe hingegen waren von zivilen Organisationen gebaut worden. Menschen, die der Erde entfliehen wollten und den Wunsch hegten auf einem anderen Planeten ihr Glück zu versuchen, verkauften ihr gesamtes Hab und Gut. Mit dem gewonnen Geld konnten sie sich die Reise bezahlten und hofften auf ein besseres Leben. Dabei war es nicht einmal sicher, ob das Raumschiff sein Ziel jemals erreichen würde. Zwar hatten Wissenschaftler schon vor Jahrzehnten kolonisierbare Planeten ausmachen können, trotzdem war die Reise dorthin immer noch ein Risiko.

Und nun war Valentin hier auf dem Schläferschiff. In winzigen Tanks, durch flüssigen Stickstoff gefroren, reiste er mit einer halbe Millionen Menschen auf der A.R.C.H.E. hunderte von Jahren einem Ziel im Alpha Centauri System entgegen, das theoretisch kolonisiert werden könnte.

Das Ziel beunruhigte Valentin weit aus weniger als die Reise selbst. Die Forschung hatte zwar bewiesen, dass Kryonik sicher war, aber funktionierte sie auch noch nach hunderten von Jahren?

„Die armen Teufel in ihren Tank reisen nur mit Hoffnung“, murmelte Valentin.

Dabei war es bei ihm nicht anders. Er hatte genug von der Erde, von den blutigen Konflikten und den kleinlichen moralischen Problemen. Er hatte als Polizist für die Europäische Regierung gearbeitet. Seit seinem letzten Einsatz war er überzeugt, dass die Erde dem Untergang geweiht war. Der blaue Planet würde nicht mit einem Inferno aus Atomwaffen sterben, sondern langsam und qualvoll durch die Streitereien der einzelnen Völker. Heute schon konnte man nur noch aufbereitetes Wasser trinken, denn in jedem Winkel der Welt waren Quellen, Flüsse und Ozeane verseucht. Auch Nahrungsmittel waren nicht mehr sicher: Waren sie nun genetisch verändert oder mit Chemie angereichert, niemand kannte noch die Inhaltsstoffe im Essen. Doch das Schlimmste waren die Konflikte zwischen den Staaten und Gruppen der Erde. Radikale Organisationen, Glaubensrichtungen und Bewegungenbeherrschten die Welt. Gekämpft wurde um Rohstoffe und Ideologien.

Valentin trat an das Glas, dass das Cockpit wie eine Kuppel umschloss. Sein Gesicht spiegelte sich darin. Die sanften Gesichtszüge und das volle braune Haar waren gut zu erkennen. Für seine 40 Jahre hatte er sich gut gehalten. Für den Jugendwahn auf der Erde aber galt er schon als uralt.

Die Erde – er würde sie nie wieder sehen. Selbst jetzt schon von der A.R.C.H.E. aus nicht. Man konnte nicht nach hinten schauen. Keine Kamera und kein Fenster ermöglichten einen Reisenden einen Blick auf die Heimat. Es sollte nur vorwärts gehen, fort von der Erde. Das Glas war kalt und in der Ferne konnte man den Jupiter erkennen. Valentin fuhr sich nachdenklich über das Gesicht. Seine Bartstoppeln kratzten.

"Erstmal brauche ich mich nicht mehr zu rasieren", dachte er sich.  

Es war keiner außer ihm wach. Damals hingegen, als er noch Polizist war, da war das Erscheinungsbild wichtig gewesen. Valentin hatte für mehrere Monate als verdeckter Ermittler bei den Apokalyptikern gearbeitet. Ungern erinnerte er sich an die brutale Sekte, die das Ende der Welt nahen sah. Die Mitglieder predigten es nicht nur, sie verstanden sich sogar als Vorboten. In ihrem Wahn versuchten sie das Ende vorzubereiten und zu beschleunigen. Sprengstoffattentäter warfen sich in Menschenmassen, Schützen töteten präzise unschuldige Kinder auf Spielplätzen. Die Apokalyptiker kämpften an allen Fronten. Die Menschheit müsse sterben, damit am Ende eine neue himmlische Welt aus der Asche der alten auferstehen könne. Besonders die Raumfahrt hatte darunter zu leiden. Jeder Mensch im All war eine Gefahr für den Plan der Fanatiker. Sie wollten alle Menschen tot sehen. Keiner durfte entkommen.

