Header

AntipodenSalve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der vierzehnte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

Am anderen Ende der Welt ist alles verkehrt. Die Wolken hängen nach unten, die Flüsse fließen bergauf und Tag ist Nacht. In der Antike glauben viele Gelehrte schon an die Kugelgestalt der Erde. Aber die haarsträubenden Konsequenzen einer solchen Ungeheuerlichkeit sind umstritten.

(Bild: Kirchenvater Augustinus (links) predigt der Menschheit: Die Darstellung aus dem 15. Jahrhundert zeigt auch Antipoden, Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel)

Ich höre euch fragen, wie ich auf dieses Thema komme. Im letzten Brief habe ich euch vom Sonnenuntergang erzählt. Wer die Sonne ins Meer tauchen sieht, fragt sich, wo sie hingeht. Wer ein Schiff am Horizont verschwinden sieht, fragt sich, wo es hinfährt. Mich ärgert die Ignoranz eurer Zeit (Ignoranz im lateinischen Sinn, Unwissenheit, nicht Unwillen), zu glauben, wir Menschen der Antike würden uns eine flache Erde vorstellen, womöglich von Elefanten getragen. Wer das denkt ist selbst ein Trampel. Pythagoras hat bitte schon vor Jahrhunderten gemeint, die Erde müsse eine Kugel sein, schon aus ästhetischen Gründen, welche Form sonst ist denn perfekter als eine Kugel!

Aristoteles lieferte gleich eine Handvoll Erklärungen zur Kugelgestalt. Wer zum Beispiel eine Mondfinsternis betrachtet, sieht den runden Erdschatten langsam über die Mondscheibe kriechen. Eratosthenes berechnete den Umfang der Erde, und das war immerhin zweihundert Jahre vor meiner Zeit. Auch das Mittelalter kennt die Kugel. Wer meint, man wendete Kolumbus ein, er würde bei seiner riskanten Unternehmung über den Rand der Erde hinausfahren und in die Hölle fallen, meint falsch. Man verlangte einfach eine Kosten-Nutzen-Rechnung und ein paar plausible Pläne. Verständlich.

Aber Kolumbus ist in ferner Zukunft. Ich sitze auf einer Steinbank in der Mittagssonne nahe am Kapitol, während ich diesen Brief schreibe. Wir sind also mitten in der Antike. Weil aber die Sonne so unbarmherzig auf meine Schultern brennt, fällt mir wieder ein, was ich zu Beginn des Briefes sagen wollte: Wenn die Erde eine Kugel ist, wie sieht es dann auf der anderen Seite aus?

Es ist allgemein bekannt, dass – je weiter man in den Süden reist – die Mittagshitze immer unerträglicher wird. Kann man also den Äquator überschreiten, ohne zu verbrennen? Wenn nicht, gibt es auf der anderen Seite der Erdkugel Menschen? Im christlichen Mittelalter wird man sagen, nein, denn wenn alle Menschen, wie die Bibel sagt, von Adam und Eva abstammen, dann kann es nur auf dieser Seite der Erde Menschen als Abbild Gottes geben.

Aber gibt es dort zumindest Land, Bäume und Früchte? Oder ist alles Wasser? Ptolemäus spricht von einem Südland, Terra Australis, die Seefahrer der Neuzeit werden danach suchen (unverbrannt über den Äquator gekommen, mit Ausnahme der Schultern), Australien wird danach benannt, während der Südpol klimatisch enttäuschen wird.

Was haben alle diese Gedanken mit den Sternen zu tun, höre ich die ersten meiner Leser murmeln. Barbaren (verzeiht). Solange ich lebe werde ich wohl die Annahme bekämpfen müssen, Astronomen würden nur zum Nachthimmel schauen und Geographen auf den staubigen Boden. In Wirklichkeit ist doch die Erde ein Himmelskörper, viel schöner als der Mond. Der Kosmos umgibt uns beständig.

Mehr noch, wir sind der Kosmos.

Marcus Tullius