Raumstation MIR; Credit: DLR Gegensätze ziehen sich an. Der Meinung war auch die Jury des Science Fiction Kurzgeschichten Wettbewerbs. Wie bei der auf Platz 9 gesetzten Erzählung von Bernd Holzhauer trägt sich auch Sebastian Mushacks Story auf einer Raumstation zu. Doch der Kontext ist ein ganz anderer…

 

Gefallen hat der Jury hier weniger der nicht immer ganz saubere Stil, sondern die Beschränkung auf einen einzigen Gedanken. Während die allermeisten Autoren die vorgegebene Höchstzahl an Zeichen bis zur Neige ausschöpften und bestrebt waren, möglichst viele Ideen in den vorgegebenen Maximalrahmen zu pressen, begnügte sich Sebastian Mushack mit einem Drittel.

Zur Story: War in der Geschichte davor noch die "Schöne neue Welt" in hellen Farben gemalt, haben wir hier ein düsteres Bild von Niedergang und Rückzug vor Augen. Die Menschen interessieren sich nicht mehr für Raumfahrt, sie haben andere Probleme. Und der letzte Astronaut kehrt zur Erde zurück.

Erkenntnis

Von Sebastian Mushack  

Es war der letzte Tag. “Bald geht es wieder heimwärts”, dachte ich mir. Vielleicht war es gut so. Nicht, dass es nicht spannend oder wenigstens interessant gewesen war, aber irgendetwas hatte doch gefehlt. Zumindest meinte ich das, hoch oben um den blauen Planeten kreisend. Bei dem Gedanken starrte ich auf die Erde hinab. All die Unternehmungen, die Hoffnungen und Versprechungen. Zunichte gemacht durch die Gier einiger weniger.

Bald ging es also wieder nach Hause. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich darauf freute. Natürlich; das Leben würde wieder seinen gewohnten Gang nehmen. Ich wäre nicht mehr eingesperrt in dieser Station, in der ich die letzten 197 Tage verbracht hatte. Alleine. Ich würde meine Familie wiedersehen, meine Freunde. Und ich würde wieder in diese kalte Welt eintauchen.. 

Wahrlich kein Grund für einen Freudenausbruch. Vielleicht lag es an der Gewohnheit, an derEinsamkeit die schon zur Selbstverständlichkeit geworden war.  

Ich hatte sehr viel Zeit gehabt. Neben der Arbeit gab es die Stunden, die ich ganz für mich hatte. Die Bücher, die ich mir mitgenommen hatte, waren schnell ein zweites Mal gelesen. 

Es war diese Aussicht, dieses Schweben über den Dingen. Der lautlose Rhythmus. Alle 45 Minuten ging die Sonne auf und noch einmal 45 Minuten später wieder unter. 16 Mal am Tag. 197 Tage lang. 

Und doch... ich stieß wieder auf diesen Gedanken. “Irgendetwas hat gefehlt”. Nicht unbedingtmenschliche Nähe. Dass die hier oben zu kurz kommen würde war mir von Anfang an klar.Vielleicht ein Erlebnis? Nun ja, was hatte ich erwartet? Außerirdische Wohl kaum. So gerne ichauch die Literatur, die sich mit solchen Themen beschäftigte, verschlang, so unglaubwürdig wardoch der Gedanke, dass es gerade mir passieren würde. Wenn überhaupt jemals. Irgendjemandem. 

Meine Arbeit für heute war getan. Der Abschlussbericht sicher verstaut. “Papierkram stirbtwohl nie aus”, dachte ich bei mir. Wieder sah ich hinunter auf die Erde. 

“Was haben wir nicht alles erreicht”, sagte ich leise und betrachtete die Kontinente, die an mir still vorbeizogen. "So weit sind wir gekommen". Wenn ich da an die ersten Versuche des 20.Jahrhunderts dachte. Und auch später. Space-Shuttles wurden in den Orbit geschickt. Träume von einer Kolonie auf dem Mond oder gar dem Mars nisteten sich in den Köpfen der Menschen ein. 

Die Träume der Menschen kannten keine Grenzen. Doch die Realität zeigte sich anders. In den letzten 50 Jahren wurde die Raumfahrt zu einem Randthema. Immer weniger interessierten sich dafür, immer geringere finanzielle Mittel standen zur Verfügung. “Das Geld wird woanders gebraucht", war die Standardfloskel.  

Natürlich würde es woanders gebraucht. Es wurde immer wo anders gebraucht. Das war mir klar. Die Weltlage hatte sich nicht zum Guten entwickelt. Die Ressourcen waren knapp geworden, Energie im Besonderen. Die Menschheit hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt, zu spät angefangen nach Alternativen und Lösungen zu suchen. Es leuchtete mir ein, dass man erst den eigenen Planeten retten musste, bevor man sich wieder wissenschaftlichen Luxus leisten konnte. Und doch…. 

