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Credit: Archiv Eugen Reichl Und hier ist sie endlich: Unsere Nummer eins. Feine technische Science-Fiction im besten Sinne unserer Ausschreibung. Plausible Technik, ein logisches Konzept und ein gradliniger Stil ohne Schnörkel und unnötiges Beiwerk. Originelle Zukunftsszenaren und -Entwicklungen sind nahtlos in die Story eingeflochten.  Dazu eine Portion Ironie und die Lust am Fabulieren.

Armin Herbertz gestaltete seine Schilderung der Situation auf dem Mond um das Jahr 2100 als Kriminal-Dramolett.  Der Kampf um die Ressourcen unseres Erdtrabanten wird auf Biegen und Brechen geführt.

Lesen Sie selbst…

Evakuierungsbefehl

Von Armin Herbertz

"Ach du Sch..." Kommandant Theodor Koenig blickte voller Entsetzen auf die verkohlte Leiche in der Schleuse zum Projektionsraum.

"Was ist hier passiert?" fragte Colonel Mercedes Santos, die Sicherheitsbeauftragte und Stationsärztin.

Beide waren aufgrund einer Warnmeldung des Hauptcomputers in den Block B der Mondstation gewechselt. Der Computer hatte zuvor ein Feuer registriert, die Vakuum-Löschung eingeleitet und die Besatzung informiert.

"Ist das Sunil?" fragte der Kommandant.

Die Ärztin beugte sich über die Leiche, betastete sie vorsichtig und sagte dann "sieht so aus... Er muss sich im Projektionsraum befunden haben, als der Shuttle gestartet ist."

„Aber wieso hat die Automatik Sunil nicht registriert und den Startvorgang blockiert?“ sagte Theodor, mehr als Feststellung denn als Frage, zu Mercedes.

Er richtete sich nun an den Stationscomputer, der über in Wandpanelen integrierte Mikrofone und Lautsprecher überall zum Dialog bereitstand.

„IGOR, weshalb wurde Sunil im Projektionsraum nicht früher entdeckt? Sind die Sensoren defekt?“

Die Antwort kam augenblicklich: „Meine Systeme zeigen volle Funktionsfähigkeit. Kuruma überprüft bereits die Sensoren.“

Kuruma war der Roboter der Station. Wie der Stationscomputer war auch Kuruma mit simulierter Intelligenz versehen. Im frühen 21 Jahrhundert sprachen Kybernetiker noch von künstlicher Intelligenz. Man ging davon aus, dass die KI den Menschen in diesem Jahrhundert ein- und überholen würde. Doch die KI verlor das Wettrennen mit der Biotechnologie. Künstliche Intelligenz war nun ein Begriff der auf gezüchtete Lebewesen angewandt wurde.

Es stellte sich heraus, dass diese künstlichen Intelligenzen viel flexibler konfigurierbar und vor allem viel günstiger herzustellen waren als ihre elektronische Konkurrenz. Nur in wenigen Ländern der Erde wurde die Robotik weiter verfolgt. Kuruma war ein Produkt der Firma Sony-Nintendo Space Technologies. Sein Name war das Japanische Wort für Automobil. Der Stationsingenieur Dr. Koji Watanabe hatte ihm diesen Namen gegeben, weil der Roboter sich auf vier Rädern fortbewegte.

Tatsächlich öffnete sich, kaum dass der Zentralcomputer IGOR seinen Satz beendet hatte, die Schleuse zur Gyrotron-Kammer. Ein gelber Wagen, etwa ein Meter hoch und breit rollte auf Mercedes und Theodor zu.

„Ohayo Gozaimasu!“ begrüßte die Maschine fröhlich die beiden Offiziere auf Japanisch, während Kanji und Kana Zeichen über ein Display an ihrer Front rollten.