Als Valentin das Angebot bekam auf die A.R.C.H.E. zu kommen, hatte er ohne zu zögern zugesagt. Seine Aufgabe war einfach. Er hatte sich um die Sicherheit der Reisenden zu kümmern bis der Ionenantrieb aktiviert wurde. Die chemische Stufe des Raumschiffes beschleunigte die A.R.C.H.E. nur auf Reisegeschwindigkeit, der Ionenantrieb sorgte dafür, dass die Geschwindigkeit gehalten wurde.

Der Antrieb war ein Wunderwerk der Technik: Der Ionenstrahl wurde durch die Ionisierung von Xenongasteilchen erzeugt. Anschließend wurden diese in einem elektrischen Feld unter Ausnutzung der Lorentzkraft beschleunigt. Nach der Passage des sogenannten Neutralisators, der dem Strahl wieder Elektronen zuführte und ihn somit elektrisch neutral machte, wurden die Teilchen in Form eines Strahls ausgestoßen. Solarzellen an der Außenhaut der A.R.C.H.E. sorgten für die nötige Energie. Solange das Schiff durch das Solarsystem reiste, konnten die gewaltigen Kondensatoren aufgeladen werden. Sobald die Sonne zu weit entfernt war, wurde die Energie knapp. Für die weitere Reise hatten die Konstrukteure einen Atomspaltmeiler in das Schiff integriert. Gewaltige Tanks mit Xenongas sorgten dafür, dass genügend Stützmasse vorhanden war.

Valentin kannte sich mit der Technik aus. Er war eingewiesen worden, sollten sich Probleme bei Aktivierung des Ionenantriebs ereignen. Im Falle eines Falles konnte er zudem die Ingenieure wecken. Aber nun war es Zeit selbst schlafen zu gehen. Er löschte das Licht im Cockpit, blickte ein letztes Mal auf die Anzeigen. Alles im grünen Bereich. Hinter der Schleuse der Kommandozentrale befand sich ein langer metallener Steg. An seinem Ende war der Reaktorraum. An jeder Seite befanden sich 250.000 Tanks mit den Schlafenden. Über Valentins Kopf konnte man die Schwärze des Alls erkennen. Halt suchend griff er nach dem Geländer. In der Dunkelheit machte ihn die Unendlichkeit immer nervös. Nun da nur noch das grüne Reiselicht an war, wirkte das Schiff finster und tot. Nur das leise Surren des Lebenserhaltungssystems war zu hören.

Valentin seufzte und ging weiter. In Reihe sieben auf der linken Seite, neunter Block, war seine Kryostasekammer. Er drückte auf den Knopf am Pult. Die Tür des Zylinders glitt zur Seite. Valentin fröstelte. Sein „Bett“ war kalt und bereit.

Er betätigte seine Funkempfänger, den er um den Arm trug: 

„N.O.A.H., ich werde mich nun schlafen legen, alles auf Automatik umschalten.“

„Wie Sie wünschen“, antwortete eine männliche, emotionslose Stimme. 

N.O.A.H. war das Computersystem an Bord des Schiffes und bedeutete nichts anderes Neurolocial Operating Artificial Human. Es sorgte dafür, dass das Schiff richtig navigierte und die Kälteschlafkammern nicht in der Temperatur schwankten. Valentin begann sich aus den grauen Overall zu pellen. Der Kälteschlaf verlief umso optimaler, je weniger Fremdkörper dem eigenen hinzugefügt wurden.

Ein letztes Mal blickte er sich um. Tausende Kryostasekammern reihten sich fein säuberlich um ihn. Man konnte die Menschen hinter den mit Rauhreif bedeckten Scheiben nicht erkennen. Die Menschen reisten anonym, zumindest physisch. Digital hingegen stand alles über jeden Passagier in der Datenbank: Beruf, Geschlecht, Gesundheitszustand, Herkunft und Ambitionen in der neuen Welt.  

Die Reisebeleuchtung tauchte das Glas der Kammern in eine grünliche Farbe. Valentin zuckte zusammen als sein Blick auf die Behälter vor ihm fiel. Ein roter Schriftzug zog sich über vier Einheiten: Die Reise muss enden

Ungläubig kam Valentin näher. Vorsichtig berührte er die Zeichen. Die Farbe war frisch, sie musste vor kurzem erst auf die Tanks gesprüht worden sein, womöglich mit einer einfachen Spraydose.

„N.O.A.H.? Wer ist außer mir noch wach?“ 

„Niemand.“

„War jemand in den letzten Stunden wach? Seit die Mannschaft zu Bett gegangen ist?“ Bett war sicher nicht der richtige Ausdruck, aber Valentin fühlte sich wohler, wenn er den  Kälteschlaf mit normalen zu Bett gehen verglich.

