Erste Stufe Safir-2 - unverkennbar Scud; Credit: Fars News

Die lang erwartete Meldung kam am Morgen des 3. Februar 2009: Der Iran hat seinen ersten selbst gebauten Erdsatelliten mit einer national entwickelten Trägerrakete gestartet. Der neue Erdtrabant trägt den Namen "Omid", was soviel bedeutet wie Hoffnung. Die Trägerrakete wird als "Safir 2" bezeichnet. 

Alexander Soucek hat sich an dieser Stelle in einem Essay bereits vor eingen Tagen den politischen, geschichtlichen und rechtlichen Aspekten dieser Raumfahrt-Erstleistung gewidmet.

Heute behandeln wir eine Frage, die sich die Medien weniger gestellt haben. Die Frage nämlich: wie "eigen" ist diese Trägerrakete "Safir 2"? In den wenigen Fällen, in denen sich Berichterstatter bislang damit beschäftigt haben, fiel die Antwort regelmäßig falsch aus.

 Ahmadi-Omid; Credit: IRNA
 Scud - militärisch verwendet; Credit: Fars-News
 Safir 2 vor dem Start; Credit: Fars News
 5Safir 2 mit zwei Technikern; Credit: IRNA

Den bisherigen acht Nationen, denen es gelang mit eigenen Trägerraketen eigene Satelliten zu starten, konnte ausnahmslos und ohne Vorbehalte das Prädikat "Eigenbau & Eigenentwicklung" für ihre Raketen verliehen werden.  Den ersten vier sowieso, der Sowjetunion, den USA, Frankreich und England. Da gab es schlichtweg noch niemanden anderen, bei dem man groß hätte "abkupfern" können. Aber auch die nachfolgenden Länder Japan, Indien, China und Israel basierte die Entwicklung weitgehend auf eigenen Anstrengungen, wobei man erste Abstriche bei China machen muss, das bis in die sechziger Jahre eine gewaltige "Raumfahrt-Entwicklungshilfe" durch die Sowjetunion genoss. Im Großen und ganzen waren aber die Endprodukte dieser acht Weltraummächte war originär national, wenn auch einzelne Komponenten aus dem weltraumtechnisch bereits weiterentwickelten Ausland zugekauft wurden.

Im Fall des Iran verhält sich das nun anders. Hier ist deutlich das erkennbar, was der amerikanische Ex-Präsiden Bush als die "Achse des Bösen" bezeichnete. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, und kaum je in den Medien berichtet, lief - und läuft wohl immer noch - zwischen Nordkorea, Pakistan und dem Iran ein gemeinsames wenngleich schlecht koordiniertes Entwicklungs- und Beschaffungsprogramm für Trägerraketen und Trägerraketen-Bauteile.

Allen drei Staaten fehlt das technologische Know-How für eine eigenständige Neuentwicklung, weswegen sie sich russischer und chinesischer Technologie bedienen. Keine dieser Nationen wäre auch nur im Entferntesten in der Lage, vollständig aus eigenen Kräften eine solche technologische Herausforderung zu bewältigen.

Nebenbei: interessant ist, wie sehr die ganze Aktion tatsächlich an die Adresse des Westens gerichtet ist und wie sehr das Projekt "Leuchtturmfunktion" nach außen hat. Die Beschriftung der Rakete erfolgt in gewaltigen lateinischen Lettern. Die Abkürzung IRILV ist sogar eine Aneindanderreihung englischer Wörter (Islamic Republic of Iran Launch Vehicle) Bei einer Eigenbaurakete für das eigene Volk dürfte man doch eher eine Beschriftung in Farsi erwarten. Aber gut, auch die Chinesen haben nur ganz am Anfang ihre Raketen mit chinesischen Schriftzeichen gekennzeichnet und sind schon vor einer ganzen Weile ebenfalls auf lateinische Buchstaben übergegangen. Da steht allerdings heute eher ein handfestes Geschäftsinteresse dahinter, das man dem Iran zunächst einmal nicht unterstellen kann.

