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RD 110 TriebwerkSo unglaublich es im sechsten Jahrzehnt der Raumfahrt klingt: Der Start – man muss es jetzt schon als „Startversuch“ bezeichnen – von Progress M-12M am 24. August endete ebenfalls als Fehlschlag, dem nunmehr dritten weltweit in Folge.

Ich will jetzt nicht in das Dramolett einstimmen, in dem viele Boulevard-Postillen nach dem Fehlstart von Progress M-12M sogleich den Untergang der Internationalen Raumstation heraufbeschwören. Nach diesem Fehlstart ist die Situation der Crew an Bord der ISS keineswegs in irgendeiner Weise dramatisch. Die Besatzung ist so sicher wie man es in einer Raumstation eben sein kann und sie ist noch über Monate hinaus gut versorgt.

Ich werde jetzt auch nicht (ganz gegen meine sonstigen Gewohnheiten) nicht in den Archiven nachsehen, wann es zum letzten Mal vorkam, dass drei Orbitalstarts in Folge scheiterten. Es ist jedenfalls Jahrzehnte her. Ab und an gibt es sie offensichtlich immer noch, diese hässlichen Ballungen von drei oder sogar vier Fehlstarts in Folge. Statistische Anomalien, die sich nach einem, zwei oder drei Jahren hoffentlich wieder ausgleichen werden.

Auch der Fracht sollte man nicht zu lange nachweinen. Die war selten so unkritisch wie diesmal. Progress M-12M hatte 2.670 Kilogramm Nutzlast an Bord. Darunter 257 Kilogramm Nahrungsmittel, was nun wirklich schade ist, denn darunter war auch frisches Obst und Gemüse, auf das sich die Besatzung der ISS nach der Konservennahrung immer besonders freut. Außerdem 420 Liter Wasser, 50 Kilogramm Sauerstoff, viel Treibstoff für die Lageregelung und das Antriebssystem der Raumstation sowie einige Ausrüstungsgegenstände für die künftigen ISS-Expeditionen 30 und 31.

An Bord befanden sich auch 10 Gemälde des russischen Malers Alexander Shilov. Er ist bekannt für seine Ölschinken, hauptsächlich Portraits im Stil des sowjetischen Realismus. Er malte schon Breschnew, Tschernenko, Andropow, Jeltsin und viele der Kosmonauten. Die Sammlung sollte als "psychologische Unterstützung" der Crew zur ISS geschickt werden. In russischen Foren lästern die Blogger, dass wegen der Vernichtung dieser Bilder der Unfall durchaus auch guten Seiten gehabt hätte.

 Der Absturz von Progress M-12M ist der erste Fehlstart im gesamten Aufbau- und Versorgungsprogramm der ISS. Alle anderen bisher erfolgten 115 Starts waren ausnahmslos erfolgreich. Soweit es das Progress/Sojus-U System betrifft ist es, nach über 130 vorausgegangenen Starts (das Programm geht zurück bis Saljut 6) der erste Fehlstart einer Progress-Versorgungseinheit überhaupt.

Damit haben wir aber auch den Punkt erreicht, an dem man in der gegenwärtigen Situation ansetzen muss: Der Frage, was los mit der russischen Raumfahrt los ist. Die Fehler betreffen zum größten Teil seit Jahrzehnten eingeführte und erprobte Träger. Es kann sich also kaum um konstruktive Mängel handeln, die wären dann schon viel früher akut geworden.

Und so liegt der Verdacht nahe, dass hier ein ernstes Qualitätsproblem vorliegt, das sich quer durch die russische Raumfahrtindustrie zieht. Denn nicht nur Raketen scheitern seit einer Weile auffallend häufig, auch viele Nutzlasten quittieren schon nach Bruchteilen ihrer geplanten Lebensdauer den Dienst. Doch bleiben wir hier bei den Trägern.

  • Am 10. Juni 2010 stürzte beim zweiten Testflug die koreanische Naro 1 zum zweiten Mal ab. Bei der Naro handelt es sich um eine Auftragsentwicklung von Chrunitschew für die südkoreanische Raumfahrtbehörde KARI.
  • Im Dezember stürzte eine Proton M Block DM mit drei Satelliten des russischen Glonass-Navigationssystem in der Nähe von Hawaii in den Pazifischen Ozean.
  • Im Februar wurde der militärische Überwachungssatellit Geo-IK-2 von einer Rokot Breeze M auf einem falschen Orbit abgesetzt.
  • Am 17. August scheiterte Ekspress AM-4 wegen eines noch nicht geklärten Versagens der Breeze-M Oberstufe seiner Proton M.
  • Und nun,  am 24. August erreichte eine Sojus U mit Progress M-12M wegen eines Problems mit der dritten Stufe nicht die vorgesehene Umlaufbahn.

