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Unter Geheimhaltungsmaßnahmen, wie sie in den letzten Jahren einmalig waren, wurde gestern ein Satellit des amerikanischen National Reconnaissance Office (NRO) von Cape Canaveral aus in den Orbit gebracht.

Atlas 5-Rollout; Credit: Pat Corkery, ULA

Fünf Minuten nach dem Liftoff, der um 23:05 Uhr mitteleuropäischer Zeit von der Startanlage 41 erfolgte, erschien ein Sprecher von United Launch Alliance auf dem Bildschirm, und verkündete, dass die Startübertragung auf Wunsch des Kunden an dieser Stelle beendet werde.

Zu diesem Zeitpunkt war die erste Brennperiode der zweiten Stufe des Trägers im Gange, und die Nutzlastverkleidung war abgeworfen worden.

Das NRO benannte den Satelliten als NRO L-24, ähnlich nichtssagend wie bei den Russen die Benennung "Kosmos". Als Missionsname wurde von den Militärs Scorpius genannt. Das Symbol des Skorpions war auch auf der Nutzlastverkleidung des Trägers aufgemalt.

Atlas 5-Start, Credit: Ben Cooper / SpaceflightnowDie Bahn des Trägers verlief auf der von Cape Canaveral aus steilstmöglichen Inklination, nämlich 63 Grad in nördlicher Richtung. Diese Bahn läuft parallel zur amerikanischen Ostküste und deutet darauf hin, dass ein Molnija-ähnlicher Orbit angesteuert wird, eine stark elliptische 12-Stunden-Bahn mit langer Verweildauer über den nördlichen Breiten. Dies wiederum lässt darauf schließen, dass es sich um einen Relay-Satelliten handelt, der Aufnahmen von niedrig fliegenden Aufklärungssatelliten auf polaren Bahnen in Echtzeit an die US-Kommandozentrale übermitteln soll.

Als Trägerrakete für diesen Start wurde eine Atlas 4 in der Version 401 eingesetzt. Ohne Zusatzbooster und mit der "kleinen" Nutzlastverkleidung. Die Nutzlast für einen Molnija-Orbit beträgt für diese Version etwa 4,8 Tonnen.

Das US-Verteidungsministerium hat Relay-Satelliten sowohl auf Molnija-Bahnen als auch auf geostationären Bahnen im Einsatz. Der Start gestern Abend war zeitlich so abgestimmt, dass er exakt mit der Bahn eines im Juli 1996 mit einer Titan IV gestarteten Datentransfer-Satelliten übereinstimmt. Offensichtlich soll diese Einheit, die sich wahrscheinlich dem Ende ihrer technischen Lebensdauer nähert, abgelöst werden. All diese Informationen zusammen lassen den sicheren Schluss zu, dass es sich bei dem Raumfahrzeug um einen Relay-Satelliten des Typs SDS (Satellite Data System) handelt, der von Boeing hergestellt wird.

Der gestrige Start war der 12. Einsatz einer Atlas 5 und der vierte in diesem Jahr. Alle Flüge fanden bislang von Cape Canaveral aus statt. Inzwischen ist aber auch die Startanlage in Vandenberg fertig gestellt und soll mit einer ersten Atlas 5-Mission im Februar nächsten Jahres eingeweiht werden.