Vorbereitung auf den StartWas ist das für ein Ding? Ein amerikanischer Mittelständler braucht dafür dreieinhalb Jahre, 150 Millionen Dollar und etwa 250 Mitarbeiter. Die europäische Raumfahrt benötigt dafür 13 Jahre, eine Milliarde Euro und den Einsatz von mindestens 1.000 Menschen.

Das "Ding", um das es hier geht, ist ein Satellitenträger für kleine Nutzlasten. Im aktuellen Fall der technisch recht anspruchslose neue europäische Kleinträger Vega. Wobei „neu“ nach dieser immensen Entwicklungsdauer eher ein Euphemismus ist. Die Vega, das ist die kleine Schwester der großen Trägerrakete Ariane 5.

Der oben erwähnte US-Mittelständler heißt übrigens SpaceX. Der entwickelte seinen eigenen Kleinträger Falcon 1 nicht nur mit einem Bruchteil des in Europa erforderlichen Aufwandes. In dem Preis inklusive war auch noch gleich eine neue Startanlage. Die befindet sich auf Omelek, einem kleinen Atoll der Marshall-Inseln.

Die Vega ist ein Wunschprojekt Italiens. Eine eigene Trägerrakete für die nationale Grandezza. Seit Jahrzehnten betrieben Italiens Luft- und Raumfahrtfirmen umfangreiche Forschungen und Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiet der Feststoffantriebe. Unzählige Treibsätze wurden auf den Testständen von Salto di Quirra in Sardinien verfeuert. Nie wurde ein verwertbares Produkt draus. Bis dann in den neunziger Jahren die Diskussion über einen möglichen Bedarf Europas für einen Kleinträger aufkam.

ELA 1 Kourou mit Vega

Die italienische Raumfahrtagentur ASI begann daraufhin mit intensiver Lobby-Arbeit für das Projekt "Vega". Zunächst mit Studien, dann mit Vorentwicklungsarbeiten. 2003 gelang es ihr schließlich, das Projekt bei der ESA unterzubringen. Etwa 700 Millionen Euro hat das die europäische Raumfahrtbehörde seither gekostet, weitere 450 Millionen Euro wird das insgesamt sechs Flüge umfassende Qualifizierungsprogramm erfordern. Der Hauptauftragnehmer der Vega, der italienische Luft- und Raumfahrtkonzern Avio, steckt noch einmal 76 Millionen Euro an Eigenmittel (die allerdings eher ein italienischer Regierungskredit sind) in das Vorhaben.

Italien gründete sogar ein eigenes Unternehmen für Entwicklung und Bau der Vega, die "European Launch Vehicle (ELV) S.p.A", deren Aktien trotz ihrer Bezeichnung vollständig in italienischer Hand sind. 70 Prozent gehören Avio in Colleferro, 30 Prozent befinden sich in der Hand der italienischen Raumfahrtagentur ASI.

Extrem viel Aufwand für ein Produkt, das raumfahrttechnisch eher anspruchslos ist und bei dem man fragen muss, ob es Europa überhaupt braucht.

Immerhin,  unter dem Aspekt der europäischen Unabhängigkeit hat die Vega eine gewisse Berechtigung, denn mit diesem Träger ist Europa in der Lage, das gesamte derzeit nachgefragte Nutzlastspektrum zu bedienen. Für die großen Nutzlasten existierte schon zuvor die große Schwester der Vega, die Ariane 5, für die kleinen Nutzlasten gibt es nun die Vega und für die mittleren Nutzlasten seit dem letzten Jahr die Sojus.

Moment, die Sojus? Ist das nicht eine russische Trägerrakete?

Richtig. Die Sojus ist ein russischer Träger. Europa setzt sie gerne und inzwischen erfolgreich von Kourou aus ein und daher ist die Frage nicht abwegig, warum man für das untere Ende des Nutzlastspektrums nicht  auch einen der reichlich vorhandenen und technisch ausgereiften russischen Träger einsetzt. Es gibt nämlich in Europa auf dem Gebiet der Kleinträger schon eine langjährige Partnerschaft mit Russland, und zwar das von Astrium Deutschland und Chrunitschew betriebene Joint Venture "Eurokot". Eurokot vertreibt einen  Träger namens "Rokot". Und der deckt haargenau das Nutzlastspektrum der Vega ab.

Integration der Satelliten

Bei der Rokot handelt es sich um eine russische Interkontinentalrakete, die  im Rahmen der START-Abrüstungsvereinbarungen ausgemustert wurde und nun, mit einer leistungsfähigen neuen Oberstufe versehen, zivil eingesetzt wird. Russland hat noch etwa 200 Stück davon vorrätig.

Die Rokot ist dabei noch nicht einmal der einzige verfügbare russische Träger in dieser Leistungsklasse. Es gibt da auch noch die Dnepr, die in kaum geringeren Stückzahlen verfügbar ist wie die Rokot.

Diese beiden Träger waren allerdings, mangels Nachfrage, nicht gerade häufig im Einsatz. Die Rokot 15mal in elf Jahren, die Dnepr 17mal in zwölf Jahren. Zusammen also etwa 2-3 Starts jährlich.

