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Leonardo da Vinci; nach Vitruvius Salve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der siebzehnte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

Marcus Vitruvius ist den wenigsten von euch ein Begriff, da mache ich mir nichts vor. Zwar kennt ihr ihn alle, aber nicht beim Namen, und schon gar nicht persönlich. War er ein berühmter Astronom der Antike? Hat er einen kosmischen Mythos erzählt? Habt ihr was verpasst? Ihr seid natürlich entschuldigt, ihn nicht zu kennen. Er war Architekt, weiter nichts.

Erst im Jahr 1414, in der italienischen Renaissance, wird Poggio Bracciolini ein Werk von Marcus Vitruvius wiederentdecken. Es handelt sich um sein Hauptwerk, "De architectura", zehn Bücher aus der Alten Welt. Ich will nicht behaupten, ich hätte Vitruvius gut gekannt. Er hat "De architectura" unserem gemeinsamen Herrn, Kaiser Augustus, gewidmet, und in dessen Palast habe ich es auch des Öfteren in Form von sorgsam aufgerollten Schriftrollen liegen sehen. Natürlich hat er mehr geschrieben, unter uns gesagt sogar einige mediokre Theaterstücke, aber die werden alle von der Zeit verschluckt werden.

Vitruvius war mehr als ein Architekt, er war Ingenieur, er diente unseren militärischen Truppen, er war Chemiker, ich glaube sogar mich daran zu erinnern, dass er gemeinsam mit anderen Bürgern Roms meinen ersten astronomischen Kolloquien beiwohnte. Vitruvius interessierte sich nämlich als Architekt besonders für eines: die geometrische Harmonie des Kosmos.

Dass der Kosmos, das Ganze, geometrischen Formen folgend aufgebaut sein muss, haben unsere griechischen Kollegen zur Genüge formuliert. Ich erinnere nur an die Arithmetik und Proportionslehre des Euklid. Ähnlich dachte auch Vitruvius von der Architektur. Was der Mensch errichtet, ist ein Abbild der Natur. Sie hat drei Aufgaben zu erfüllen: firmitas – Festigkeit, utilitas – Nutzen, und venustas – Anmut (hier treffen wir wieder Venus alias Aphrodite). Und Vitruvius übertrug die Lehre der Proportionen vom Kosmos als Ganzen über die unbelebte Natur auf den Menschen. Er erzählt uns, dass der menschliche Körper sich in Kreis und Quadrat einfügt. Damit folgt auch der Mensch den ewigen Proportionen des Universums.

Leonardo aus dem Ort Vinci wird diesen Gedanken mit einer genialen Zeichnung zu einer Ikone der Renaissance machen: ein Mensch, der seine Arme und Beine ausstreckt und damit die Architektur des Kosmos ausfüllt. Der Vitruvische Mann. Eccolo! Ich möchte gar nicht daran denken, wie und wofür dieses Bild des Leonardo ge-, ver-, missbraucht werden wird in der Kulturgeschichte. Immerhin wird es der Vitruvische Mann zweitausend Jahre nach meiner (und seiner) Zeit noch auf ein Münzstück schaffen, das sich mangels Fantasie "Euro" nennen wird.

Aber noch weiter wird der Name "Vitruvius" reisen – bis zum Mond. Ein Mondkrater erhält seinen Namen, und dann auch gleich noch ein Berg des Erdtrabanten. Mons Vitruvius erhebt sich weit über majestätische zweitausend Meter ins Schwarz des Weltraums. Es handelt sich um einen Gebirgsstock des Taurus-Gebirges, das wiederum von Hevelius den Namen bekommt. Die letzten Besucher der Erde auf dem Mond, zwei edle Herren mit ihrem Raumschiff Apollo 17, machen dort halt.

Wenn also einer von euch, meine verehrten modernen Freunde, mit einer Euro-Münze zahlt, und auf dessen Rückseite glänzt Leonardos Mann, dann denkt an den genialen Vitruvius, sein epochales Werk, die Renaissance, an den kleinen Ort Vinci und an den Mond, an die zerklüfteten Hänge des Taurus-Littrow, und vergesst ob all dem auch nicht Euklid, seine Elemente, Zahlen, Formen, seine Harmonielehre.

Und dann wird euch auf einmal wieder klar, wie eng alles verwoben ist: die Form und die Idee, die Geschichte und die Geistesgröße, das geschäftige Handelstreiben in unseren Städten und das ruhige Uhrwerk des Kosmos.

Wir sprechen uns bald wieder.

Marcus Tullius Astrum