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Elon Musk und SpaceX, Falcon 9 und Dragon geben der US-Raumfahrt neue Hoffnung. Die Kommentare in Print-Medien, auf Kommunikationsportalen wie Facebook und Twitter unf bei Pressekonferenzen überschlagen sich schier. Die einhellige Meinung lautet: Für die Private Raumfahrt war das, was sich an diesem Mittwoch, den 8. Dezember 2010 abgespielt hat, ein "Sputnik Moment". Der Eintritt in eine neue Ära der Raumfahrt.

Dabei hat Elon Musk doch eigentlich nur das erreicht, was die US-Raumfahrt schon vor einem halben Jahrhundert konnte: Eine unbemannte Raumkapsel in einen niedrigen Erdorbit entsenden und nach einigen Erdumkreisungen wieder zur Erde zurück zu holen.

Rein raumfahrttechnisch war tatsächlich nichts Sensationelles passiert: Um 16:43 Uhr mitteleuropäischer Zeit hob von der Startrampe 40 der Luftwaffenbasis Cap Canaveral eine Trägerrakete des Typs SpaceX Falcon 9 ab, und brachte knapp 10 Minuten später eine wieder verwendbare Raumkapsel mit der Bezeichnung "Dragon" in einen niedrigen Erdorbit. Trägerrakete und Raumkapsel funktionierten einwandfrei. Nach etwas weniger als zwei Erdumkreisungen zündeten vier der 18 "Draco"-Kleintriebwerke der Raumkapsel für einige Minuten und leiteten die Rückkehr des Fahrzeugs zur Erde ein. Um 20:04 Uhr landete die Kapsel 500 Kilometer vor der mexikanischen Küste an drei Fallschirmen sicher und sehr präzise im Zielgebiet und wurde von einem Bergungsschiff aufgenommen.

Wieso also die Aufregung? Wäre diese Faktenlage auf die übliche Art und Weise entstanden, dann hätte sie bei den eingefleischten Raumfahrtfans einiges Interesse erzeugt, denn so ganz leicht ist eine derartige Übung auch heute nicht. In der breiten Öffentlichkeit wäre die Sacher aber kaum auf besondere Wahrnehmung gestoßen. SpaceX hat schließlich nicht mehr getan, als die nationalen Raumfahrtbehörden der USA, Russlands und Chinas und in begrenztem Maße auch Europas schon seit einer ganzen Weile tun.

Doch genau das ist der Punkt. Ein mittelständisches Unternehmen aus Hawthorne, Kalifornien hat das geschafft, wozu es bisher die Anstrengungen ganze Nationalstaaten bedurfte. Und dieser Punkt ist nur der erste einer ganzen Reihe, die das Unternehmen zur Sensation machten. Schauen wir uns ein paar weitere an:

Punkt zwei: Der Flug, sowie die Entwicklung der Rakete und der Raumkapsel erhielt zwar ein Co-Sponsoring durch die NASA im Rahmen des so genannten COTS-Programms (Commercial Orbital Transportation Services). Den weitaus überwiegenden Teil der Entwicklungskosten plus das gesamte Entwicklungsrisiko trug aber, anders als bei allen früheren Entwicklungen von Raumtransportsystemen, ein Privatunternehmen: Elon Musks "Space Exploration Technologies Inc.", besser bekannt unter der Kurzbezeichnung "SpaceX". Insgesamt hat die NASA derzeit exakt 253 Millionen Dollar in die Entwicklung der Falcon 9 Trägerrakete und der Dragon Raumkapsel gesteckt. Elon Musk und seine Co-Finanziers haben bisher aber tatsächlich etwa 620 Millionen Dollar ausgegeben.

Damit sind wir bei Punkt drei: Die Höhe der eingesetzten Mittel. So groß diese Summe dem unvoreingenommenen Laien erscheinen mag: Mit 620 Millionen Dollar (ca. 475 Millionen Euro) passiert in der institutionellen Entwicklung einer mittelschweren Trägerrakete praktisch nichts. Elon Musk aber hat für dieses Geld gleich zwei Trägerraketen entwickelt (die leichte Falcon 1 und die erwähnte Falcon 9), zwei Startanlagen errichtet (auf der Insel Kwajalein im Südpazifik und in Cap Canaveral) und zusätzliche eine potentiell bemannbare, wieder verwendbare Raumkapsel entwickelt.  Wenn heute eine nationale oder internationale Raumfahrtbehörde so ein Unternehmen in Angriff nähme, läge der Preis für das eben genannte Paket mit Sicherheit mindestens beim 10-fachen dieser Summe. Eher aber noch deutlich darüber.

Punkt vier: Die Zeitdauer. Seit den Tagen des Apollo-Programms ist bekannt, dass die Entwicklungsdauer unmittelbare Auswirkungen auf den Gesamtpreis eines Systems hat. Apollo blieb nur deswegen nahezu im ursprünglich vorgesehenen Zeitrahmen, weil der Endzeitpunkt unverrückbar war. Bei jedem Schritt im Entwicklungsprogramm ging man daher automatisch zur einfachsten und am schnellsten zu realisierenden Lösung über. Heute dagegen unternimmt man ein ums andere Mal den absurden Versuch Projektkosten, dadurch niedrig zu halten, dass man Programme bis zum St. Nimmerleinstag streckt und in dieser verlängerten Zeitspanne eine nicht enden wollende Zahl von Änderungen und neuen Forderungen einbringt und sich schließlich wundert, warum die Kosten mal wieder explodiert sind.

