Platz 4a: Herschel Credit: ESA

Nachdem wir in den letzten beiden Beiträgen meine persönlichen Top Ten des vergangenen Jahres vorgestellt haben, kommen jetzt meine Favoriten für 2009. Hier gibt es natürlich noch viele Fragezeichen, vor allem hinsichtlich der Termine. In der Raumfahrt gilt wie nirgendwo sonst das alte Blücher-Wort: "Keine Planung überlebt die erste Feindberührung" . Es wird sicher reizvoll, am Ende des Jahres zu überprüfen, was denn tatsächlich aus meinen Top Ten 2009 geworden ist.

Platz1: Kepler; Credit: NASA

Die Wahl fiel mir schwer, denn in diesem Jahr erwarten uns viele Erstleistungen und bedeutende Satelliten- und Raumsondenstarts. Nicht mit aufgenommen habe ich beispielsweise den Arex 1-X -Start oder die ISS, obwohl die in diesem Jahr zum Sechs-Personen Betrieb übergehen soll, und zu der - eben deswegen - eine Rekordzahl bemannter Raumfahrzeuge starten wird. Derzeit sind vier Shuttle-Missionen und vier bemannte Sojus-Starts vorgesehen,  eine ganze Reihe von Progress-Zubringerfahrzeugen und das erste japanische HTV. Hier also meine Top-Ten-Liste, geordnet nach dem vermuteten Startdatum:

1. Kepler sucht nach erdgroßen Planeten

Am 6. März startet die Raumsonde Kepler. Es ist dies die 10. Mission innerhalb des Discovery-Programms, die schon eine Reihe großartiger Entdeckungen zu verzeichnen hat. Diesmal geht es auf die Suche nach extrasolaren Planeten die erdgroß oder kleiner sind. Dazu bedient sich Kepler eines Fotometers, das nach dem Prinzip eines Schmidt-Spiegels arbeitet. Das Licht wird in 42 hochempfindlichen CCD (Charged Couple Devices) gefangen, und dann ausgezählt. Kepler ist ein interplanetares Raumfahrzeug, das in einen der Erde nachfolgenden heliozentrischen Orbit mit einer Orbitperiode von 372 Tagen gebracht wird. Nach vier Jahren wird sich das Raumfahrzeug in einem Abstand von 0,5 Astronomischen Einheiten zur Erde befinden.

2. X 37 Erstflug

Platz 2: X 37B Erstflug; Credit: BoeingDer Shuttle ist tot. Es lebe der Shuttle. Die Liliput-Reinkarnation (naja, noch ist der richtige Shuttle nicht ins Grab gesunken) des bislang einzigen wieder verwendbaren Raumtransportsystems weltweit ist die Boeing X 37B. Ziel dieses Programms, von der US-Luftwaffe als Orbital Test Vehicle bezeichnet, ist ein wieder verwendbarer Klein-Raumtransporter der ein wenig an das aufgegebene Projekt Hermes der Europäischen Raumfahrtagentur erinnert. Seit 1999 entwickelt Boeing und im Frühjahr dieses Jahres steht nun der Erstflug bevor. Als Nutzlast einer Atlas 5 401. Mit zwei Vorläufermodellen, der X40A und der X37 waren in den vergangenen Jahren bereits eine Reihe von Flugtests in der Atmosphäre durchgeführt worden, hauptsächlich um den Endanflug und die Landung zu proben. Aus der X 37 könnte zukünftig auch ein bemanntes System abgeleitet werden. Die X 37B soll nach einigen Wochen autonomem Flug in der Umlaufbahn auf der Edwards-Luftwaffenbasis landen. Genau wie der Shuttle.

3. Erstflug der SpaceX Falcon 9

Platz 3: Falcon - Artists Impression; Credit: SpaceX Mit einer gehörigen Menge Fortune könnte 2009 ein großes Jahr für SpaceX werden. Geht alles glatt dann erleben wir irgendwann in diesem Frühjahr den Erstflug der Falcon 9, der ersten rein privat gebauten Großträgerrakete der Welt. Die gesamte Flughardware für diese Mission ist noch ende 2008 in Cap Canaveral, am Launch Pad 40, angekommen. Die Rakete wurde inzwischen schon in liegender Position (im Freien!) zusammengebaut, und in diesen Tagen wird die Vorrichtung zusammengebaut, mit der die Rakete aufgerichtet werden kann.

Die Falcon 9 kann annähernd 10 Tonnen Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn befördern. Sollte der Erstflug klappen, dann werden die nächsten beiden Missionen, ebenfalls noch in diesem Jahr, kommerzielle Flüge zahlender Kunden sein. Am Ende des Jahres ist dann der erste Demo-Flug im Rahmen des COTS-Programms geplant. Mit der - schon wieder von SpaceX entwickelten - Dragon-Kapsel wird dann die Versorgung der ISS demonstriert. Die Dragon soll später für den bemannten Betrieb modifiziert werden. SpaceX plant übrigens die komplette Trägerrakete und die Kapsel wieder verwendbar zu gestalten.

