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Space Elevator; Credit: NASA An Tanja Kummer gefiel der Jury besonders ihre unbekümmerte Lust am Fabulieren. Sie hat ein richtiges Kriminal-Dramolett im technischen Umfeld des Jahres 2100 geschaffen.

Aufzüge in den Himmel zu bauen und Hotels an deren Ende zu platzieren scheint recht preiswert geworden zu sein, wie sonst könnte der Besitzer der Anlage gegen Schluss alles aufgeben wollen, weil mit einer kleinen Erpressung offensichtlich mehr Geld zu machen ist als die Errichtung des ganzen Liftkomplexes plus Hotel kostet.

Die Schwächen der Story liegen in den technischen Annahmen. Irgendwie ist es wohl gelungen, Magnetfelder in Schwerkraft umzuwandeln, und die 36.000 Kilometer Höhe, die ein Space Elevator erreichen muss, um ein Objekt in einer geostationären Umlaufbahn zu halten und in der Folge Schwerelosigkeit herzustellen, werden innerhalb einer einzigen Stunde zurückgelegt (selbst um überhaupt irgendeine Erdumlaufbahn zu erreichen, wären 25.000 Kilometer vertikal zu bewältigen, damit die Horizontalgeschwindigkeit groß genug ist). In der Realität wären Besatzung und Passagiere wegen der dann notwendigen enormen Beschleunigung und Bremsverzögerung den größten Teil dieser Stunde an den Boden, resp. die Decke der Liftkabine genagelt. Doch hier ist das kein Problem, wir haben ja die variable Magnetfeld-Gravitation. Smile

Mich persönlich störte ein wenig, dass noch recht weit hinten in der Geschichte neue Personen eingeführt werden, wenn auch nur in Nebenrollen.

Alles in allem kam die Geschichte aber so frisch und keck daher, und mit einem witzigen Titel versehen, dass die Jury der Meinung war: Gehört in das vordere Fünftel der Feldes.

Machen Sie sich selbst ein Bild: Tanja Kummer - Mordsaussichten

Mordsaussichten

Von Tanja Kummer

Nathaniel O’Connor rannte so schnell er konnte. Was bei ihm bedeutete, dass er etwas schneller ging als normal. Doch selbst das war schon mehr als sein untrainierter Körper eigentlich leisten konnte.

Er war nie eine Sportskanone gewesen und würde auch keine mehr werden. Mit Hängen und Würgen hatte er die Aufnahmeprüfung der Internationalen Polizei Association (IPA) bestanden. Aber das lag jetzt zehn Jahre Zeit und zehn Kilogramm Gewicht zurück.

Schwer atmend erreichte er den Eingang und hob die Polizeimarke in die Höhe. Die Miene des Mannes vor ihm sprach Bände, während er anklagend auf seine sündhaft teure und protzige Uhr blickte.

„Haben sie die Nachricht der IPA erhalten?“ keuchte Nathaniel und schob seine dicke,  getönte Hornbrille wieder auf der Nase gerade.

„Selbstverständlich!“ Der Mann klang beinahe beleidigt. „Doch ich weiß nicht, wie sich ihre Vorgesetzten das vorgestellt haben.“

„Ich ermittle in einem Mordfall. Ihr kleiner Ausflug muss warten.“

„Kleiner Ausflug?“, empörte sich der Mann, bei dem es sich offensichtlich um Bill Miller, dem Geschäftsführer der Anlage handelte.

„Wir reden hier von der Jungfernfahrt des Orbitalen Aufzugs für Touristen. Nicht über die Eröffnungsfeier eines weiteren ‚Walt Disney World‘ Parks.“ Er machte eine einladende
Geste und Nathaniel folgte ihm.

Sie traten in das Gebäude ein.

Von weitem hatte es wie eins der modernen Rundbauten ausgesehen, die derzeit überall aus dem Boden wuchsen: Milchweißes Material, das von innen heraus durch holografische  Projektoren mit verschiedenen Farben und Mustern beleuchtet werden konnte. Auf dem Flachdach thronte ein blaumetallener Aufsatz, dessen Form an ein russisches Zwiebeldach erinnerte, aber auch etwas sein könnte, was man umgangssprachlich als „fliegende Untertasse“ bezeichnete. Aus der Nähe betrachtet fügten sich dem Bild noch drei dünne, kaum sichtbare Seile hinzu, welche das UFO flankierten und in den Himmel hinaufliefen. Das Innere des Gebäudes bestand ebenfalls aus dem milchig weißen Material. Zudem war es kunstvoll und hell eingerichtet. Einfache Bänke oder Stühle luden zu Pausen ein, während Bilder und Texte an die Wände projiziert wurden. Doch die beiden Männer hielten zielstrebig auf die Tür zu, die zur Mitte des Komplexes führte.