Punkt fünf: Warum ist Dragon so günstig und warum geht es so schnell? Anders als bei staatlichen Raumfahrtagenturen, die bei Neuentwicklungen größten Wert auf "Cutting edge-Technologie" legen blieb Elon Musk überall im Rahmen des Bekannten und Bewährten. Was seine Rakete betrifft könnte man sagen: Er entwickelte den VW-Bulli noch einmal. Und nicht nur beim technischen Konzept blieb er beim Bewährten. Nur ein paar Beispiele: Die Startanlage in 40 Cap Canaveral mietete er von der US-Luftwaffe für fast kein Geld. Die hatte sie eingemottet, nachdem das Titan IV-Programm eingestellt worden war. Musk  übernahm auch den noch brauchbaren Teil der Anlagen. Den Rest bekam der Schrotthändler. Sein Vehicle Assembly Building ist eine bessere Wellblechbaracke. Kräne, Hebevorrichtungen, Gerüste, Transportfahrzeuge kaufte er im Baumaschinenhandel. Da kosten die etwa 4-5 Prozent einer Spezialentwicklung nach NASA-Spezifikationen. Die Rakete wird liegend integriert. Das hat er den Russen abgeschaut. Aufwendige Montagetürme sind deshalb unnötig und damit die Leute auch nicht auf Leitern und Hebevorrichtungen steigen müssen, lässt er seine Rakete in der Montagevorrichtung rotieren wie eine Thüringer Rostbratwurst auf dem Grill vom Weihnachtsmarkt.

Punkt sechs: Vertrauen in die Fähigkeiten der Mitarbeiter und die Übergabe von Verantwortung. Das ist, ich beobachte es täglich, ein absolutes Fremdwort in der institutionellen und kommerziellen Luft- und Raumfahrt. Auch noch für die kleinste Nebensächlichkeit, die Auswahl des unbedeutendsten Komponentenlieferanten, die Festlegung der kleinsten Testprozedur sind Unterschriften im Dutzend notwendig. Das Ergebnis: Wenn diese Unterschriften nach langer Zeit endlich vorliegen ist am Ende niemand mehr für das Ergebnis verantwortlich. Nur ein Beispiel wie es Elon Musk macht. Beim Start der Falcon 9 wurde zwei Tage vor dem Start ein Riss in der Expansionsdüse des Zweitstufentriebwerks entdeckt. Ein Techniker, der aus Hawthorne eingeflogen worden war, sah sich die Sache an und entschied daraufhin, die Düse kurzerhand um einen guten Meter zu kürzen. Er machte das auf der Startrampe, 24 Stunden vor dem geplanten Liftoff. Und siehe da, es funktionierte prächtig.

Man stelle sich diesen Vorfall in der institutionellen Raumfahrt vor. Das Ergebnis wären monatelange Startverzögerungen, millionenschwere Untersuchungen und Tonnen von bedrucktem Papier gewesen. Eine aufwendige Suche nach den Schuldigen hätte eingesetzt und ein allgemeines Hyperventilieren über den nun einsetzenden Change-Prozess mit Panels, Reviews und Gutachten hätte begonnen. Bei SpaceX aber kletterte einfach der zuständige Techniker in die Interstage zwischen erster und zweiter Stufe, stellte fest "Fertigungsfehler" und schnitt das Ding kurzerhand ab. Damit hatte es sich. Die drei Sekunden an spezifischem Impuls, welche eine längere Düse gebracht hätte, konnte man bei dieser Testmission leicht verschmerzen. Niemand stellte die Expertise des Mannes in Frage.

Man kann hier nur eines hoffen: Dass dieses innovative Moment, das derzeit bei SpaceX vorhanden ist, weiter anhält. Leicht wird es nicht, denn das Unternehmen wächst explosionsartig. Elon Musk fing 2003 mit einer kleinen Handvoll von Mitarbeitern an. Noch 2005, als er mit der Entwicklung der Falcon 9 begann, waren es kaum 100. Derzeit sind es schon 1.200 Mitarbeiter und die Firma wächst derzeit Monat für Monat um 100 Mitarbeiter. Den Vorteil aufrecht zu erhalten mit sehr flachen Hierarchien und großer Eigenverantwortung für den Einzelnen wird nicht so sehr eine technische Aufgabe werden als eine Herausforderung für das Management und die Personalführung.

Die nächste Mission einer Dragon könnte bereits zur ISS führen. Derzeit verhandelt SpaceX noch mit der NASA, ob nun noch ein weiterer Testflug stattfinden soll, bei dem die Raumkapsel nur bis in Sichtweite der ISS kommt, oder ob man bereits genug Vertrauen in das System hat, um ein "Berthing" vorzunehmen, eine Bergung der Kapsel also. Dabei soll die Dragon im Rahmen einer fünftägigen Mission sich der Station bis auf wenige Meter nähern, dann mit dem Greifarm erfasst werden und an einen der Dockingknoten der Station verbracht werden.

Jetzt bin ich noch den Brouere schuldig und das wäre Punkt sieben. Es war nämlich ein Europäer an Bord der Dragon. Mit dem belegte Elon Musk, dass die Bedingungen im inneren des Raumfahrzeugs angenehmen und lebensfreundlich waren.  Bei dem Europäer handelte es sich um einen 12 Kilo schweren und 43 Zentimeter durchmessenden Laib Brouere-Käse aus den Vogesen. Und wie kam Elon Musk auf diese nicht grade naheliegende Idee? Nun, er ist ein Fan von Monty Pythons Flying Circus und dem Schauspieler John Cleese. Und diese Szene zeigt, was die institutionelle Raumfahrt noch von der Privaten unterscheidet: Die Vorliebe für skurillen Humor.

Astra