Westliche Beobachter, unter ihnen durchaus kompetente Raumfahrtkenner, vermuteten schnell, dass es sich bei der Grundstufe der Rakete um eine modifizierte russische R-17 handelt, besser bekannt unter ihrer Nato-Bezeichnung "Scud D". Die beiden Bilder hier unten zeigen tatsächlich eine enorme Übereinstimmung dieser sowjetisch-russischen Militärrakete für kurze und mittlere Reichweiten mit der Safir 2. Beide Bilder wurden von der iranischen Fars News verbreitet. Interessant an dem Bild ist, dass man sich nicht mal die Mühe machte, die kyrillische Beschriftung an den Transportfahrzeugen zu übertünchen. Generell kommen bei allen Scuds, auch wenn es Nachbauten sind, kritischen Komponenten und Ausrüstungsgegenstände nach wie vor aus Russland. Der "Nachbau" beschränkt sich im Wesentlichen auf Strukturkomponenten und Tanks.

Die Scud war ab 1964 in Russland im Einsatz und wurde unter anderem vom Irak und Nordkorea - mit der eben erwähnten Einschränkung - in Lizenz gebaut. Die Scud B ist die Mittelstreckenrakete, die weltweit am häufigsten eingesetzt wurde. Im Krieg zwischen Irak und Iran kam sie, zum Teil in einer Version mit verbesserter Reichweite mit der Bezeichnung "Al-Hussein" in etwa 500 Exemplaren zum Einsatz. Im ersten Golfkrieg wurde sie etwa 100-mal eingesetzt. Einige auch direkt gegen Israel. Es ist also nicht das erste Mal dass dieses Land von Mittelstreckenraketen aus arabischen Ländern bedroht ist.

Die nordkoreanische Version der Scud trägt die Nato-Bezeichnung "Scud D" und sie erreichte den Iran über Pakistan.

Diese Scud D kann aber nicht die Basis des Satellitenträgers Safir sein, allen optischen Übereinstimmungen zum Trotz. Die Scud D hat ein maximales Startgewicht von 6.800 Kilogramm. Ihr Startschub liegt bei knapp 120 Kilonewton. Laut Aussage von Fars-News, und dem kann man angesichts der durch die Bilder belegten Abmessungen der Rakete ohne weiteres glauben, hat die Safir 2 aber ein Startgewicht von etwa 26 Tonnen. Weiterhin - und auch das kann man durch die Fotos belegen - sei die Rakete 22 Meter lang, und habe einen Durchmesser von 1,25 Meter. Diese Angaben haben alle einen kleinen Unsicherheitsfaktor, denn sie sind von den iranischen Medien zunächst grob über den Daumen in imperiale Einheiten umgerechnet und von der westlichen Presse wahrscheinlich ebenso grob wieder zurück gerechnet worden. Eine Verlautbarung von Fars News gibt den Durchmesser jedenfalls mit "a little over four feet" an.

Damit wird die Scud-Theorie hinfällig, denn dann stimmen schon die grundlegenden Daten nicht.

Zurück zu Bush's "Achse des Bösen", denn da gibt es eine Rakete, die genau auf die Spezifikation der Safir - Erststufe passen. Es handelt sich um die Nordkoreanische No-Dong, die in Pakistan unter dem Namen Ghauri und eine etwas verlängerte Version mit der Bezeichnung Ghauri II und im Iran seit einer Weile unter der Bezeichnung Shahab 3 und Shahab 3M eingesetzt wird (und jetzt häufig unter dem Namen Ghadr firmiert). Diese Rakete hat einen Durchmesser von etwa 1,35 Metern und ihe YF-2 Triebwerk chinesischen Ursprungs (die dort - in einem Viererbündel - in den chinesischen DF-3 Mittelstreckenraketen eingesetzt sind) leisten 280 kN. Tatsächlich wurde diese Rakete schon in der Vergangenheit, wahrscheinlich wegen ihrer frappierenden optischen Ähnlichkeit, von westlichen Beobachtern mit der Scud D verwechselt. Von der No-Dong wurde auch der (nicht erfolgreiche) nordkoreanische Satellitenträger Taepo-Dong 1 abgeleitet. Die Triebwerke könnte der Iran auch über Saudi-Arabien bezogen haben, das im Jahre 1987 etwa drei Dutzend chinesischer DF-3 Raketen kaufte. Aus der DF-3 wurde im Übrigen auch die chinesische Long March 1 entwickelt, der erste Satellitenträger dieses Landes.