Die ESA aber ging bei ihrem Geschäftsmodell für die Vega zunächst von vier bis fünf Einsätzen pro Jahr aus. Wie sollte da die Vega, bei wesentlich höheren Stückpreisen, häufiger eingesetzt werden als die Rokot und Dnepr zusammen? Noch dazu wo die beiden russischen Typen mit dem Erscheinen der Vega ja keineswegs vom Markt verschwunden sind.

Inzwischen hat die ESA die vor einigen Jahren projektierte Flugfrequenz auf etwas realistischere zwei Flüge pro Jahr reduziert. Um zumindest diese Zahl Realität werden zu lassen, hat die Weltraumbehörde die ersten sechs Missionen gekauft und auch teilweise gleich Nutzlasten dafür entwickeln lassen.

Die Skepsis gegenüber der Vega drückt sich auch in den finanziellen Beteiligungen der einzelnen Nationen aus. 58 Prozent der Entwicklungsgelder stammen aus Italien, 25 Prozent kommen aus Frankreich. Die Franzosen waren zunächst sogar nur mit 12 Prozent eingestiegen und haben ihren Anteil erst in den letzten Jahren gesteigert. Als dritter wesentlicher Beteiligter ist Belgien mit 6,5 Prozent im Spiel. Der Rest verteilt sich auf Spanien, die Niederlande, die Schweiz und Schweden.

Deutschland war fürs erste (sieht man mal von einigen Komponenten ab) überhaupt nicht dabei. Die Wahrscheinlichkeit ist aber recht hoch, dass Deutschland nach der Qualifikationsphase mit in das Programm einsteigen wird, um eine flüssigkeitsbetriebene Oberstufe zu entwickeln. Erst dann wird aus der Vega nämlich ein vollständig europäischer Träger. Die gegenwärtig eingesetzte Oberstufe mit dem Namen "Avum" stammt nämlich aus der Ukraine.

Nicht nur in der Entwicklung, auch in der Fertigung ist die Vega teuer geworden. Die Rakete, die etwa 1.500 Kilogramm Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen kann,  wird pro Stück zunächst 32 Millionen Euro kosten. SpaceX, wir hatten das Unternehmen eingangs erwähnt, hatte ihre Falcon 1 für sieben Millionen Dollar angeboten. Die Produktion der Falcon 1 ist aber derzeit zugunsten der wesentlich größeren Falon 9 ausgesetzt, eine Rakete, die etwa neun Tonnen Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen kann. Dieser Träger kostet derzeit 55 Millionen Dollar, entsprechend 42 Millionen Euro. Für nur zehn Millionen Euro mehr kann man bei SpaceX somit das sechsfache Gewicht in die Umlaufbahn bringen wie mit der europäischen Vega.

Doch genug des Lamentierens. Lösen wir uns von dem Gedanken, dass dieser Träger eigentlich überflüssig ist, und die ESA mit dem schönen Geld eine wunderbar anspruchsvolle Planetenmission hätte durchführen können anstatt sich einen neuen Orbitalrakete mit der Technologie der siebziger Jahre zu leisten.

Am 13. Februar, um 11:00 Uhr vormittags, steht nun endlich der immer wieder verschobene Jungfernflug auf dem Plan. Die Vega wird ihre Reise in den Weltraum vom historischen Startplatz 1 aus antreten, besser bekannt als ELA 1. Dieser Startplatz hat eine gemischte Historie. Die Europa II Rakete scheiterte dort, die erste Ariane, die an Heiligabend 1979 von dort aus ihren Jungfernflug unternahm, war erfolgreich.

Neun Satelliten werden an Bord sein. Der 400 Kilogramm schwere LARES, ein italienischer Geodäsie-Satellit, der 13 Kilogramm schwere Technologie-Satellit ALMASat-1 von der Universität Bologna und sieben so genannte Cube-Sats, allesamt kleine, dicht mit Technik gepackte Würfelchen von 10 Zentimeter Kantenlänge und einem Kilogramm Gewicht. Unter diesen Cubesats sind auch "Goliat", "PW-Sat" und "MaSat-1". Sie werden Raumfahrtgeschichte schreiben, denn sie sind die jeweils ersten Erdsatelliten aus Rumänien, Polen und Ungarn.

Die Mission der ersten Vega wird mit "VV1" bezeichnet. Das steht für "Vol Vega 1". In Kourou wird französisch gesprochen, da mag die Rakete so italienisch sein, wie sie will. Ihr Name immerhin bleibt italienisch. Das Wort "Vega" ist eine Abkürzung der Projektbezeichnung "Vettore Europeo di Generazione Avanzata". Auf Deutsch also etwa "Fortschrittliches Europäisches Startsystem". Naja.

Doch lassen wir nun unsere Skepsis zurück und wünschen der kleinen Schwester der Ariane 5 Erfolg. Sie ist, bei aller Kritik, ein weiteres Stück europäischer Unabhängigkeit im Weltraum.

Astra  

Save the date: Yuri's Night 2012 in Wien: 12. April, Naturhistorisches Museum, 18:00 Uhr