Iridium-Satellit Wenn die Sciencefiction-Helden meiner Kindheit in schnellen Raumkreuzern zu ihren Einsatzorten unterwegs waren, dann hatten sie auf dem Weg zu ihren exotischen Einsatzorten wie Metaluna, Pallas oder Chroma allesamt mit dem gleichen Problem zu kämpfen: Schwärme von Meteoriten, die nur darauf lauerten, ihre Raumschiffe zu durchbohren.

 Kosmos 2251
 Traffic im Orbit

Inzwischen gibt es die wirkliche Raumfahrt (die sich zu meinem Bedauern allerdings zum größten Teil direkt vor unserer Haustür abspielt, nämlich dem niedrigen Erdorbit), und da tun wir das, was wir immer tun. Besser gesagt, nicht tun: Unseren Müll entsorgen, nämlich. Und dieser Müll sorgt dafür, dass wir unsere eigenen Meteoriten erzeugen, die darauf lauern unsere Raumschiffe zu durchlöchern, und das ohne dass wir nach Metaluna, Pallas oder Chroma fliegen müssen.

Der Müll, das ist im aktuellen Fall der russische Datenrelay-Satellit Kosmos 2251 der auf einer polaren Bahn in 790 Kilometer Höhe seit dem Juni 1993 ruhig und unbehelligt seine Kreise zog. Seinen Dienst hatte er schon vor mehr als einem Jahrzehnt eingestellt und zog dann jahrelang als "Weltraumleiche" seine ruhigen Bahnen über die Pole der Erde.

Polare und polnahe Erdumlaufbahnen sind hoch beliebt im erdzugewandten Teil der Raumfahrt und so tummelt sich beträchtlicher Verkehr in diesem Gürtel: Zivile und militärischen Erdbeobachtungssatelliten, Wettersatelliten, Mobilfunksatelliten, Datenrelaysatelliten und von den meisten dieser Raumfahrzeuge auch noch die Endstufen ihrer jeweiligen Trägerraketen.

So ein Raumfahrzeug war auch der unglückliche Iridium 33. Keine Weltraumleiche sondern trotz fortgeschrittenen Alters noch rüstig und aktiv. Er war auf einer Umlaufbahn mit einer Inklination von 86,4 Grad unterwegs als er am Dienstagnachmittag um 17:56 Uhr mitteleuropäischer Zeit das Pech hatte, in den 900 Kilogramm schweren Kosmos 2251 hineinzukrachen. Passenderweise fand das über dem nördlichen Russland statt, dem Ursprungsland des Schadensverursachers.

Die Trefferwahrscheinlichkeit wurde dadurch erhöht, dass Iridium in den Jahren 1997 bis 2002 nicht weniger als 95 Stück dieses Satellitentyps in den besagten polnahen Orbit befördert hat.

Bei all dem Hype, den es jetzt um diesen Vorfall gibt, muss man aber die Kirche im Dorf lassen. Auch wenn sich, so wie hier oder auf dem geostationären Orbit Gott und die Welt auf derselben Bahn tummelt sind Kollisionen äußerst selten. Seit dem Beginn der Raumfahrt vor einem halben Jahrhundert gab es nur vier oder fünf, und die betrafen bislang nur ausgediente Satelliten, Raketenendstufen, oder Trümmerteile die durch den Orbit trieben. Und es waren eher Streifschüsse. Einen Volltreffer gab es noch nie. Bis Mittwoch eben.

Somit könnte man auf dem Standpunkt stehen: Shit happens. Wo viel Traffic ist, krachts halt auch mal. So einfach ist die Sache aber nun auch wieder nicht, denn ein paar Dinge muss man sich schon fragen:

1. Warum gibt es bis auf den heutigen Tag keine internationale Übereinkunft, dass sich auf besonders beliebten Bahnen keine ausgedienten Satelliten und Raketenendstufen herumtreiben dürfen. Bei Satelliten auf geostationären Bahnen - auch so einem gefragten Gürtel - klappt diese Regulierung ja auch schon ganz gut.