Nun meldete sich IGOR erneut zu Wort. „Die Untersuchung und Reparatur durch Kuruma ist abgeschlossen. Funktionsfähigkeit der Überwachungssysteme ist wiederhergestellt.“

Nach kaum merklicher Pause fügte IGOR hinzu: „Ich habe die Daten von Kuruma ausgewertet. Alles deutet auf einen Hardwaredefekt aufgrund der Gamma-Strahlung hin. Eine Ermüdungserscheinung. Die Systeme sind zwar mehrfach redundant abgesichert, aber vollständig ausschließen lässt sich ein derartiges Versagen nie.“

Der Kommandant seufzte verzweifelt. „Danke IGOR!“ sagte er um die Sache abzuschließen. Er wandte sich zum Gehen, um einen Unfall-Bericht für die Erde zu verfassen, als der Stationscomputer sich erneut zu Wort meldete.

„Ich habe soeben noch eine weitere Möglichkeit berechnet. Es könnte sich auch um geschickte Manipulation handeln. Dann wäre es kein Unfall, sondern Mord!“

 * * *

Die Luke zur Luftschleuse öffnete sich nachdem das Lebenserhaltungssystem ein Druckgleichgewicht hergestellt hatte. Der zuvor angekündigte Polizist stand alleine im runden Zugangsschacht. Seine schmucklose weiße Uniform, von schlichtem doch stilvollem Schnittmuster, hob sich kaum von seiner hellen Haut und dem bis auf die Augenbrauen haarlos erscheinenden Gesicht ab. Seine androgynen Gesichtszüge standen scheinbar im Widerspruch zu seinem athletisch wirkenden Körper. Er war ein genetisch aufgewerteter Mensch, hoch spezialisiert auf seine ihm zugedachte Aufgabe. Die Hände hinter dem Rücken gefaltet, betrat er den Eingangskorridor der Station und betrachtete aus aufmerksam wirkenden eisgrauen Augen nacheinander die versammelten Besatzungsmitglieder.

"Guten Tag" sagte er schließlich.

"Willkommen auf La Navidad, Herr Regierungsoberinspektor." begrüßte der Kommandant den Polizisten.

Dieser nickte kurz und sagte dann monoton: "Kommen wir direkt zur Sache. Ich möchte sobald wie möglich wieder abreisen. Ich werde alle Anwesenden der Reihe nach befragen. Nach der Befragung steht der Täter fest."

Der Kommandant nickte ebenfalls. Nach allem was er über genetisch aufgewertete Menschen wusste, war die Aussage des Polizisten nicht übertrieben. Die genetische Aufwertung, bei der Menschen im Labor herangezüchtet wurden, die körperlich und geistig den natürlichen Menschen haushoch überlegen sind, wurde kurz nach ihrer Einführung, Mitte des 21. Jahrhunderts, weltweit unter hohe Auflagen gestellt. Die eingesessenen Machthaber der Spezies Homo Sapiens befürchteten persönlichen Machtverlust in Form ihrer Verdrängung durch den Homo Superior.

Der Oberinspektor schaute erneut in die Runde, dann gab er allen die Anweisung zu warten und zog sich mit dem Kommandanten in die schalldichte Luftschleuse zurück. „Erzählen Sie mir Kommandant, was ist Ihre Aufgabe auf dieser Station?“ begann der Polizist.

„Ich bin zuständig für den reibungsfreien Ablauf sowohl der Forschungsaufträge, als auch der Regolith-Gewinnung und Prozessierung.“ antwortete der Kommandant.

„Was machen sie denn mit dem Regolith?“ fragte der Polizist weiter.

Der Kommandant kam sich auf den Arm genommen vor. Das war eine Frage, die jedes interessierte Schulkind hätte beantworten können.

„Wir erhitzen das Mondgestein und extrahieren zunächst die Helium-3 Isotope für die Fusionskraftwerke. Dann erhitzen wir weiter und setzen den im Gestein gebundenen Sauerstoff frei. Den Sauerstoff verwenden wir für den Stationsbetrieb und alsTreibstoff für den Shuttle. Abschließend trennen wir aus der Schlacke mittels Elektrolyse noch Titan und Aluminium als Baumaterial.“

„Aha, sehr interessant!“ kommentierte der Polizist. „Erzählen Sie mir bitte mehr über den Shuttle-Betrieb!“

Der Kommandant glaubte nun zu wissen worauf der Polizist hinaus wollte. Schließlich war es ein Vorfall beim Shuttle-Betrieb gewesen, bei dem Sunil ums Leben kam. Doch die Details mussten dem Oberinspektor eigentlich bekannt sein.