„Natürlich nicht!“, stimmte Nathaniel zu, als sie die Metalltreppe hinter der Tür hinaufstiegen. „Doch meine Ermittlungen haben Vorrang! Laut IPA Verfolgungsrecht und...“

Der Geschäftsführer winkte ab. „Fürchten sie, ihr Täter könnte irgendwohin fliehen? Aus meinem Aufzug oder der Raumstation?“ Er wiegte zweifelnd den Kopf. „Wohl eher nicht.“

„Die IPA hat beschlossen, dass die Ermittlungen oberste Priorität haben" meinte Nathaniel. "Immerhin steht ihr Aufzug im öffentlichen Rampenlicht.“

Sie passierten erneut einen Durchgang und diesmal blieb der Geschäftsführer endlich stehen. Er warf dem Polizeibeamten einen gewinnenden Blick zu.

„Sie haben ja so Recht. Und darum wird der Start auch wie geplant stattfinden.“

„Er wird…stattfinden?“

„Willkommen an Bord, Mister O’Connor. Sie sind unser letzter Fahrgast. Um Sie mitnehmen zu können ohne das zulässige Höchstgewicht zu überschreiten, mussten wir sogar einen Kellner zurücklassen. Wenn dies aber bedeutet, den Start durchführen zu dürfen, ist das ein geringer Preis.“

„Aber ich habe Höhenangst!“, gestand der Polizist und wollte kehrt machen. Doch hinter ihm wurden die dicken Türen der Druckkabine verschlossen.

„Nehmen sie Platz und genießen sie die Fahrt. Ihnen wird eine Ehre zuteil, die jemand anderem einen Mord wert war.“

„Aber...“

„Ach, seien Sie endlich ruhig und setzten Sie sich.“, zischte Miller leise, bugsierte ihn zu einem der Personalstühle und drückte ihn freundlich hinein. Dann drehte er sich um, zupfte seine Kleidung zurecht und verließ breit grinsend den Raum.

Nathaniel sah sich um. Der Raum war rund und optimal genutzt. An drei Stellen, fast in Bodennähe, befanden sich runde Fenster. Durch sie konnte man das beleuchtete Dach der Anlage sehen. An der Wand, den Personalplätzen gegenüber, befand sich ein kleiner Ausschank mit Getränken und Snacks.

In der Mitte des Raumes saßen die zwanzig Gäste. Ihre Sitze waren, im Gegensatz zu denen des Personals, groß und bequem und erinnerten an antiquierte Ohrensessel. Diese neusten Modelle passten sich automatisch an jede Körperform an und boten höchsten Komfort.

Vor der Sitzgruppe stand ein Pult, hinter das Bill Miller nun getreten war.

„Sehr geehrte Gäste. Wir erleben nun einen historischen Moment in der Geschichte der Menschheit. Es liegt im Wesen des Menschen zu forschen und sich seine Lebensbedingungen zu verbessern. In der frühen Zeit der Erfindungen brachte die Elektrizität Licht ins Dunkel so mancher Forschung. Der Traum vom Fliegen ermöglichte es uns, zu reisen wohin wir wollen. Das Internet und die Globale Weltvereinigung machten die Erde kleiner.

Wie sie bereits unten, in unserem kleinen Ausstellungsraum gesehen haben, war der Weg der Menschen ins All beschwerlich, kostspielig und von Rückschlägen gezeichnet. Doch der Traum, den der russische Raketenpionier Konstantin Ziolkowski 1895 hatte, nämlich einen Turm ins All zu bauen, ließ die Menschheit nie mehr los. Namhafte Autoren nahmen solchen Ideen immer wieder zum Anlass fantastischer Geschichten, die ihrerseits die Wissenschaft beflügelte. Im einundzwanzigsten Jahrhundert erreichten die Forschungen in der Kohlenstoff-Nanoröhren-Technologie ihren Höhepunkt. Jahrelange Entwicklungsarbeiten haben die Techniken perfektioniert und den Traum des Fahrstuhls in den Orbit realisierbar gemacht. Heute sind wir hier, um den ersten kommerziell genutzten orbitalen Aufzug und das damit verbundene Hotel einzuweihen. Mir, William Miller, stolzer Besitzer dieser Anlage, ist es eine Ehre, sie hier an Bord begrüßen zu dürfen.