Platz 4b: Planck; Credit: ESA4. Herschel/Planck-Start

Im April starten die beiden astronomischen Beobachter Herschel & Planck, zwei astronomische Raumsonden der ESA. Planck erforscht die kosmische Hintergrundstrahlung. Mit einer Auflösung von 5 Bogenminuten ist er dabei um eine ganze Größenordnung genauer als WMAP (der seinerseits schon 20mal genauer war als COBE). Die Messungen des Planck-Satelliten können unter anderem dafür eingesetzt werden, die String-Theorie zu überprüfen. Die Raumsonde ist mit einem 1,75 Meter durchmessenden Spiegel ausgerüstet.

Herschel, das leistungsfähigste Teleskop überhaupt, das bislang in den Weltraum gestartet wird, erforscht mit seinem Hauptspiegel von 3,5 Metern Durchmesser den fernen Infrarotbereich und den Submillimeterbereich des Spektrums.

Und ob es wirklich eine gute Idee war, die beiden superteuren und hochwichtigen Nutzlasten auf einer einzigen Trägerrakete zu packen, werden wir dann Ende April wissen. 

Platz 5: Lunar Reconnaissance Orbiter; Credit: NASA

5. LRO und LCROSS

Derzeit geplant für den Start am 24. April ist die Entsendung der komplexen Kombi-Mondmission Lunar Reconnaissance Orbiter (LRO) und Lunar CRater Observation and Sensing Satellite (LCROSS). Beim LRO handelt es sich um eine Orbitsonde, die mit einer Kamera extrem hoher Auflösung in Verbindung mit einer äußerst niedrigen Umlaufbahn (für das erste Betriebsjahr ist ein kreisförmiger Orbit in einer Höhe von nur 50 Kilometern vorgesehen) Bilder von bisher nicht gekannter Oberflächengenauigkeit machen soll. Damit wird es möglich sein, Oberflächenmerkmale von nur 30-40 Zentimetern zu erfassen.

Bisherige Mondsonden waren nur in der Lage Oberflächenmerkmale von etwa 5-20 Metern Größe zu erfassen.Der zweite Teil der Mission, LCROSS, ist ein ganz besonderes Experiment. Es besteht aus der mehrere Tonnen schweren Centaur-Oberstufe der Atlas 5 401-Trägerrakete mit der die ganze Kombination auf die translunare Einschussbahn gebracht wird. Diese Stufe wird nach der Abtrennung der beiden Raumfahrzeuge so gesteuert, dass sie in der Südpolregion des Mondes mit einer Geschwindigkeit von mehr als 9000 Kilometer pro Stunde einschlagen und dabei einen Krater von erheblicher Größe erzeugen wird. LCROSS folgt dieser Oberstufe in einem Abstand von vier Minuten. Sie soll durch die ausgeworfene Materialwolke der Oberstufe fliegen, eine blitzschnelle chemische Analyse vornehmen und diese Daten zur Erde übermitteln. Gleich darauf wird sie ebenfalls Bestandteil des lunaren Feuerwerks und wird - unweit der Centaur - ebenfalls auf dem Mond einschlagen. Der (erste) Aufprall müsste so gewaltig sein, dass er auf der Erde noch mit Teleskopen von nur 25 Zentimetern Öffnung beobachtet werden kann.

Platz 6: STS-125 Mission patch; Credit: NASA6. Hubble-Repair Mission

Am 12. Mai soll Space Shuttle Atlantis von der Startanlage 39A des Kennedy Raumflugzentrums zur Hubble Service Mission Nr. 4 aufbrechen, und das legendäre, aber nun schon etwas in die Jahre gekommen Weltraumteleskop runderneuern. Dies wird in fünf Außenbordmanövern an den Flugtagen 4-9 erfolgen. Die Crew besteht aus den Astronauten Scott Altman, John Grunsfield, Gregory Johnson, Michael Massimino, Andrew Feustel, Michael Good und Megan Mc Arthur. Altmann und Massimino fliegen bereits zum zweiten Mal zu Hubble, Grunsfield sogar schon zum dritten Mal.

Sie werden dabei erstmals seit der Columbia-Katastrophe nicht auf 51,6 Grad Inklination einschwenken, sonder auf 28,45 Grad, eben die Bahninklination des Hubble Space Teleskops. Damit ist die ISS in einem Notfall als "Sicherer Hafen" nicht erreichbar. Das bedeutet nach den Bestimmungen der Nach-Columbia Ära, dass für einen Notfall ein weiterer Shuttle bereitstehen muss, der innerhalb weniger Tage starten könnte. Diese Aufgabe wird die Discovery übernehmen, die an der Startanlage 39 B bereitstehen wird.