„Nein.“ 

„Wie viele Personen sind in Kryostase?“

„499.999 Personen.“ 

„Wie viele Menschen sind an Bord?“

„500.000 Menschen.“ 

Hatte jemand den Rechner überlistet? Und wenn ja, was hatte die Person vor? Valentin bekam es mit der Angst zu tun.

„N.O.A.H., Systemkontrolle!“ 

„Mein System arbeitet in den vorgegebenen Parametern, keinerlei Abweichungen.“

„Tiefenkontrolle, Reaktor und Lebenserhaltung einbeziehen!“ 

„Beginne. Die Kontrolle wird zwei Stunden in Anspruch nehmen.“

Valentin deaktivierte seine Kryostasekammer. Solange hier irgendetwas nicht stimmte, war an Schlaf nicht zu denken. 

Was hatten die Worte zu bedeuten? Es war eine Drohung, das war klar. War etwa ein Saboteur an Bord? Was hatte er vor? Valentin überlegte. Es gab nur drei sensible Stellen im Schiff: Das Computersystem, die Lebenserhaltung und den Reaktor. Die beiden ersten Teile waren überaus gut gesichert. Man musste ein absoluter Experte sein um hier Schaden anzurichten. Der Reaktor hingegen war sehr viel leichter zu sabotieren. Es genügte, den Neutralisator irgendwie aus dem Antrieb zu entfernen. Ohne ihn würde sich das System aufladen, der Strahl diffundieren und in einem Bogen zum Raumfahrzeug zurückkehren. Die Anziehungskraft zwischen Ionen und Flugkörper würde die Schubwirkung aufzehren. Das Schiff würde Treiben und in das Gravitationsfeld der größten in der Nähe befindlichen Masse geraten. Und das wäre der Jupiter.

Valentin stürmte los. Er konnte sich weiß Gott etwas Besseres vorstellen, als in den Jupiter zu stürzen. Er brauchte einige Zeit um das Ende des Stegs zu erreichen. Seine Schritte halten von den metallenen Wänden des Raumschiffes wider.

An der Reaktortür angekommen, begann er am Verschlussmechanismus zu drehen. Das Rad musste zum Anschlag bewegt werden, erst dann konnte die Schleuse geöffnet werden. Das Schiff teilte sich in drei Bereiche: Cockpit, Habitat und Reaktorraum. Die Kryostasekammern waren so dick, dass sie sogar dem Druck und der Kälte des Alls standhalten konnten. Ob die Insassen aber die Temperaturschwankungen überlebten, war ungewiss.

Mit einem zischenden Geräusch öffnete sich der Schott. Plötzlich kam Valentin ein Gedanke: 

„N.O.A.H., wurde die Tür zum Reaktorraum seit dem Start geöffnet?“

„Ja“

Die Computerstimme klang etwas belegt, was wohl an dem laufenden Kontrollprozess lag. 

Der Eindringling war also hier gewesen. Ob er noch bei der Maschine war? Valentin verfluchte seine Mitreisenden. Man hatte allen Waffen abgeschworen, was durchaus löblich, aber im Moment äußerst nachteilig für ihn war. Leise schloss er die Luke hinter sich, was ein kleines Kunststück war, immerhin war die Stahltür einen halben Meter dick.

Vorsichtig drehte der Sicherheitsbeamte das Rad und versiegelte damit den Raum. Unter ihm war der Linearbeschleuniger. Ein Teilchenbeschleuniger, der statt im Kreis, geradeaus verlief und die Ionen auf die gewünschte Geschwindigkeit trieb. Das Ende des langen Metallzylinders verschwand in der Heckwand. Knapp davor waren ein Kasten und eine Konsole angebracht. Dies war der Neutralisator. Der Reaktorraum war nicht sehr groß und menschenleer. Valentin musste eine Leiter hinabsteigen. Neben ihm türmten sich die zwei großen Xenonbehälter. Die restlichen Triebwerke waren mit den chemischen Teilen des Raumschiffes abgesprengt worden. Zwar gab es noch zwei chemische Raketen, die dem Raumschiff bei der Landung helfen sollten, aber befanden die sich am Rumpf des Schiffes. Der Atomspaltmeiler war ein roher Kasten zu seiner Rechten, Im Moment war er inaktiv.

Es war still im Raum. Als Valentin zum Neutralisator kam, war dieser nach wie vor in Betrieb. Hatte N.O.A.H. am Ende recht? Gab es gar keinen Saboteur? Aber wer hatte dann die Farbe versprüht?

