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"Anbetung der Heiligen Drei Könige" von Giotto di Bondone, Cappella degli Scrovegni Salve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der neunzehnte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

In Patavium, Heimatstadt meines alten Freundes Livius – ab urbe condita, der gelehrte Leser versteht diesen Hinweis – steht seit dem ersten Heiligen Jahr im Mittelalter eine Kapelle. Dort zaubert der große Maler Giotto zwei Jahre lang Fresken an die Wände, die Jahrhunderte später immer noch leuchten werden. Die gemalten Szenen werden von einem tiefblauen, sternübersäten Himmel überwölbt. Das Blau ist betörend. Eine Kostbarkeit. Da macht es nichts, dass der echte Nachthimmel schwarz ist.

Goldene Sterne und blauer Samt als ihr Untergrund waren zu jeder Zeit eine würdige Kombination. Damit hat man den Himmel, den Ausdruck des Erhabenen, auf die Erde geholt, in Paläste, Kirchen, auf Krönungskleider. Nicht weit von Patavium entfernt liegt die Stadt Ravenna, mein Herr, Kaiser Augustus, unterhält hier einen kolossalen Hafen der römischen Flotte. In Ravenna überdauert ein Kleinod die Zeiten. Es ist ein Mausoleum, in dem der Erzählung nach die Tochter von Theodosius, Galla Placidia, begraben sein soll (sie liegt indes in Rom).

Die kleine Kirche trägt schwer an der Last der Mosaiksteine, die ihr Inneres an allen Ecken und Enden ausfüllen. Das Deckengewölbe ist ein Abbild des Himmels. Auch hier findet man die vertraute Kombination goldener Sterne auf blauem Grund.

Wir gehen nach Patavium zurück und schauen uns die Fresken des Giotto an. Der astronomisch geneigte Betrachter wird mit den Finger sogleich auf den Kometen zeigen, der über der Szene der Geburt des Jesus hängt. Ich weiß nicht genau, was Giotto dazu bewogen hat, einen Unglück bringenden Schweifstern zu malen, aber vielleicht sind wir im alten Rom zu abergläubig. Seit diesem Pinselstrich aus den ersten Tagen des vierzehnten Jahrhunderts ist der Komet vom Weihnachtswunder nicht mehr wegzubringen.

Aber es geht gar nicht um den Kometen. Was für vordergründige Leute ihr seid. Der wahre Schatz liegt im Hintergrund, ist der Hintergrund! Den blauen Himmel meine ich.

Die Herstellung der blauen Farbe war zu damaliger Zeit (nun ja, aus meiner Perspektive allerdings fast eineinhalb Jahrtausende in der Zukunft) ein kostspieliges Handwerk. Das Pigment der Farbe Blau wurde aus einem besonderen Saft gewonnen.

Es ist natürlich kein Saft. Die Ägypter hatten ihn, wir haben ihn, ihr werdet ihn haben: den blauen Stein, lapis lazuli. Fein zerrieben hat man ihn, um das Tiefblau des Himmels zu erreichen und es aufzutragen. So entstanden die vielen Himmel der Kirchen und der Bücher. So kommt es auch zur Wiedergeburt der Kunst: il rinascimento, die Renaissance, lange nachdem Westrom untergegangen ist.

In der Zeit vor Giotto sind die Himmel in der Kunst selten blau, viel eher goldfarben. Das Pigment, das aus Lapis Lazuli gewonnen wird, ist zunächst als Farbstoff unbekannt, Pompeji leuchtet rot, aber nicht blau. Dann ist es teuer und selten. Erst mit der Renaissance beginnt man realistisch zu malen, die Natur abzubilden, Techniken zu verfeinern, die Antike zu tradieren, Geld zu verschwenden (pardon: zu investieren) in die Kunst. Plötzlich blüht Blau.

Eine Orgie für die leisen Sinne ist das Stundenbuch des Duc de Berry. Fünfzehntes Jahrhundert. Astronomisch, astrologisch, kalendarisch, historisch wertvoll. Und wieder sieht man, Monat für Monat durch den Jahreskreis führend, Ausschnitte des Himmels in tiefem Blau, mit goldenen Sternzeichen.

So wird also ein Stein zum Mittel, den ätherischen Himmel fassbar zu machen. Wenn ihr nach Patavium kommt und unter den Fresken des Giotto steht, denkt daran. Und doch geht alles auch wieder zum Stein zurück: Der Künstler, Giotto, und die Stadt, Padua, umfliegen die Sonne als Planetoiden.

Wir sprechen uns bald wieder.

Marcus Tullius