Ich drehte mich um und sah auf all die Armaturen, Lichter, Konsolen, Schalter. Man sah, dass das Budget knapp war. die Technik war veraltet. Etwa auf dem Stand von 2080. Ich schwebte durch den Raum auf den Schrank mit der Aufschrift “Pläne und Instruktionen” zu. Ich öffnete ihn und nahm die Anweisungen für die Rückkehr auf die Erde heraus.  

Natürlich hatte ich das alles schon unzählige Male durchgelesen. Schon vor dem Start. “Es wird  nicht schaden”, bestätigte ich mich. Das Herunterfahren der Station, das Vorbereiten der Landekapsel... 

Ein Shuttle würde mich nicht abholen kommen. Das hatten sie mir schon bei der Einweisung gesagt. War mir klar. Für eine Person lohnte sich das nicht. Zu teuer. Zumal ich auch der Letzte war. Es waren keine weiteren Expeditionen mehr geplant. Meine Arbeiten hier oben waren das Finale. Nur nichts Kostspieliges mehr zum Schluss.

 “Kein großer Empfang, wenn ich wieder unten bin”, dachte ich. Noch nicht mal ein Kleiner.Der Forscherdrang ist abhanden gekommen. All die Träume von Abenteuern,wissenschaftlichen Fortschritten, Entdeckungen. Beiseite geschoben. Und mir wurde klar, dass es das war. Das was fehlte. Ich sah wieder hinaus. Waren wir nicht einmal ein Volk von Träumern und Entdeckern gewesen? War es nur eine Illusion, durch den Aufenthalt hier oben das Leben dort unten zu verbessern oder besser verstehen zu können? 

Die Blütezeit war längst vorbei. Was wir erreicht hatten? So gut wie nichts. Die letztenExperimente bestanden aus einer sinnlosen Folge von Beobachtungen und Aufzeichnungen. Wie sollte das irgendjemandem helfen? 

Was machte ich mir vor? Vielleicht war es auch meine Schuld. Ich war zu euphorisch. Zuüberzeugt davon, dass das was ich hier tat wichtig wäre. Hatte mich vielleicht zu sehr hineingesteigert. Und nun, am letzten Tag, in den letzten Stunden erkannte ich die Bedeutungslosigkeit des Unterfangens. Vielleicht dachte ich, ich müsste all das sein was “denen da unten” abhanden gekommen ist. Die Suche nach dem großen Unbekannten. Ich war enttäuscht. 

“Wie konnte es nur soweit kommen?” dachte ich, als ich begann, meine Habseligkeiten in dieLandekapsel zu befördern. Sie war recht eng. Obwohl sie zwei Personen Platz bot, reichte sie so eben, um es einigermaßen bequem zu haben. Ich kontrollierte noch mal alle Räume die mir noch zugänglich gewesen waren. Das war ein überschaubarer Teil der Station. Die meisten Areale wurden schon 2075 geschlossen und konnten nicht mehr betreten werden. Am meisten tat es mir um das Columbus-Teleskop leid. Mit ihm wurden noch die letzten großen Entdeckungen gemacht. Es waren wunderbare Bilder voller Schönheit und Tiefe. Ich habe sie mir lange angesehen. Planeten, stellare Nebel,  Galaxien. Kaum jemand hat sie mehr gewürdigt. Nun liegen sie in Archiven. Unbeachtet. Angestaubt.

 “Eine Schande” dachte ich, als ich begann die Luken zwischen den Räumen zu schließen. Der letzte Sonnenaufgang, den ich ... den ein Mensch für womöglich sehr lange Zeit von hier oben betrachten würde, war ein Besonderer. Dieses kosmische Schauspiel zog mich Mal für Mal in seinen Bann. Und nun sollte ich der Letzte sein. Hatten wir etwas erreicht?

 Waren wir die würdigen Nachfolger der Pioniere, die in vergangenen Generationen als Helden gefeiert worden waren? War ich das? Ich sah auf die spiegelnde Oberfläche neben dem Sichtfenster. “Wenn so Helden aussehen...” sagte ich. Keine sentimentale Verklärung, bitte. 

Die Zeit war gekommen. Alles ging streng nach Vorschrift. Emotionslos arbeitete ich die Checkliste ab, wie tausendmal geprobt. Ich warf einen letzten Blick in die Zentrale, murmelte “... der letzte macht das Licht aus” und stieg in die Landekapsel.  

Der Countdown lief: 7 ... 6 ... 5 ... Ich schloss die Augen. 

Wir haben verlernt zu träumen.  

 Alle Rechte beim Autor Sebastian Mushack

Beitrag als PDF-Datei