Miller nickte seinen Gästen theatralisch zu. Er war ein guter Entertainer, fand Nathaniel, welcher der kurzen Ansprache aufmerksam gelauscht hatte.

„Für alle, die es noch nicht bemerkt haben:“, fuhr Miller fort, „Der Aufzug befindet sich bereits in der Luft!“

Überraschte  „Ahhs“ und „Ohhs“ ging durch die Menge. Manche applaudierten begeistert. Andere waren aufgesprungen und eilten zu den Fenstern. Auch Nathaniel sah nun, dass das beständige bunte Licht verschwunden war. Stattdessen konnte man jetzt die immer kleiner werdende Station und die umgebende Landschaft sehen.

Er stand allerdings nicht auf, um es sich genauer anzusehen. Er hatte schließlich Höhenangst.

„Wunderbar, nicht wahr!“ Miller strahlte und freute sich wie ein kleiner Junge über die neue Modeleisenbahn. „Das ist der richtige Augenblick für eine kleine Erfrischung.“

Die Kellner waren jetzt aufgestanden und durchquerten den Raum. Emsig wurde Champagner geöffnet und ausgeschenkt. Einige der Gäste waren aufgestanden, um Miller die Hand zu schütteln. Auf dem Weg zur Theke ging Nathaniel im Geiste die Liste durch, die er im Auto gelesen hatte. Er hakte zu jedem Gesicht gedanklich den Namen ab. Zwanzig Gäste. Hauptsächlich Männer. Fünf Frauen. Alles Prominenz und Adel. Dazu ein Pressevertreter.

Natürlich hatte es viel mehr Anwärter als Plätze für die erste Fahrt im Aufzug gegeben. Darum hatte Bill Miller eine Casting-Show inszeniert, in der per Publikumsabstimmung die Gewinner ermittelt wurden. Dem Rummel der um die Show gemacht worden war, hatte niemand  entgehen können, selbst wenn man es sich nicht im Fernsehen angesehen hatte.

Unter diesen zwanzig Gewinnern wäre auch der oberste Richter Josef Keller gewesen, doch am Abend vor dem Ereignis hatte die Haushälterin seinen leblosen Körper aufgefunden. Ermordet. Mit einem sauberen Schuss in den Hinterkopf!

Nathaniel glaubte nicht so recht an den Racheakt eines ehemaligen Verurteilten, dazu war die Tat zu professionell abgewickelt worden. Nach dem Mord an dem Richter durfte jedenfalls automatisch der zuletzt ausgeschiedene Kandidat nachrücken. In diesem Fall war das Rebecca Potter, ein Model. Zumindest behauptete das der Sender, denn die wahren Ergebnisse der Wahlen wurden geheim gehalten.

Die Kollegen der IPA versuchten gerade, an diese Daten zu kommen. Miss Potter hatte ein beweisfestes Foto-Shooting zur Tatzeit gehabt und schied somit als Täterin eigentlich aus. Aber vielleicht hatte einer der anderen Fahrgäste ein Motiv für den Mord. Eben das sollte Nathaniel jetzt herausfinden.

Trotz Alibi war Rebecca Potter für Nathaniel nach wie vor die Tatverdächtige Nummer eins. Sie war wirklich eine Augenweide. Nathaniel fand allerdings, dass sie unter all den Leuten ein wenig verloren wirkte. 

In diesem Moment trat Mike Joner zu ihr und reichte ihr ein Glas Champagner. Er war ein bekannter Schauspieler und bei Frauen jeglichen Alters sehr beliebt.

Rebeccas grüne, große Augen begannen wie Sterne zu leuchten und ein glückliches Lachen erhellte ihr Gesicht. Gemeinsam stießen sie an und begannen vertraulich zu plaudern.