Nun zur Frage der zweiten Stufe, und die Frage ob es tatsächlich nur zwei Stufen waren.

Auch dafür scheidet die Scud aus. Der spezifische Impuls ihres Isayew R-17 Triebwerks liegt nur bei etwa 250 Sekunden, damit ist ein Orbit mit einer Geschwindigkeitsanforderung von etwa 7,8 km/sec (Gravitationsverluste und Luftwiderstand nicht eingerechnet) nicht erreichbar. Die Vermutung liegt damit nahe,  dass auch hier auf den nordkoreanischen Nachbau eines russischen Produktes zurückgegriffen wird,  oder aber dieses russische Produkt schlichtweg direkt beim Hersteller gekauft wurde. Die verfügbaren Bilder legen nahe, dass es sich beim Zweitstufen-Motor um das Zweikammer-Steuertriebwerk der russischen R-27 handelt  Die R-27 ist eine von U-Booten der Yankee-Klasse eingesetzte Mittelstreckenrakete, die selbst für sowjetische Verhältnisse in immensen Stückzahlen gebaut und gestartet wurde. Zwischen 1968 und 1988 wurden nicht weniger als 492 Testabschüsse gezählt. Es ist sicher nicht abwegig anzunehmen, dass hier noch große Stückzahlen dieses Triebwerks auf Halde liegen und ohne Probleme zu erwerben sind. Genausoviel spricht aber für die nordkoreanische Varianter, da das russische Designbüro Makejew den Nordkoreaner in den 1990er-Jahren umfangreiche Unterstützung bei der Entwicklung einer landgestützten Variante der R-27 gab. 2005 verkaufte Nordkorea 18 Stück dieser Rakete unter der Bezeichnung Musudan-1 an den Iran.

Aber auch mit diesem recht leistungsfähigen Motor könnte nur sehr knapp (wenn überhaupt) ein Orbit zu erreichen sein. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass noch ein zusätzlicher, kleiner Feststoff-Kickmotor verwendet wurde, der nach dem Einsatz fest mit dem Satelliten verbunden blieb. Dies würde begründen, warum von westlichen Beobachtern nur zwei Objekte ausgemacht wurden.

All diese Schlussfolgerungen mögen im Detail noch Korrekturen erfahren, sobald mehr Daten vorliegen. Fakt bleibt: Der Iran ist derzeit - und auch für die nächste Zukunft - nicht in der Lage eine eigene Trägerrakete zu entwickeln und zu bauen. Auf Basis des chinesisch-nordkoreanisch-russischen Baukastensystems, das derzeit verwendet wird lässt sich aber Expertise, Können und Erfahrung gewinnen, durch das nach und nach ausländische Komponenten durch Eigenentwicklungen ersetzt werden. Dies kann die iranischen Ingenieure eines Tages zu einer wirklich eigenständigen Entwicklung führen. Eine rasche und deutliche Leistungssteigerung des derzeitigen Designs wäre aber jetzt schon möglich. Beispielsweise schon durch die Verwendung einer leistungsfähigen dritten Stufe und den Einsatz von Starthilfs-Boostern. Weitere Satellitenstarts des Iran sind deshalb schon bald zu erwarten.

Astra