Michael-Glos Hoppla, was ist denn da passiert? Da kam dem DLR doch unversehens ihre Flaggschiff-Mission abhanden. Die Vorbereitungen für die erste deutsche Mondsonde mit der Bezeichnung Lunarer Erkundungs-Orbiter, kurz "Leo" waren schon seit mehr als einem Jahr in vollem Gange. In Kürze sollte das Vorhaben offiziell gestartet werden, da kam Bundeswirtschaftsminister Michael Glos auf die haushaltspolitisch bedeutungslose aber technologiepolitisch katastrophale Idee das Vorhaben zu stornieren.

Der unbemannte Leo sollte 2012 die Reise zum Erdtrabanten antreten. Ein rein deutsches Programm mit der Aufgabe, den Mond exakt zu kartografieren und seine Oberflächenzusammensetzung zu erforschen. Leo galt als Vorläufer für eine unbemannte Landemission und als Anspruchsgrundlage für eine deutsche Führungsrolle im zukünftigen Forschungsprogramm der ESA. Vor allem aber als werbewirksames Aushängeschild deutscher Leistungsfähigkeit auf dem Technologiesektor.

Die FDP-Forschungsexpertin Ulrike Flach, vor Jahresfrist noch wenig begeistert von dem Vorhaben, zwischenzeitlich aber bekehrt, befand: "das Aus für die Mission ist ein Rückschlag für die deutsche Raumfahrtindustrie und ein Zeichen für die Schwäche der Raumfahrtpolitik des Wirtschaftsministers". Recht hat sie. Lesen Sie dazu Ulrike Flachs treffenden Kommentar "Deutschland an Mond - Wir kommen nicht".

Ulrike FlachBundeswirtschaftsminister Glos, sonst unauffällig bis zur Selbstaufgabe, hielt es geboten ausgerechnet hier seine Duftmarke zu setzen. Geldmangel kann es nicht sein, denn eigentlich steigt das Raumfahrtbudget kräftig, und damit wäre die Gelegenheit günstig, endlich markante, anspruchsvolle und öffentlichkeitswirksame Vorhaben zu platzieren.

Handeln tut not, denn Deutschland lebt nun schon seit sieben Jahren mit einem Raumfahrtprogramm das sich vor allem durch Ideenlosigkeit und Langeweile auszeichnet. Ein lauwarmes Konstrukt, das es allen recht machen will, das von überall ein bisschen was beinhaltet, weder Fisch noch Fleisch ist und hauptsächlich die zu Beginn des Jahrzehnts politisch opportunen Schlagworte knetet.

Dieses fade Pamphlet ist eigentlich seit dem Tag seiner Veröffentlichung obsolet. Was Deutschland braucht, ist ein erheblich aufgepepptes Programm: Frech, frisch, aufregend und anspruchsvoll. Mit Ideen und Projekten, die das Bild eines aktiven und wagemutigen Deutschland nach außen tragen. Mit Aufgaben und Missionen die der Jugend Ansporn geben, technische Berufe zu ergreifen. Mit Vorhaben, die Deutschland an die Spitze der Bewegung stellen und nicht irgendwo in die graue Masse des Mittelfeldes. Der Lunare Erkundungs-Orbiter war der erste Schritt in die richtige Richtung.

Und nun dieses Fiasko. Glos bedient sich hier einer in den USA als "earmarking" bekannten Unsitte: Die Umleitung nationaler Agenturmittel für Zwecke, die der eigenen Partei und den eigenen Wahlregionen nutzen. In diesem Fall sieht es so aus, dass aus dem an sich steigenden Raumfahrtbudget zusätzlich Mittel in das ohnehin schon gut gefütterte Zentrum für Automation und Robotik in Oberpfaffenhofen umgeleitet werden. Die CSU gab die krude Angelegenheit flugs als Sieg aus und ließ ihre Anhänger auf ihrer Homepage wissen: "Bayern profitiert".

Dass die Bayern dann allerdings, wenn überhaupt, auf einem wenig öffentlichkeitswirksamen Gebiet profitieren, scheinen selbst die bayerische Medien noch nicht so recht mitbekommen zu haben, wie dieser Beitrag in der Münchner Abendzeitung zeigt.

Schlimm genug, dass der Wirtschaftsminister hier sein parteipolitisches Süppchen kocht und sein Desinteresse an einer starken Raumfahrtposition Deutschlands öffentlich macht. Die 350 Millionen Euro teure LEO-Mission (verteilt über sieben Jahre) wäre ohne weiteres zu finanzieren gewesen.

Warum allerdings das DLR nicht entschiedener für das Vorhaben gekämpft hat, bleibt ihr Geheimnis. Womöglich ist das Projekt einem internen Grabenkampf zum Opfer gefallen. Einige der DLR-Bereichsfürsten sind bekannt dafür, neuen programmatischen Ausrichtungen, welche  Reorganisationen bestehender Strukturen erfordern, ein erhebliches Beharrungsvermögen entgegen zu setzen.

Dieses kraftlose Verhalten lässt alle Alarmglocken läuten für den in den nächsten Monaten bevorstehenden Einsatz um einen noch wesentlich wichtigeren Eckpfeiler nationaler und europäischer Raumfahrtpolitik: Die seit einer halben Generation überfällige Entscheidung für ein eigenständiges europäisches bemanntes Raumtransportsystem. Ein Kampf, den nicht nur die ESA sondern auch die nationalen Agenturen mit äußerstem Einsatz führen müssen.

Astra