2. Warum hat US StratCom (die militärische Organisation, die für die Weltraumüberwachung zuständig ist) Iridium nicht gewarnt? Ein Ausweichmanöver dieses aktiven Satelliten wäre dann möglich gewesen (auch wenn Iridium 33 schon weit über seine Design-Lebendauer hinaus ist und die Treibstoffvorräte wahrscheinlich nicht mehr gewaltig sind). US StratCom überwacht routinemäßig mehr als 18.000 Objekte die 10 Zentimeter oder größer sind. Von allen permanent die Relation zu allen anderen zu ermitteln wäre sicher ein wenig viel verlangt. Aber die potentiellen Kollisionskandidaten in Satellitengröße sind eine durchaus überschaubare Menge und man kann davon ausgehen, dass solche Bahnberechnungen permanent vorgenommen werden. Man darf mit Sicherheit annehmen, dass solche Analysen für alle amerikanischen Militärsatelliten durchgeführt werden. Und für die Flüge des Shuttles (und der ISS) wird es im Übrigen ja auch schon heute routinemäßig gemacht.

Immerhin meldete sich US StratCom gleich nach dem Vorfall zu Wort und verkündete, dass nunmehr 600 Bruchstücke von mehr als 10 Zentimetern Größe unterwegs sind. Die Anzahl der kleineren aber keineswegs ungefährlicheren Stücke kann man nur raten. Aber ein Faktor 10 ist sicher nicht zu niedrig geschätzt.

3. Der Schaden besteht keineswegs nur darin, dass nur ein einzelner aktiver Satellit ausgefallen ist. Vielmehr kreisen jetzt zwei sich auffächernde Trümmerwolken auf dieser Bahn. Wo vorher die Gefahr eines einzelnen Treffers drohte (und eintraf) sind jetzt hunderte, möglicherweise tausende von Schrapnells unterwegs. Diese Trümmer driften, wegen der Geschwindigkeitsveränderung die sie durch den Aufprall erfahren haben nicht nur auf der 800 Kilometerbahn sondern verteilen sich über den gesamten niedrigen Orbitbereich. Dank - besser "undank" - der hohen Inklination der Trümmerwolke vergrößert das auch die Gefahr aller anderen niedrig fliegenden Raumfahrzeuge, die bei jeder Erdumkreisung den Gürtel zweimal durchstoßen müssen.

Fürs erste ist der Schaden jetzt angerichtet. Was aber kann man tun um derlei in Zukunft unwahrscheinlicher zu machen und auf mittlere Frist vielleicht ganz zu verhindern?

1. Schnellste und unmittelbarste Abhilfe könnte es geben, wenn StratCom die Betreiber aller aktiven Satelliten warnt, seien sie nun zivil oder militärisch und diese daraufhin Ausweichmanöver fliegen.

2. Zukünftig dürfen auf diesen sehr gefragten Bahnen keine "Orbitalleichen" mehr herumtreiben. Um das zu verhindern gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die von einem gezielten De-orbiting reichen (mit einer Treibstoffreserve, die der Satellit zu diesem Zweck am Ende seines Einsatzlebens noch verfügbar haben muss) bis zu Maßnahmen wie dem Einsatz eines so genannten "Terminator Tethers" das trotz seiner martialischen Bezeichnung eine simple und effektive Methode wäre einen Satelliten relativ schnell aus einer belebten Bahn zu entfernen.

3. Orbitalleichen, die dann immer noch herumtreiben, und die weder in der Lage sind aktivites Deorbitung durchzuführen noch selbst einen Tether auszuwerfen, könnten durch Space-Tugs entweder eingesammelt oder mit einem Space-Tether versehen werden. Diese Methode ist zwar teuer, aber technisch heute schon ohne weiteres möglich und eine Investition in die Zukunft und die Sicherheit vor allem der bemannten erdumkreisenden Raumfahrzeuge.

Und wenn dann eines fernen Tages der lässig hingeworfene Befehl des Raumschiffkommandanten "Scotty, fahren Sie die Schutzschirme hoch" genügt, um die Gefahr zu bannen, dann können wir ja wieder etwas nachlässiger mit unserem Weltraummüll werden.

Astra