„Wieso fragen Sie mich das alles? Sie kennen doch den technischen Hintergrund, nehme ich an…“.

„Selbstverständlich!“ entgegnete der Polizist. „Es geht auch nicht so sehr darum was Sieantworten, sondern wie Sie es tun. Aber bitte überlassen Sie die Befragungsstrategie mir. Tun Sie einfach so, als ob ich die Antworten nicht kennen würde. Fahren Sie fort!“

Der Kommandant erklärte nun im Detail die Transportarchitektur, die es erlaubte die verschiedenen Mondstationen zu versorgen und das geerntete Helium-3 zur Erde zu bringen. Der Transport von der Erde zur Erdumlaufbahn wurde über Weltraumaufzüge durchgeführt. Von der Endstation des Aufzugs, einer Raumstation im Geostationären Orbit zu der Zwischenstation im Mondorbit wurden Fahrzeuge mit treibstoffeffizienten elektrischen Antrieben verwendet. Der Transport vom Mondorbit zur Oberfläche und umgekehrt erfolgte über so genannte Beamed-Energy-Propulsion-Shuttle. Diese Shuttle-Fahrzeuge verwendeten den Sauerstoff, der aus dem Mondgestein gewonnen wurde, als Treibstoff. Der Sauerstoff diente aber nicht wie in altmodischen chemischen Raketenantrieben als Oxidator, sondern als Antriebsmedium. Das Shuttle-Fahrzeug bestand zu einem großen Teil aus einem Wärmetauscher, der von hochenergetischen Mikrowellen aufgeheizt wurde und diese Wärme an den Sauerstoff abgab. Der strömte dann durch eine Düse und trieb das Fahrzeug an.

Nachdem der Oberinspektor sich ausführlich die technischen Details der Station hatte erklären lassen, bat er, ohne eine weitere Erklärung abzugeben den Kommandanten zu gehen und begann mit der Befragung des Ersten Offiziers. Die Amerikanerin war aufgrund der Beteiligung ihres Landes an der hauptsächlich europäisch finanzierten und entwickelten Internationalen Mond-Station an Bord. Die multilateralen Abkommen ermöglichten es auch kleineren Nationen, wie der ihren, am Raumfahrtgeschehen teilzuhaben. Mit dem gleichen Hintergrund waren auch Sunil aus Indien und Koji aus Japan an Bord gekommen.

Der Inspektor befragte Mercedes ausführlich zu den internationalen Zusammenhängen und den Bestrebungen der großen Machtblöcke auf dem Mond Territorium zu gewinnen. Sie erklärte ihm den Wert des Helium-3 Isotops als saubere Energiequelle und der zugehörigen Schürfrechte. Diese standen nach dem von allen Machtblöcken anerkanntem Mondrecht den Betreibern einer Mondstation im Umkreis von 100 km um die Station zu. Die Mondpole waren, seit die Fusionskraftwerke der zweiten Generation ans Netz gegangen waren, zum kostbarsten Immobilienbesitz des Sonnensystems geworden.

Anschließend befragte der Polizist die verbleibenden Besatzungsmitglieder: Bordingenieur Dr. Koji Watanabe, Hydroponiker Dr. Tony DeVille, Astrophysiker und Astronom Dr. Michael Richards, IT-Beauftragter Umberto Caro und den stellvertretenden Stationsarzt und Ingenieur Ambrosius van den Bergh. Als die letzte Befragung beendet war, wirkten die Züge des Polizisten sehr angespannt. Trotz seiner erhöhten Selbstdisziplin konnte man ihm deutlich ansehen, dass er keine offensichtliche Lösung gefunden hatte.

Einige Stunden später, kurz bevor der Stationsbetrieb für die „Nacht-Phase“ umschaltete, betrat der Regierungsoberinspektor das Büro des Kommandanten.

„Der Täter lässt sich nicht ermitteln. Für mich bedeutet das, dass sich entweder ein Unfall ereignet hat, oder weitere Personen an Bord sind.“

Der Kommandant hörte dem Polizisten schweigend zu. Er fuhr mit seiner Zunge an seinen Backen-Zähnen entlang. Das tat er immer wenn er über ein Problem nachdachte.