Überall bildeten sich nun kleine Grüppchen. Nathaniel erreichte die Theke. Er ließ Dienst Dienst sein und griff sich ein Glas Champagner und kostete vorsichtig. Das Getränk war herrlich kühl. Die ausgewogene Säure und das fruchtige Aroma waren wunderbar. Mit einem verklärtem Seufzen ließ er sich den Inhalt des Glases in einem Zug in die Kehle rinnen.

Nathaniel war begeistert und fand, dass erst ein zweites Glas die angemessene Entschädigung für den Stress der letzten Stunden brächte.

„Darf ich sie darum bitten, noch einmal gemeinsam mit ihnen anzustoßen?“ Miller stand wieder hinter seinem Pult, sein Glas demonstrativ erhoben. Nathaniel trank erneut  leer und griff sich ein drittes Glas. Dann ging er zu seinem Platz zurück und prostete ebenfalls auf das gelungene Projekt mit an.

„Ich will sie nicht mit technischen Details langweilen und trotzdem würde ich gerne ein wenig damit angeben.“, rief Miller. Es klang beinahe wie eine Liebeserklärung. „Die Idee, Touristen ins All zu bringen, ist nicht neu. Doch unser Konzept geht weit über die wenigen Minuten Besuchszeit im All hinaus, die für die meisten bisher möglich waren.

Unser Hotelkomplex steht ihnen den Rest des Tages und eine Nacht zur Verfügung. Nur so können sie dauerhaft das Gefühl der Schwerelosigkeit genießen. Die Funktionalität des Weltraumlifts mit seinen Brennstoffzellen haben wir Dank Solarverkleidungen effizienter machen können. Doch die eigentliche Herausforderung war die stationäre Weltraumstation. Schließlich galt es ein Hotel einzurichten, welches trotz Schwerelosigkeit einen gewissen Komfort bietet.“

Nathaniel nippte an seinem Glas und genoss das Entspannungsgefühl, das sich langsam in seinem Körper ausbreitete.

„Die Kleidung, welche wir ihnen für den heutigen Tag haben zukommen lassen, ist eine Spezialentwicklung. Sie ist, wie die Schuhe auch, auf die Schwerelosigkeit im Hotel abgestimmt und zu diesem Zweck mit einem Material versehen, welche ihnen auf Wunsch Schwerkraft simuliert. Die Kleidung interagiert mit Magnetfeldern, die in jedem Raum des orbitalen Hotels vorhanden sind. In ihren Räumen können sie die Stärke des Feldes und damit den Grad der Schwerkraft ähnlich einer Klimaanlage an einem Stellrad neben der Tür einstellen. Sie werden also ganz normal gehen können, wenn das Magnetfeld in ihrem Raum voll eingestellt ist. Wollen sie teilweise oder vollkommene Schwerelosigkeit erfahren, dann drehen sie den Regler einfach herunter oder schalten das Feld aus. Aber beschweren sie sich nicht, wenn sich sie dann an der Zimmerdecke eine Beule holen!“

Miller lachte lauthals über seinen Scherz.

Nathaniel wurde mulmig. Sein aufsteigendes Unwohlsein übertrug sich auf seine Gesichtsfarbe, die jetzt ein zartes Grün annahm. Bisher war ihm gar nicht aufgefallen, dass sich die Kleidungsstücke trotz verschiedener Farben alle irgendwie ähnelten. Keine guten Voraussetzungen für einen erfahrenen Polizisten.

Aber das war es gar nicht, was ihn jetzt zusehends in Panik versetzte.

Langsam, hob er den Arm, um sich wie in der Schule zu melden. Zuerst wurde Miller gar nicht auf ihn aufmerksam, weil er noch immer über seinen flachen Scherz lachte.

„Sie wollten etwas fragen, Mr. O’Connor?“

„Und ich?“ stammelte Nathaniel, nun bleich. Zu mehr war er nicht in der Lage.

„Und sie?“ fragte der Geschäftsführer verständnislos zurück.

„Ja…bekomme ich auch… ‚Schutzkleidung’?“ Nathaniel starrte Miller Hilfe suchend an, dieser starrte zurück, den Blick sinnierend nach innen gerichtet.

„Lassen sie uns das gleich besprechen!“ meinte Miller schließlich.

Es schien Nathaniel als wäre Miller etwas  blass geworden. Das erinnerte ihn an seinen eigenen Zustand. Er stürzte sein fast noch volles Glas in einem Zug hinunter und ließ sich sofort nachschenken.