Der einzige dieser Fehlstarts, den man "Entwicklungsproblemen" zuordnen könnte ist der Fehlschlag der Naro 1 mit ihrer in Russland entwickelten Basisstufe. In Entwicklungsprogrammen muss man Fehlschläge bis zu einem gewissen Ausmaß als zulässig betrachten. Auch bei einem ausgereiften Serienprodukt kann es in Einzelfällen zu einer Verkettung unglücklicher Umstände kommen, doch bei der aktuellen russischen Fehlschlagserie liegen die Fakten offensichtlich anders. Ihre Ursache dürfte im schlechten Zustand der gesamten russischen Raumfahrtindustrie begründet sein.

Der systematische Fehler ist dabei ganz offensichtlich im Qualitätsmanagement angesiedelt. Schludrigkeit und Schlamperei sind an der Tagesordnung. Und das hat viele Gründe:

  • Das Personal mit jahrzehntelanger Erfahrung geht derzeit in großen Zahlen in den Ruhestand.
  • Die Ingenieure und Techniker in der russischen Raumfahrt werden miserabel bezahlt. Ein Verkäufer in einem beliebigen russischen Handyshop verdient mindestens das Doppelte eines russischen Raumfahrtingenieurs. Es ist also nicht attraktiv, in die Raumfahrt zu gehen.
  • Das Ansehen der Beschäftigten in der russischen Raumfahrt ist dramatisch gesunken. Erledigten sie früher eine Aufgabe von nationaler Bedeutung und war demzufolge ihr Sozialstatus in der obersten Liga angesiedelt, wandelt sich dieses Bild nun schon seit langem.
  • Die russische Raumfahrtinfrastruktur ist - von einigen wenigen, westlichen Besuchern zugänglichen Bereichen - in beklagenswertem Zustand. Hier hat man jahrzehntelang zuwenig oder überhaupt nicht investiert.
  • Die russische Raumfahrt ist nicht innovativ. Sie lebt bis auf den heutigen Tag von der Substanz der Sowjetunion.

Mal wird die Treibstoffmenge falsch berechnet, mal wird die Steuerungssoftware fehlerhaft programmiert. Mal werden technische Systeme nicht oder nur mangelhaft geprüft, mal wird die Hardware schon vor dem Start durch unachtsames Handling beschädigt (wie es im vergangenen Jahr mehrmals vorgekommen ist). Der Pfusch zieht sich durch alle Bereiche.

Zusätzlich ist es alles andere als beruhigend, wenn der erst kürzlich neu ernannte Chef von Roskosmos,  Wladimir Popovkin, (er ersetzte den wegen der Glonass-Fehlstarts im Dezember gefeuerten Anatoli Perminov) öffentlich erklärte, dass seine Prioritäten nicht bei den bemannten Flügen lägen, sondern bei den finanziell wesentlich lukrativeren kommerziellen Satellitenstarts. Eine Aussage, die einen Kosmonauten dieser Tage nicht gerade beruhigen dürfte.

Russland startet derzeit viermal im Jahr bemannte Raumfahrzeuge. Und da wünscht es sich wohl jeder Kosmonaut, dass Raumschiff und Trägerrakete nicht von unterbezahlten, demotivierten (oder, wie es in Russland auch immer wieder vorkommt) alkoholisierten Technikern überprüft werden.

Und auch im nichtbemannten Bereich erzeugen Russlands Probleme derzeit nicht gerade Sicherheit. Für den 20. Oktober beispielsweise ist der Erstflug einer Sojus 2.1a von Kourou aus vorgesehen. Mit den ersten Einheiten des europäischen Galileo-Navigationssatellitensystems.

Der Fehlstart von Progress M-12M war ein weiterer Warnschuss für die russische Raumfahrt.

Dies hat inzwischen auch Premierminister Putin erkannt und eine Reorganisation im Qualitätsmanagement in der russischen Raumfahrt gefordert.

Und das ist höchste Zeit, denn solange das nicht passiert wird es keinen Progress im Weltraum geben.