Der Polizist fuhr nach einiger Zeit fort. „Ich hatte auch nicht erwartet, dass Sie jetzt etwas beitragen würden. Ich werde noch die beiden verbleibenden Besatzungsmitglieder befragen: Ihren Stationscomputer und den Roboter.“ Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Büro.

„Tun Sie das. Ich lege mich jetzt schlafen!“ Sagte Theodor, und schüttelte den Kopf, nachdem der Inspektor das Büro schon verlassen hatte.

Am nächsten „Morgen“ fanden sich die Besatzungsmitglieder wie üblich in der Messe ein. Tag- und Nachtbetrieb verlief auf der Station in einem Rhythmus, der an die Kontrollstation des Raumhafens Düsseldorf-Lohausen angepasst war. Die Mondstation La Navidad befand sich am Mondnordpol, nahe des Bergs des Ewigen Lichts. In dieser Region war fast immer die Sonne sichtbar. Zum Frühstück gab es Laugenbrötchen mit Bockwurst.

„Kein Salat?“ fragte Theodor den Botaniker Tony DeVille. Der Hydroponik-Experte war für den Anbau von Obst und Gemüse im Glashaus-Modul zuständig.

Tony lächelte verlegen und zuckte dann mit den Achseln. „Die Salat-Ernte war wegen der jüngsten Sonneneruption recht schlecht“.

Genau genommen hatte die Besatzung in letzter Zeit oft genug Salat bekommen und die meisten waren froh über die Abwechselung.

„Wo ist eigentlich unser Gast?“ fragte Koji Watanabe kauend.

„Tatsächlich, IGOR, wo ist der Oberinspektor?“ wiederholte Theodor die Frage.

Keine Antwort.

„IGOR?“

Stille.

„Liegt wohl am Sonnsturm, ich werde mal zur Zentrale gehen.“ sagte der Kommandant.

In der Zentrale angekommen bot sich ihm ein erschreckendes Bild. Der Stationscomputer war offensichtlich zerstört worden. Zum Glück für die Besatzungsmitglieder wurden Lebenserhaltungssysteme und andere periphere Systeme redundant von autonomer Elektronik gesteuert. Schlimmer als der Verlust des Zentralcomputers war allerdings, dass Kuruma und der Inspektor sich anscheinend im Zweikampf gegenseitig getötet hatten.

Theodor fluchte lautstark. Dann rief er: „Koji und Mercedes sofort zur Zentrale!“

Die Bordsprechanlage funktionierte einwandfrei und der Bordingenieur und die Ärztin waren nach wenigen Minuten zur Stelle. Der etwas dickliche Japaner war leicht außer Atem. Der Amerikanerin, Colonel der US Marines, war der Lauf durch die Station nicht anzumerken.

„Die Station muss evakuiert werden.“ sagte Mercedes nach einer Weile. „Du meinst §15, bei einem Verstoß gegen das erste Roboter-Gesetz... und so weiter?“

Sie nickte. Koji schaute beide mit weit aufgerissenen Augen an. „Kuruma hat das bestimmt nicht getan!“ sagte er empört.

„Und wenn nicht? Dann müsste man aufgrund der ungeklärten Vorkommnisse und des Ausfalls von IGOR aus Sicherheitsgründen die Station ebenfalls evakuieren!“ sagte Mercedes in einem harten Ton.

„Jeder bleibt bis auf weiteres in seiner Kabine! Ich kläre die Situation mit der Bodenkontrolle.“ sagte der Kommandant schließlich.

Er wandte sich an Koji, der die Zentrale gerade verlassen wollte. "Nimm bitte Kuruma mit und schau, ob du an den Datenspeicher kommen kannst".

Nachdem die beiden Besatzungsmitglieder die Zentrale verlassen hatten verriegelte der Kommandant die Tür und setzte sich mit der Erde in Verbindung.

* * *

Fünf Stunden später, nachdem die Verantwortlichen auf der Erde eine Entscheidung gefällt hatten, informierte der Kommandant die Besatzung über die Sprechanlage.