„Unsere Fahrt dauert etwa eine Stunde. Sie werden kaum bemerken, wenn die Schwerkraft nachlässt. Dieser Vorgang ist fließend bis wir unsere Ziel erreichen, außerdem haben wir auch hier im Aufzug ein leichtes Feld installiert, um den Übergang für sie, verehrte Gäste angenehmer zu machen.“

Nathaniel verkrampfte unter einer neuerlichen, innerlichen Panikattacke.

„Der Liftpilot, über uns im Aufzug, wird uns sicher zum Hotel bringen. In ihren Zimmern haben sie ein wenig Zeit, sich mit allem vertraut zu machen, ehe wir uns zum Dinner im Restaurant
treffen. Gemeinsam werden wir von dort aus den Ausblick auf den Mond genießen. Auf eine wunderbare Reise.“

Miller lächelte wieder und prostete der Runde nochmals zu. Gläser wurden aneinander gestoßen. Die Menschen um Nathaniel lachten. Der Alkohol entspannte sie. Nathaniel trank wieder aus.

Ja, auch er wollte entspannt sein! Er ließ sich noch mal nachschenken.

„Wie viel davon hatten sie schon?“ fragte Miller. Nathaniel hatte gar nicht bemerkt, wie er sich genähert hatte. Er kicherte nur.

„Genug, wie ich sehe. Reißen sie sich zusammen, Mann! Sie sind doch im Dienst, oder nicht?“ Miller zog den nickenden Nathaniel in die Höhe und nahm ihn mit. Durch eine versteckte Tür gelangten sie in den Wartungsbereich des Aufzuges. Sie stiegen eine schmale Treppe empor und erreichten den Steuerungsraum. Darin saß der Pilot des Aufzuges. Dieser wirkte ein wenig verdutzt, als sein Chef zusammen mit einem Fremden eintrat. Der Polizist winkte dem Liftboy fröhlich zu.

„Hier, ziehen sie sich das an. Ich hoffe, es passt.“ Miller überreichte Nathaniel einen Stapel knittriger Wäsche.

Nathaniel musterte das Paket. „Wem gehören denn die Sachen?“

Dem Kellner, der sicher lieber mitgefahren wäre als sie. Leider hatte ich keine Zeit mehr, die Kleidung für sie zu bügeln.“ zischte Miller zynisch und beobachtete Nathaniel.

Es war eng im Cockpit und Nathaniel hatte alle Mühe, sich darin umzuziehen.

„Und? Wissen sie schon, wer es war?“ wechselte Miller das Thema.

„Mit Verlaub. Darüber darf ich ihnen keine Auskunft geben.“

„Aber einen Verdacht werden sie doch haben, oder?“ stichelte Miller. „Sonst weiß ich nämlich nicht, was das alles hier sollte.“

„Ich muss mich mit einigen Personen unterhalten.“, erklärte Nathaniel ausweichend. „Und ich warte noch auf Daten.“

Miller nickte. „Die Leute wissen nicht, wer sie sind. Ich habe ihnen gesagt, sie wären ein Mechaniker, der zu Wartungsarbeiten kurzfristig noch mit musste. Also verhalten sie sich unauffällig.“

„Okay!“ Das Hemd des Kellners war zu klein. Die Knöpfe am Bauch bekam Nathaniel nicht zu. Zu seinem Glück verdeckte das Jackett das Problem tadellos. Genau wie die Hose, welche er nicht richtig schließen konnte. Immerhin passten die Schuhe.

Wieder unten mischte sich Nathaniel unter die Gäste. Eine Stunde Fahrt war nicht viel, zumal die Hälfte der Zeit schon fast um war. Nathaniel machte einen großen Bogen um die Sichtfenster und versuchte, sich so natürlich wie möglich zu verhalten, während er den Gesprächen lauschte.

Plötzlich piepste seine Uhr. Kurz und knapp waren die Infos auf dem Display zu lesen: Voting Daten gefälscht. Verfolgen Spur.

Nathaniel sah sich um. Keiner sah wie ein Mörder mit einem schlechten Gewissen aus. Alle waren glücklich. Nur Nathaniel selbst überlegte, ob er nicht einen Mord begehen sollte, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen.