Valentin betrachtete das Display der Konsole. Die Anzeigen waren in Ordnung. Aber er war trotzdem verwundert, hatte er doch damit gerechnet, dass ein Ionenantrieb ein Geräusch von sich gäbe. 

„N.O.A.H.? Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist mit dem Reaktor?“

„100 Prozent.“ 

Langsam schritt Valentin den Linearbeschleuniger entlang. Am Ende standen die Xenontanks. Ein Blick auf die Tankanzeige genügte.

„N.O.A.H.? Wieso sind die Ventile zu den Xenonbehältern verschlossen?“ 

„Die Ventile sind geöffnet.“

„Wie lange bis die Kontrolle abgeschlossen ist?“ 

„Eine Stunde.“

„Bisherige Ergebnisse?“ 

„Reaktor und Lebenserhaltung arbeiten optimal. Tiefenkontrolle des Bordcomputers steht noch aus.“

„Das war ja klar“, murmelte Valentin.

„Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte geben Sie Ihre Befehle laut und deutlich an.“ 

„Vergiss es“, rief der Sicherheitsmann und drehte das Ventil auf. Sofort begann der Reaktor zu brummen. Hoffentlich hatte die A.R.C.H.E. nicht zu viel Fahrt verloren. Die Beschleunigung per Ionenantrieb dauerte Monate. Wobei das Fehlen von Widerstand im All zu keinem Geschwindigkeitsverlust führen sollte. Lediglich Gravitationsfelder konnten das Raumschiff vom Kurs bringen.

Valentin erinnerte sich an den nahen Jupiter und schluckte. Womöglich hatte der Saboteur sein Ziel bereits erreicht. Die Navigation musste korrigiert werden. Valentin eilte die Treppe hinauf und erstarrte. Auf der Tür stand in roten Lettern: Das Ende ist jetzt! 

Wie war der Kerl hereingekommen? Wo war er? Valentin hatte die Tür nicht gehört. Vielleicht war der Saboteur noch vor der Tür. Doch zum Erstaunen des Sicherheitsmannes ließ sich die Tür nicht mehr öffnen.

„N.O.A.H., Tür entriegeln!“ 

Es klackte.

„Tür ist entriegelt.“ 

„Wer war noch hier im Raum? Wer hat das an der Tür geschrieben?“

„Sie sind die einzige wache Person an Bord.“ 

Valentin schluckte. Das war einfach unmöglich. Die Schrift war doch vor ihm. Sie glänzte feucht, also musste sie eben auf das Metall gesprüht worden sein. Wurde er denn verrückt? Der Satz war doch Zeugnis dafür, dass er nicht allein war. Ängstlich blickte sich Valentin um. Er war allein. Niemand war im Raum. Niemand konnte sich hier verstecken. Der Saboteur musste in den anderen Teilen der A.R.C.H.E. sein.

„N.O.A.H. entlüfte die Bereiche Cockpit und Habitat.“ 

„Es wird dringend von einer Entlüftung abgeraten. Luft ist nicht unbegrenzt vorrätig.“

„Tu es verdammte noch mal!“, brüllte Valentin. 

„Cockpit und Habitat werden entlüftet.“

Valentin sank auf den Boden. Er musste nur warten und sein Gegner, wer immer es auch war, würde ersticken. Nach zehn Minuten erhob er sich: 

„N.O.A.H., Habitat und Cockpit wieder belüften.“

„Bestätige: Habitat und Cockpit werden belüftet.“

Nach zwanzig Minuten verließ Valentin den Reaktorraum, schloss säuberlich die Luke hinter sich und marschierte direkt zum Cockpit. Er musste den Computer untersuchen. Irgendetwas stimmte nicht. Er fühlte sich wie damals bei den Apokalyptikern. Als Aufnahmeprobe hatten sie alle Neulinge in ein Labyrinth gebracht. Man musste den „Weg ins Licht“ hinaus finden. Die Methode wurde noch dazu dadurch pervertiert, dass sie ein halluzinogenes Gas in die Gänge einließen. Es sollte die verschmutzen Einflüsse der Menschen darstellen, die man niederringen musste. Wer es schaffte war gereinigt. Valentin wäre damals beinahe gescheitert.

Er hatte Bilder gesehen, Farben und Geräusche gehört. Am Ende war er dem Labyrinth entkommen. Aber die Panik, die ihn damals erfasst hatte, beherrschte ihn nun wieder. Es war das furchteinflößende Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, nicht mehr Herr der Lage zu sein.