"Achtung, Achtung, hier spricht der Kommandant. Die Bodenkontrolle hat mit sofortiger Wirkung. Evakuierungsbefehl Stufe C verhängt. Die Besatzungsmitglieder Caro, DeVille, und Richards benutzen den Shuttle. Besatzungsmitglieder Watanabe, Santos und van den Bergh benutzen die Rettungskapsel A. Viel Glück!"

Für den Kommandanten verblieb Kapsel B. Er würde sie jedoch gemäß Befehl nur im Notfall benutzen. Er musste an Bord verbleiben um den Status einer bemannten Station aufrecht zu erhalten. Nachdem er den Befehl verkündet hatte, begab er sich zur Rampe der Kapsel A um sich zu verabschieden. Er drückte van den Bergh und Watanabe freundschaftlich die Hand und umarmte Mercedes.

Kurz nachdem die innere Schleuse geschlossen war startete die Rettungskapsel. Aus Sicherheitsgründen verwendete dieses Fahrzeug anders als das Shuttle einen chemischen Raketenantrieb. Die Verbrennungsmotoren zündeten und hoben das Fahrzeug an. Die Kapsel nahm ihren Kurs in Richtung der orbitalen Mondstation auf.

Die Rettungskapsel entfernte sich schnell und wurde bald zu einem kleinen Punkt am Sternen-Himmel. Theodor drehte sich um und schaute durch das Panzerglasfenster auf der gegenüberliegenden Seite des Korridors. Hier konnte er den Start des Shuttles mit der restlichen Besatzung beobachten. Die Unterseite des Fahrzeugs, die als Wärmetauscher fungierte, leuchtete rot unter der durch die Mikrowellenbestrahlung entstehenden Hitze. In wenigen Minuten würde auch dieses Fahrzeug die Mond-Orbitalstation erreichen. Doch dann setzte die Beschleunigung des Shuttles aus. Theodor schaute sich um. Die Beleuchtung des Korridors und sämtliche Bildschirme waren ausgefallen. Offenbar waren sowohl die Solarstromanlage, als auch der Notreaktor gleichzeitig ausgefallen. Die Wahrscheinlichkeit für eine derartige Katastrophe war verschwindend gering und dennoch es war geschehen.

Das Shuttle, das nun nicht mehr von den Gyrotronen der Station mit Energie versorgt wurde, stürzte antriebslos in einer perfekten ballistischen Kurve dem Mondhorizont entgegen.

Theodor spürte Panik aufkommen. Was konnte er tun? Da wurde ihm ein weiteres Problem bewusst. Ohne Stromversorgung funktionierten auch die Lebenserhaltungssysteme nicht. Durch das Ausschleusen von Shuttle und Rettungskapsel war viel Atemluft entwichen. Sie würde ihm bald ausgehen.

Er marschierte in Richtung der EVA-Schleuse. Dort befanden sich Raumanzüge für die Außenarbeiten der Besatzung. Diese verfügten über autonome Lebenserhaltungssysteme. Sein Atem ging schwer. Er fühlte sich wie betrunken und Kopfschmerzen stellten sich ein. So schnell? Fragte er sich. Eigentlich hätte die Luft in der Station noch für Stunden reichen sollen. Er schleppte sich mühsam durch das Schott der EVA-Schleuse. Wahrscheinlich gibt es ein Leck dachte er und je mehr er darüber nachdachte, desto lustiger fand er die ganz Situation. Schließlich saß er lachend am Boden, dann wurde er aufgrund des Sauerstoffmangels ohnmächtig.

Laute Heavy-Metal-Musik riss ihn aus den Alpträumen, in die er verfallen war. Er öffnete die Augen und sah, dass er in einem Raumanzug steckte. Die Musik verstummte. Theodor atmete tief durch. Die abgestandene Luft aus den Flaschen des Raumanzugs fühlte sich so gut an, wie es noch nie zuvor in seinem Leben ein Atemzug frischer Luft getan hatte. In seinem Gesichtsfeld tauchte ein viereckiger Metallkopf mit großen Kameraobjektiven auf.

"Daijobu? ... Alles OK?" fragte Kuruma über Funk.

