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"Erzähl’ mir nie mehr etwas von irgendwelchen Sternen!", ließ mich meine Freundin damals wissen. Ungerecht, ja geradezu undankbar, wie sie war.

Dabei war es doch unbestritten sie gewesen, die mich zum ersten Mal bewusst jene wunderbare Welt der Planeten und Monde, der Sonnen und Galaxien erleben ließ, die mich seither nicht mehr loslassen sollte. "Sterne gucken" nannte sie diesen Ausbund an Romantik, der in jener sternklaren Nacht nach zwei Flaschen Rotwein in einer abgelegenen, taufeuchten Wiese fernab jeder städtischen Licht-verschmutzung endete.

Doch während sie schlicht die unzähligen Lichtpunkte am Firmament zu genießen vermochte, erwachte in mir ein bislang verschütteter Teil meiner Männlichkeit: der Homo technicus. Beeindruckt von der ungeheueren Vielfalt, die sich mir darbot, erschlagen von der undenkbaren Weite, die sich mir offenbarte, versuchte ich das Unmögliche. Ich versuchte zu verstehen.

Nun war meine schulische Laufbahn sicherlich nicht zufällig gerade an den naturwissenschaftlichen Fächern gescheitert – noch hatte ich je besonderen Forscherdrang verspürt. Doch etwas, irgend-etwas in mir wollte mehr wissen.

So verschlang ich in der Folge etliche Fachzeitschriften, besuchte diverse VHS-Kurse und erwarb eines jener berüchtigten Kaufhaus-Teleskope zum vermeintlich kleinen Preis. Sogar in die griechisch-römische Mythologie las ich mich ein. In der Hoffnung, die Entstehungsgeschichte der einzelnen Sternbilder zwar möglichst profund, aber auch nahezu kindlich verklärt schildern zu können.

Um eben beim nächsten "Sterne gucken" begeistert von Castor und Pollux, von Cassiopeia und Pegasus zu erzählen. Verzückt von Roten Riesen, Weißen Zwergen und Schwarzen Löchern zu schwärmen.

Mein Scheitern war fulminant. Aber wohl absehbar. Vermochte ich es doch nicht, meine eigene, mit jeder neuen Erkenntnis gesteigerte Ehrfurcht vor dem Unglaub-lichen, was sich über unseren Köpfen ab-spielte, an die Frau zu bringen. Zumindest nicht an meine.

Akzeptieren, nein, verstehen konnte ich ihre Ignoranz erst sehr viel später, als ich mich einem schwer akademisch ange-hauchten Zirkel Gleichgesinnter anschloss. Fürwahr, als Mensch und Astronom ge-reift, verbrachte ich zu dieser Zeit unzäh-lige Stunden mit meinem mittlerweile erworbenen Dobson, entdeckte die Saturn-ringe, zählte die Jupitermonde und wagte mich keck in bisher verborgene Deep-Sky-Bereiche – wovon ich meinen Brüdern im Geiste so gerne voller Stolz erzählt hätte.

Doch fand ich von Mal zu Mal, von Treffen zu Treffen, weniger Gehör. Was in dieser Runde zählte, waren Belichtungs-zeiten und Nachführungsgenauigkeiten, Brennweitengrößen und Spektralanalysen. Kein Wort mehr von jener verwackelten Faszination, eben jene Saturnringe zum ersten Mal mit eigenen Augen zu betrachten, die Jupitermonde beim Wandern zu beschatten oder nach unzähligen Versuchen den Pferdekopfnebel zu erahnen.

Mittlerweile ist der Dobson verkauft, die Freundin passé, der Astronomenclub ver-lassen. Und dennoch werde ich morgen, kurz vor der Frühschicht, einen Moment auf dem Parkplatz verharren und in den noch schwarzen Nachthimmel blicken. Und wieder versuchen zu verstehen. Oder zumindest zu genießen.

Aldebaran