Platz 7: H2B und HTV; Credit: JAXA 7. Erstflug H 2B mit HTV 1

Im September will Japan einen neuen Schwerlastträger auf seine erste Reise ins All schicken, die H2B. Die Rakete ist in der Lage, acht Tonnen Nutzlast auf eine geostationäre Transferbahn zu bringen und etwa 16,5 Tonnen auf einen niedrigen Erdorbit. Leistungsmäßig ist sie damit etwa zwischen der Ariane 5 GS und der Ariane 5 ECA angesiedelt. Besonders interessant macht diese Mission nicht nur der Umstand, dass es sich um den Erstflug einer schweren Trägerrakete handelt, sondern vor allem, dass die japanische Raumfahrtagentur so zuversichtlich ist, bei einem Erstflug gleich ihr neu entwickeltes und sündhaft teures H2-Transfer-Vehikel (HTV) in die Umlaufbahn bringen zu wollen.

Das HTV ist in seiner Grundidee ähnlich ausgelegt wie das europäische ATV, allerdings weniger komplex. Es verfügt wie dieses über einen druckbeaufschlagten und einen nicht druckbeaufschlagten Teil. Es kann aber kein aktives Docking durchführen. Es nähert sich der Station bis auf wenige Meter und wird dann mit dem Greifarm der ISS eingefangen und am amerikanischen Harmony-Modul befestigt. Es ist auch nicht zu einem Re-Boost der Station in der Lage und es  kann auch lediglich etwa 30 Tage an der Station verbringen.

Platz 8: Phobos Grunt; Credit: Energia8. Phobos Grunt und Yinghuo-1

Mit dem amerikanischen Mars Science Laboratory müssen wir uns jetzt noch bis 2011 gedulden. Diese Mission wurde Ende letzten Jahres um 26 Monate verschoben. Es gibt dieses Jahr aber trotzdem eine hochinteressante Marsmission, nämlich Phobus Grunt/Yinghuo-1. Diese russisch/chinesische Sondenkombination soll im Oktober dieses Jahres mit einer Zenith Fregat auf eine 11-monatige Reise zum Mars gehen, und im September 2010 in die Umlaufbahn um den Roten Planeten einschwenken.

Gleich nach dem Orbitmanöver machen sich beide Raumfahrzeuge selbständig. Einige Monate nach dem Einschwenken auf die Umlaufbahn landet Phobos/Grunt auf dem Mond Phobos und entnimmt Bodenproben, die in einem Container verstaut werden. Dann zündet der Motor des Aufstiegsteils und entfernt sich zunächst von der Oberfläche des Mondes und begibt sich - nach einem weit größeren Brennmanöver - zurück zur Erde, wo das Raumfahrzeug 2012 mit der wertvollen Fracht landen soll. Die Mission ist die erste interplanetare Raumsonde Russlands seit dem Zerfall der Sowjetunion.

Platz 9: WhiteKnight2 Erstflug; Credit: SpaceCom

9. WhiteKnight2 und SpaceShip2 Erstflüge

Von der privaten Raumfahrt darf in diesem Jahr einiges erwartet werden. Neben SpaceX, XCOR und Armadillo wird man insbesondere von Scaled Composites/Virgin Galactics WhiteKnight2 (WK 2) und SpaceShip2 (SS2) einiges hören. Der Erstflug des WK 2 hat noch unmittelbar vor Weihnachten 2008 stattgefunden. Die Tests werden jetzt mit etwa einem Flug pro Woche im neuen Jahr weitergehen. Der Rollout von SpaceShip2 ist für den Frühsommer zu erwarten. Erste CaptiveCarry Flüge für den Spatsommer und erste noch antriebslose Freiflüge im Spätherbst. Zum Jahresende können wir möglicherweise auch schon die ersten Flüge unter eigenem Raketenantrieb erwarten.

Platz 10: VEGA am Launchpad; Credit: ESA

10. VEGA fliegt zum ersten Mal

Wahrscheinlich wird es knapp. Aber derzeit sieht es noch gut aus für einen Erstflug des neuen Europäischen Satellitenträgers für kleine Nutzlasten VEGA im November oder Dezember dieses Jahres. Ein letzter Test eines Zefiro-9a-Drittstufenmotors soll im Februar 2009 stattfinden. Gestartet wird dann in Kourou von der umgebauten Rampe ELA 1 (Ensemble de Lancement Ariane Nr 1), von der bis zum 12. Juli 1989 Raketen der Typen Ariane 1 bis Ariane 3 abhoben.

Neben dem Zefiro-9a in der dritten Stufe verwendet die VEGA den Zefiro-23-Feststoffmotor in der zweiten und den P80-Feststoffmotor in der ersten Stufe. Außerdem ist der Einsatz einer vierten Stufe namens AVUM (Attitude and Vernier Upper Module) vorgesehen, die ein in der Ukraine hergestelltes Hauptriebwerk vom Typ RD-8569M benutzt und zusätzlich die SCA-Lageregelungstriebwerke der Ariane 5 verwendet.

Die etwa 30 Meter hohe Rakete kann bei einem Startgewicht von etwa 137 Tonnen 1.500 Kilo Nutzlast in einen polaren Orbit in 700 Kilometern Höhe bringen können. Aber auch Orbits in 1.500 Kilometer Höhe können erreicht werden. Maximal kann der Träger etwa 2.200 Kilo Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn bringen. Beim Erstflug wird die VEGA einige Cubesat-Kleinsatelliten an Bord haben.

Astra