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First Powered FlightSonja Rohdes Traum rückt näher. Um das zu verstehen, muss man diesen Film gesehen haben. Am heutigen 29. April hat SpaceShipTwo (SS2) den wahrscheinlich wichtigsten Einzel-Testpunkt in seiner Flugerprobung erfolgreich absolviert. Erstmals haben alle Komponenten des Systems zusammen gewirkt. Das Trägerflugzeug WhiteKnightTwo (WK2) und das Raketenflugzeug mit seinem Antrieb. Das bedeutet den Start in die entscheidende Phase des Testprogramms dieses weltweit ersten kommerziellen suborbitalen Raumfahrzeugs.

In wenigen Monaten soll – nach weiteren Testflügen mit stetig zunehmender Brenndauer des Raketenmotors - die von der „Fédération Aéronautique Internationale (FAI)“ als „Grenze“ zum Weltraum festgelegte 100-Kilometer Höhenmarke, auch als „Karman-Linie“ bezeichnet, überschritten werden. Damit ist auch der Weg frei für die deutsche "Privatastronautin" Sonja Rohde, die in gut einem Jahr mit diesem Raketenflugzeug einen suborbitalen Raumflug unternehmen will. Sonja Rohde war erst vor wenigen Tagen bei der von "Der Orion" organisierten YuriRohdes Night im Planetarium Wien zu Gast gewesen (BIld: Eugen Reichl im Gespräch mit Sonja Rohde).

Hier die Fakten des heutigen ersten Raketenfluges von SS2: Der Raketenmotor war nach dem Absetzen vom Trägerflugzeug WhiteKnightTwo  für etwa 15 Sekunden in Betrieb. In dieser kurzen Zeit beschleunigte das Vehikel von etwa Mach 0,45 - der Geschwindigkeit der Kombination aus WK2 und SS2 im Moment des Abwurfs - auf Mach 1,2 und stieg dabei in flachem Steigflug von der Absetzhöhe in 14.500 Metern auf eine Höhe von etwa 17.000 Metern. Insgesamt war es der 115. Flug von WK2 und der 26. von SS2. Alle vorherigen Flüge von SS2 waren Gleitflüge gewesen. Die beiden Piloten an Bord von SS2 waren Mark Stucky und Mike Alsbury.

Die Spannung hatte sich bereits seit einer Weile aufgebaut. Obwohl es keine offiziellen Verlautbarungen gab, begannen sich in den letzten beiden Wochen die inoffiziellen Hinweise zu verdichten. Insbesondere die Tweets der flugzeugverrückten Anwohner von Mojave vermeldeten zunehmende Aktivität vor Ort. Spekulationen über das Missionsprofil und die Zusammenstellung der Besatzungen von Trägerflugzeug und SS2 machten schon seit Tagen in den Fachforen die Runde.

Lang hat es gedauert. Bereits am 21. Dezember 2008 hatte der Erstflug des Trägerflugzeugs WK2 stattgefunden. Im April 2010 fand der erste Flug statt, beim dem WK2 und SS2 gemeinsam starteten. Den ersten Solo-Gleitflug von SS2 gab es am 10. Oktober 2010.  Das Ziel der Durchführen raketenbetriebener Flüge musste aber aufgrund technischer Probleme immer weiter hinausgeschoben werden.

Immerhin wurden auch in der Zeit der Gleitflugversuche weitere wichtige Testpunkte abgearbeitet. Am 4. Mai 2011 wurde erstmals der patentierte Mechanismus erprobt, mit dem während des Fluges die Außenflügel nach oben geklappt werden können, wodurch man den Schwerpunkt des Vehikels nach unten verlagern und einen stabilen (aber dennoch ziemlich schaukeligen) Eintritt in die dichteren Luftschichten durchführen kann, ohne dass man Raketentriebwerke für die Lageregelung braucht.Cold Flow

Am 12. April 2013 kündigte sich schließlich an, dass die raketenbetriebenen Flüge unmittelbar bevorstehen. An diesem Tag wurde ein Cold-Flow Test während des Fluges durchgeführt (siehe Bild rechts). Das sah bereits recht spektakulär aus, wenngleich bei diesem Vorgang praktisch kein Schub erzeugt wird. Dabei wurde das Ventil- und Leitungssystem mit „richtigem“ Oxidator erprobt. Im Falle von SS2 ist das Distickstoffmonoxid, besser bekannt als Lachgas.

Die Sache ist durchaus kitzlig, wenn man sich vor Augen hält, dass es bei einem ähnlichen Versuch  - am Boden – am 26. Juli 2007 der bislang schwerste Unfall in der Geschichte der privaten Raumfahrt ereignete.  Dabei kam es zu einer Explosion, bei der drei Techniker von Scaled Composites getötet und drei weitere schwer verletzt wurden.

In den kommenden Monaten steht jetzt die Erweiterung des „Fligh Envelope“ an, was relativ schnell gehen könnte, verglichen mit den Zeiträumen, die bisher verstrichen sind. Auch sollte diese Phase nur vergleichsweise wenige Flüge umfassen, vielleicht acht bis zehn. Dann dürfte SS2 in seiner „Zielhöhe“ von etwa 120 Kilometern erreicht haben. Um sich an diese Höhe heranzutasten wird die Brenndauer des Raketenmotors von Flug zu Flug in Inkrementen von etwa 5 – 10 Sekunden verlängert.

Wesentlich mehr Flüge werden danach notwendig sein, um die Zertifizierung für den Personentransport zu erreichen. Für dieses Programm darf man wohl etwa 30-40 weitere Flüge ansetzen. Die daran anschließenden ersten  Passagierflüge stellen zunächst noch eine Erweiterung der Testphase dar, eine Art Vor-Indienststellungsphase.  Alle Flugteilnehmer müssen übrigens einen Liability Cross-Waiver von Virgin Galactic unterzeichnen: Einen gegenseitigen Verzicht auf Schadenersatz für den Fall, dass irgendetwas passiert.

Towed

Richard Branson hat schon anklingen lassen, dass er beim ersten dieser Flüge, und das könnte in etwa 15 Monaten soweit sein, persönlich mit dabei sein will. Die ersten Einsätze sind die Flüge mit den so genannten „Foundern“. Das sind die Passagiere, die von Anfang an das Konzept geglaubt und sich schon früh zu diesem Abenteuer entschlossen haben. Und, das sollte man auch nicht übersehen, die auch bereit sind, das bei diesen ersten Einsätzen mit den „Spaceflight Participants“ erhöhte Risiko zu tragen.

Bei einer dieser allerersten Flüge wird dann auch Sonja Rohde mit von der Partie sein. Auch sie gehört zur Gruppe der "Founder", und das wird sie dann auch zur ersten deutschen Frau im Weltraum machen.