„..., das ist ja so furchtbar!“ drang ein Gesprächsfetzen zu ihm. „Wer würde so etwas nur tun?“

„Eine bessere Publicity gibt es wohl kaum!“

„Ich bitte dich, Mike. Er wird sich wohl kaum freiwillig für die Fahrt gemeldet haben, um sich dafür erschießen zu lassen.“

„Interessantes Thema, nicht wahr?“ meinte ein Mann neben Nathaniel. Der blickte sich verwirrt um und sah Gerd Hussel ins Gesicht. Er glaubte sich zu erinnern, dass der ein bekannter Wissenschaftler war.

„Kann ich nicht leugnen!“

„Sie durften also noch kurzfristig einsteigen, um Wartungsarbeiten am Hotel durchzuführen. Müssten wir uns Sorgen machen?“

„Nein, es ist nichts, was die Sicherheit betrifft.“

„Bestimmt? Ich meine, muss wohl dringend sein, wenn man sie so kurzfristig und schlecht vorbereit hierher geschickt hat!“ Nathaniel nickte. Hussel war ein guter Beobachter.

„Trotzdem, es gibt kein Grund zur Sorge.“ Nathaniel schielte zu Rebecca und Mike hinüber und versuchte schnell, das Thema zu wechseln. „Die Beiden da scheinen sich gut zu verstehen.“

„Sicher. Sie haben sich bei der Casting Show kennen gelernt und ineinander verliebt. Wussten sie das nicht?“

„Ach?“ Nathaniel sah Hussel interessiert an.

„Ja doch!“ Hussel grinste anzüglich. „Jetzt mal ehrlich, dieser Weiblichkeit wären wir doch alle gern erlegen, oder?“

Nathaniel grinste.

„Muss hart gewesen sein zu erfahren, dass er fahren darf und sie nicht!“, grub Nathaniel tiefer.

„Stimmt. Meine Frau meinte, es gäbe ja nichts Romantischeres für ein frisch verliebtes Pärchen, als diese Reise gemeinsam zu begehen.“

Bevor Nathaniel antworten konnte, piepste seine Uhr erneut. „Sie entschuldigen mich! Eine Nachricht aus der Zentrale.“ Er trat einen Schritt beiseite, um die Meldung lesen zu können: Alle Votings sind manipuliert. Haben den Hacker ausfindig machen können, der dafür bezahlt wurde. Das Geld stammt von einer Briefkastenfirma. Ermitteln weiter.

Nathaniel jubelte innerlich. Dabei bemerkte er zum ersten Mal, dass sich seine Bewegungen irgendwie anders, leichter anfühlten.

Es war, als würde die Schwerelosigkeit langsam beginnen. Auch den anderen Gästen war es nicht entgangen und überall machte sich Aufregung breit.

Bald darauf konnten sie über einen Monitor beobachten, wie der Aufzug in die Hotelanlage einfuhr und angedockt wurde.

„Bitte erschrecken sie sich nicht. Beim Öffnen der Druckkabine könnte es ein wenig Laut werden.“, erklärte Miller. Es stellte sich heraus, dass das etwas untertrieben war. Es zischte, knackte und pfiff ohrenbetäubend.

Dann aber war der Weg frei und die Gäste drängten hinaus. Das Hotel war innen aus genau demselben beleuchtbaren Material gefertigt, wie die Gegenstation auf der Erde. In der Mitte der Bodenfläche war eine große runde Glasscheibe eingelassen.

Sofort eilten alle Gäste zu diesem Aussichtsfenster und bestaunten die Erde unter sich. Nur Nathaniel wagte sich nicht ganz vor. Unter ihnen war die Erde. Ein riesiges, blauweißes Ungetüm. Wunderschön. Selbst Nathaniel, der nur vorsichtig hinabschielte, konnte sich ihrer Faszination kaum entziehen.

„Unsere Hotelboys werden sie zu ihren Zimmern bringen.“ Miller machte eine Geste und zeigte auf die ASIMO P4 Roboter an der gegenüberliegenden Wand. Sie hielten Schilder, auf denen die Namen der Gäste standen. „Die Hotelboys stehen ihnen die ganze Zeit zur Verfügung. Genießen sie den Ausblick. Wir sehen uns dann später wieder.“ Damit empfahl sich der Geschäftsführer und ließ seine schwärmenden Gäste zurück.

