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Das Argóschiff, Gemälde von Lorenzo Costa d. Ä. (16. Jh.) Salve Spacefreak, Ave Astronom, dies ist der elfte Brief aus dem alten Rom. Man nennt mich Marcus Tullius Astrum, Sterndeuter am Hof des Augustus, und ich begleite euch durchs astronomische Jahr.

Im letzten Brief erwähnte ich beiläufig das Schiff der Argonauten. Seitdem höre ich immer wieder die Ruderschläge, die ins Wasser der Ägäis krachen, und ich sehe Jason am Bug stehen. Dem modernen Himmel fehlt ein herrlicher Mythos, seit dieses Sternbild demontiert wurde. In der Antike leuchtet es noch, und mit ihm seine Geschichte.

Dabei muss ich wohl ehrlich sein: Von Rom aus ist das Schiff der Argonauten nicht sichtbar. Und noch ehrlicher: Ptolemäus wird es erst in hundert Jahren für die Nachwelt festhalten. Das heißt aber nicht, die Zeit vor ihm hätte das Bild am Himmel nicht gekannt. Im Gegenteil. Es ist mein Lieblingssternbild, auch ohne es vom Palast des Augustus oder vom Strand von Ostia aus zu sehen. Und ich liebe die Geschichte, die uns Apollonius von Rhodos erzählt.

Apollonius war ein Glückspilz. Er war Bibliothekar der Bibliothek von Alexandria (biblos: das Buch, meine Freunde), dem Paradies der Erinnerung. Auch wenn Aulus Gellius in seinen „Attischen Nächten“ vom Untergang der Bibliothek durch Cäsar schreiben wird, darf ich euch versichern, dass es nicht ganz so schlimm gekommen ist. Ich sehe Bücherrollen aus Alexandria hier in Rom. Es gibt sie noch.

Ich schweife ab, wieder einmal. Apollonius erzählt die Geschichte von Jason. Er erzählt uns von der Flucht der Zwillinge Phryxos und Helle (der Hellespont, die Meerenge!). Von Argos, dem Sohn des Phryxos, der das Schiff zimmerte. Von der Fahrt rund Chalkidike nach Illyrien und nach Thrakien, von den Amazonen und den Harpyien, schließlich von der Ankunft in Kyta. Und so weiter. Besucht einmal das Museum in Padua, und fragt nach Lorenzo Costa und seinem Gemälde von Argo Navis.

Und wenn ihr nicht nach Padua kommt, hebt euren Blick zum Südhimmel. Das Schiff der Gefährten erinnert uns jede Nacht an die Abenteuer.

Es war das größte Sternbild der Antike, unhandlich und doch majestätisch. Aber da der moderne Mensch seinem Sinn fürs Praktische mehr traut als seinem Sinn fürs Sinnliche, habt ihr das Schiff einfach in Teile zerschlagen. Achterdeck, Kiel und Segel habt ihr daraus gemacht, und den Mast habt ihr zum Kompass degradiert, alles in allem eine ziemlich idiotische Aufteilung, denkt euch doch einmal zusammen, wie das stolze Schiff jetzt aussieht! Es hat keinen Bug mehr! Keine Ruder! Und die Gefährten des Jason sind in Gruppen zerstreut, je nachdem wo sie gerade zufällig standen und arbeiteten, als Nicolas Loius de Lacaille mitten im achtzehnten Jahrhundert mit seinem Coelum Australe Stelliferum kam und damit das Schicksal der Argonauten besiegelte.

So einerlei war es ihm und euch, dass man sogar die Sternbezeichnungen beibehalten hat und sich nicht darum scherte, jedem Hauptstern der drei neuen Bilder ein „Alpha“ zu verpassen. Und nun hat das Segel keinen Alpha-Stern mehr! Keinen Beta-Stern! Ein Durcheinander.

Und doch möchte ich nicht lamentieren. Denn es gibt auch viel Wundersames zu entdecken in dieser Gegend der Nacht. Alpha Carinae heißt Canopus, benannt nach dem Steuermann des Menelaos (man sieht, auch hier Verwirrung, was die Schiffsbesatzungen betrifft). Es ist der zweithellste Stern am ganzen Himmel. Nur Sirius leuchtet noch heller. Der Stern Eta Carinae dagegen ist ein Feuerball von gigantischen Ausmaßen – der massereichste Stern, den ihr modernen Astronomen in Sonnennähe studieren könnt. Er brodelt und gärt, schleudert Material ins All, wird heller und dunkler. Ein unheimlicher Zeitgenosse.

Bevor ich mein Schreiben zu Ende bringe: Habt ihr gewusst, dass schon die Ägypter in dieser Himmelsregion die Barke des Osiris erkannt haben? Habt ihr gewusst, dass man Sternfiguren, die kein offizielles Sternbild darstellen, als Asterismus bezeichnet? Mit aller gebotenen Höflichkeit: Da steckt mein Nachname drin. Astrum.

Darf ich euch einladen, das Schiff der Argonauten wieder einzuführen?

Wenn man unterm Sternenhimmel steht, könnte man manchmal glauben, da liegt das goldene Vlies auf schwarzem Stein.

Wir sprechen uns bald wieder.

Marcus Tullius