Als er das Cockpit betrat, schrie er erschrocken auf. Nein, das konnte nicht sein. Auf demGlas stand erneut eine Botschaft: Ich bin nicht tot, Valentin. Wir werden gemeinsam Sterben.Das Werk muss vollendet werden. 

„Wo bist du? Wer bist du?“, brüllte Valentin.

Das Echo seiner Stimme war die einzige Antwort. Oder klang in der Ferne ein Lachen? Bildete er es sich nur ein? 

„Ich habe Sie nicht verstanden. Bitte geben Sie Ihre Befehle laut und deutlich an“, erklang die Stimme von N.O.A.H.

„Ach halt die Schnauze.“ 

„Wie Sie wünschen.“

„Der Dreckskerl ist mir immer einen Schritt voraus. Hat er eine Atemmaske dabei? Vielleicht sogar einen Raumanzug? Und wenn er gerade über die Außenhaut spaziert?“.

Valentin war verunsichert und versuchte die Schriftzeichen nicht weiter anzusehen. 

„Tiefenkontrolle des Bordcomputers abgeschlossen. Keine Anomalien feststellbar. Nur eine Veränderung der Programmierung seit dem Start“, schnarrte N.O.A.H.

„Veränderung? Was für eine Veränderung?“ 

„Das Ventilprogramm des Reaktors wurde verändert.“

Valentin wusste, dass nur Spezialisten in das Computersystem des Reaktors eindringen konnten und nur äußerst wenige Leute kannten das Programm von N.O.A.H. 

„Wer hat die Veränderung durchgeführt?“

„Sie.“ 

Valentin sackte verdutzt in den Sessel. Er? Niemals. Jemand musste seine Passwörter kopiert haben. Anders konnte es nicht sein. Valentin kam eine Idee und er klammerte sich daran, wie ein Ertrinkender an einem Stück Holz.

„N.O.A.H., errechne das aktuelle Gewicht der A.R.C.H.E. Schließe dabei alles ein, Personen, Geräte, einfach alles. Ziehe dann die Masse und 500.000 Menschen ab. Das genaue Gewicht der Personen müsste ja in den Krankenakten gespeichert sein. Bleibt etwas übrig?“ 

„Berechnung im Gang.“

Selbst wenn der Gast später an Bord gekommen war, und davon war Valentin nun überzeugt, musste sein Gewicht messbar sein.

„Keinerlei Restmasse.“ 

Valentin sprang aus dem Sessel:

„Nein! Das kann nicht sein. N.O.A.H. hier ist eine Person zu viel an Bord! Neuberechnung.“ 

Doch auch die folgenden Berechnungen kamen immer wieder auf dasselbe Ergebnis. Der, Sicherheitsmann taumelte. Das konnte doch nicht wahr sein. Er sackte fassungslos auf die Knie. N.O.A.H. musste defekt sein. Das war doch alles nicht wahr. Er war für die Sicherheit von 499.999 Menschen verantwortlich. Er versagte, aber das durfte er einfach nicht. Wer war dieser unbekannte? Wer? Valentin trommelte verzweifelt mit den Fäusten auf den Linoleumboden ein. Plötzlich fiel etwas klappernd aus seiner Overalltasche und rolltescheppernd gen Cockpitkonsole: Eine Spraydose. Eine rote Lackspraydose.

„Nein, …“, presste Valentin hervor.  

Alles begann sich um ihn zu drehen. Er konnte ein Lachen hören, ein fernes Lachen. Alles schien um ihn zu verschwimmen. Was war damals bei den Apokalyptikern wirklich geschehen? Was hatten sie mit ihm getan, wovon er erst jetzt etwas bemerkte? Er musste die Crew beschützen.

Nein, diese Reise musste enden, sie war falsch. Er war für die Sicherheit verantwortlich. „Die Reise muss ENDEN!“ 

„Bilder des Raumteleskops Hawking haben gezeigt, dass der so euphorisch gefeierte Flug der

A.R.C.H.E., einem Kolonieschiff, das vor einem Monat nach Alpha Centauri aufbrach,vorgestern in den Jupiter stürzte“.

Die Nachrichtensprecherin machte eine Pause und Bilder eines gewaltigen quaderförmigen Schiffes flimmerten auf den Bildschirmen der Erde. 

„500.000 Menschen kamen auf dem Schläferschiff ums Leben. Wissenschaftler sehen sich bestätigt, dass die zivile Raumfahrt noch immer in den Kinderschuhen steckt.“

Alle Rechte beim Autor