„Du entschuldigst mich!“ bat Mike Rebecca und eilte dem Geschäftsführer hinterher, so als hätte er etwas vergessen zu fragen. Nathaniel sah im hinterher, als seine Uhr wieder
piepte. Briefkastenfirma gefunden. Zusammenhänge zu Bill Miller ermittelt. Hat die Tickets hinter dem Deckmantel der Show an die höchsten Gebote verkauft. Hinweise auf einen Profikiller ermittelt. Verwickelt sind Mike Joner und Bill Miller. Beide verhaften. Als Zeugin in Schutzhaft zu nehmen: Rebecca Potter.

Nathaniel sah den Gang hinunter. Das Verschwinden der beiden bekam plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Nathaniel machte sich auf den Weg und folgte den Männern den Flur entlang. Ab und an gingen Türen davon ab, ansonsten blieb der Gang unverändert. Statt Türnummern gab es hier Suitenamen: Madrid Room, New York Room, Cologne Room... doch Nathaniel achtete nicht darauf.

Die Zimmer lagen außen an der runden Station und Nathaniel hatte den Eindruck, dass er schon fast einmal herum gelaufen sei. Dann öffnete sich direkt vor ihm ein Durchgang, über dem auf einem Schild „Moonlight Lounge“ stand. Er blieb stehen und lauschte.

Tatsächlich waren da Stimmen und sie flüsterten erregt miteinander. „...weiß er?“ hörte er Mike fragen.

„Ich habe keine Ahnung. Doch ich werde nicht hier bleiben, um es herauszufinden.“

„Was soll das heißen? Sie sagten, dass ganze Unterfangen wäre absolut sicher.“

„Es gibt nichts, was absolut sicher ist, Mr. Joner. Sie haben mir Geld für zwei Tickets gegeben. Ihres zum regulären Preis und das für Rebecca Potter mit entsprechenden Zulagen. Damit sind sie Mittäter in der ganzen Sache.“ Miller seufzte.

„Ausgerechnet jetzt, wo ich meinem Ziel so nahe war.“

„Sie sind selbst Schuld.“, zischte Mike Joner.

„Bin ich das? Mag sein, dass mir meine Habgier zuletzt in die Quere gekommen ist, doch der Plan, den sie ersonnen haben, ist so billig wie die Filme, in denen Sie immer mitspielen!“

Nathaniel hörte Geräusche, die bedenklich nach einem heftigen Handgemenge klangen. Dem folgten wieder die Stimmen.

„Es ist ihre Wahl, Mr. Joner. Sie können mich begleiten. Der Wartungsaufzug fährt gleich hinunter. Die Gäste und das Personal sind erst einmal beschäftigt. Uns wird so schnell keiner suchen. Noch können wir entkommen. Mit dem hübschen Sümmchen, welches ich mir nebenher erwirtschaftet habe, können wir beide gut leben. Oder aber sie bleiben hier und finden heraus, was dieser fette Polizist weiß. Ich für meinen Teil wähle den Notausstieg.“

„Das glaube ich nicht!“ Nathaniel trat ein. „Sie sind beide verhaftet!“ Schonungslos machte Nathaniel von der neusten Waffe der IPA gebrauch. Er richtete das kleine Gerät auf die beiden Männer vor sich und drücke ab. Ein greller Lichtblitz blendete die beiden Männer so stark, dass sie schrien und die Arme in die Höhe rissen. Doch da war es bereits zu spät. Das helle Licht reizte die Bindehaut und führte eine kurzzeitige Blindheit herbei. Seine eignen Augen hatte Nathaniel durch seine Spezialbrille geschützt.

Jetzt musste er die Beiden nur noch einsammeln und fesseln. Mit den Handfesseln band er den Männern die Hände auf den Rücken, während er zufrieden lächelte.

„Sie hatten Recht, Mr. Miller!“ Nathaniel sah zu der Fensterfront des Restaurants. Dort schob sich nun der Mond ins Sichtfeld. Rund, golden leuchtend und riesig groß. Der Ausblick
darauf war himmlisch schön. Siegreich genoss Nathaniel ihn für einen Augenblick. „Es gab keinen Grund zu fürchten, dass der Täter aus dem Aufzug oder der Raumstation fliehen würde.“ Nathaniel schnalzte, auf dieselbe Art und Weise, wie Miller zuvor, abfällig mit der Zunge. „Stattdessen waren sie so freundlich, ihre Rückführung selbst zu organisieren.“

Tanja Kummer
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