Der 87. und letzte Orbitalstart des Jahres 2015 fand am 28. Dezember in China statt. Eine Trägerrakete des Typs Langer Marsch 3B/G2 lieferte dabei den Erdbeobachtungssatelliten Gaofen-4 innerhalb von gut 30 Minuten in einem Standard-Transferorbit ab. Das Raumfahrzeug wird Bilder im infraroten und normaloptischen Bereich anfertigen.

Mit diesem Start liegt China in Bezug auf erfolgreiche Missionen des Jahres 2015 vor den USA auf Platz zwei weltweit. Die USA führten zwar 20 Missionen durch, gegenüber nur 19 chinesischen, aber zwei US-Flüge scheiterten, während Chinas Raumfahrt eine makellose Serie hinlegte. Russland führte dieses Jahr mit 29 Orbitalmissionen eine geringere Anzahl von Flügen durch als in den letzten Jahren, hält aber weiterhin die unangefochtene Führung. Allerdings hat Russland dabei drei Fehlschläge zu verzeichnen gehabt. Auf Platz vier folgt Europa vor Indien und Japan.

Gaofen-4 ist ein ungewöhnliches Raumfahrzeug. Normalerweise versucht man mit optischen Aufklärern möglichst niedrige Erdumlaufbahnen anzusteuern, um möglichst hoch auflösende Bilder zu erhalten. Die optische Auflösung von Gaofen 4 verfügt dagegen – der großen Erdentfernung von 36.000 Kilometern geschuldet – lediglich über ein Auflösungsvermögen von 50 Meter pro Bildpunkt. Damit verfügt es aber dennoch über das leistungsstärkste Kamerasystem weltweit im geostationären Orbit. Im Infrarotbereich beträgt das Auflösungsvermögen 400 Meter pro Bildpunkt.

Der Vorteil dieses Satelliten besteht darin, den halben Planeten mit nahezu sofortigem Zugriff auf jeden Punkt der Erde abdecken zu können. Der Raumfahrzeug liefert dabei ein Standard-Bildformat von 7.000 x 7.000 Kilometer. Bei Maximalauflösung können Ausschnitte von 400 x 400 Kilometern „herausgezoomt“ werden. Der Nutzer eines solchen Satelliten ist dabei nicht wie bei einem tief fliegenden Satelliten darauf angewiesen, auf den nächsten möglichen Überflug einer bestimmten Region zu warten, was möglicherweise Tage dauern kann. Der Nachteil ist die geringe Auflösung, die man bisher lediglich für Wettersatelliten in Kauf nahm. Für bestimmte Zwecke ist sie aber ausreichend, wie zum Beispiel für Desaster-Monitoring, Vegetationsüberwachung, Anwendungen für die nationale Sicherheit und natürlich weiterhin für Meteorologie.

Der Start erfolgte vom Weltraumzentrum Xichiang aus. Der Start erfolgte um 17:04 Uhr mitteleuropäischer Zeit am 27.12. In Zentralchina war es da bereits 0:04 Uhr am 28.12. Die Startmasse des Satelliten betrug 4.600 Kilogramm. Das machte den Einsatz des gegenwärtig leistungsfähigsten chinesischen Trägersystems notwendig. Die Lebensdauer von Gaofen-4 wird auf mindestens acht Jahre veranschlagt.

Gaofen-4 ist Bestandteil des China High-Resolution Earth Observation System (kurz: CHEOS), einem groß angelegten chinesischen Wissenschafts- und Technologieprogramm für Erdbeobachtung. Das System war zunächst auf fünf Satelliten ausgelegt. Die vorläufig letzte Einheit, Gaofen-5, soll im kommenden Jahr starten. Das System ist in etwa mit dem US-Landsat-Programm zu vergleichen oder dem europäischen Kopernikus-Programm.

Ein wenig verwirrend dabei ist, dass in diesem Jahr (am 26. Juni) auch ein Erdbeobachtungssatellit mit der Bezeichnung Gaofen-8 gestartet wurde und am 14. September ein Satellit mit der Bezeichnung Gaofen-9. Was aus den Nummern 6 und 7 des Systems werden soll ist noch unbekannt. Es wird vermutet, dass Gaofen 8 und 9 militärisch genutzt werden.