"Wieso bist du intakt?" fragte Theodor zurück. Er betrachtete den Roboter. Die Beschädigungen, die er am Roboter gesehen hatte, als er ihn in der Zentrale fand waren immer noch vorhanden.

"Sensei hat mich provisorisch repariert" erklärte Kuruma. "Ich war im Standbymodus und lud über Netzteil auf. Als von der Zentrale die Energieversorgung desaktiviert wurde, sind meine Systeme automatisch wieder hochgefahren. Aufgrund meiner Programmierung hatte die Suche nach in Gefahr geratenen Menschen, wie Ihnen, höchste Priorität."

Theodor lächelte "Gutes Programm!" kommentierte er die Worte des Roboters. "Aber was ist mit dir und dem Inspektor passiert?"

"Gomen Nasai! Leider habe ich es nicht genau mitbekommen können. Ich wurde durch einen starken Stromschlag deaktiviert, während der Inspektor mit einem anderen Menschen kämpfte."

"Lass uns zur Zentrale gehen und nachschauen was den Stromausfall ausgelöst hat!" Sagte Theodor und stand langsam auf.

Moderne Raumanzüge erlaubten eine freie Bewegung, beinahe so, als ob man normale Straßenkleidung tragen würde. Der Kommandant ging nicht direkt zur Zentrale. Er machte einen Umweg über die Stationswerkstatt. Er schaute sich kurz um nach Werkzeugen die man als Waffe verwenden könnte und entschied sich für eine Plasma-Schweißfackel.

"Kommandant, ich empfange einen Funkspruch auf Frequenzband 12!" meldete Kuruma.

Theodor stellte sein Funkgerät auf die Frequenz.

"... hier Mondexpedition Guangdong, wir kommen Ihnen zu Hilfe. Achtung Mondstation La Navidad, hier Mondexpedition..."

Der Funkspruch wiederholte sich mehrere Male. Inzwischen hatten Theodor und Kuruma die Zentrale erreicht. Vorsichtig öffnete der Kommandant die Tür. Dort vor ihm, über die Konsole gebeugt, lag die Leiche des Hydroponik-Experten. Schlagartig wurde Theodor klar, was passiert war. Eine unbemannte Station verlor den Territorialen Anspruch. Das würde bedeuten, dass einem anderen Machtblock die Schürfrechte an den Helium-3-Vorkommen zufallen würden.

Der Hydroponiker hatte seinen Start an Bord des Shuttles vorgetäuscht. Er hatte die anderen beiden Shuttle-Insassen entweder betäubt oder getötet. Anschließend war er zur Zentrale gegangen und hatte von dort die Stromversorgung unterbrochen und die Luft evakuiert, um die verbleibenden beiden Besatzungsmitglieder, den Kommandanten und sich selbst, zu töten.

Kuruma, der die Situation ebenfalls aufnahm und analysierte, führte die Gedanken des Kommandanten fort. "Der Hydroponiker muss ein genetisch aufgewerteter Mensch gewesen sein. Nur so konnte er den Inspektor täuschen."

"Ja, Kuruma. Der einzige Fehler, den er gemacht hat, war die Simulierte Intelligenz zu unterschätzen..."

Er zwinkerte dem Roboter zu, dann betätigte er die Funkanlage und meldete sich auf allen Frequenzen „Hier spricht Kommandant Theodor Koenig von der Internationalen Mondstation La Navidad. Wir benötigen keine Hilfe. Situation unter Kontrolle!“

Die Antwort ließ lange auf sich warten, aber schließlich bestätigte eine Stimme mit hörbar gestellter Freundlichkeit: „Hier Mondexpedition Guangdong. Wir freuen uns, dass es Ihnen gut geht. Auf Wiedersehen!“

Theodor schaute hinüber zu Kuruma. Dann lachte er. „Ist schon merkwürdig. Mein Großvater erzählte mir oft: Der Mörder ist immer der Gärtner“.

Die Kamera des Roboters schaute den Kommandanten an. „Nandaro…“ sagte der Roboter verwirrt auf Japanisch und fügte dann hinzu „Ich vermute das ist menschlicher Humor…“

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