Header

Gagarin in Schweden; Wikipedia / Arkiv: SydsvenskanVor mehr als 40 Jahren, am 12. April 1961, überraschte die damalige Sowjetunion die gesamte Welt, indem sie einen Mann mit einer Rakete in die Erdumlaufbahn brachte, ihn einmal um die Erde kreisen ließ und sicher wieder in Siberien zur Erde zurückbrachte.

Dieser Mann war Juri Gagarin, ein 27-jähriger Major der sowjetischen Luftwaffe, der sich zuvor als Testpilot und auch während der Kosmonautenausbildung ausgezeichnet hatte. So hatte er unter anderem 13 g in der Zentrifuge überstanden, somit das 13-fache seines Körpergewichtes ertragen, und als Teil des psychologischen Trainings 24 Stunden in einer absolut dunklen und stillen Isolationskammer verbracht.

Am 12. April 1961, um 9:07 Moskauer Zeit startete Juri Gagarin an Bord einer Vostok-1 Raumkapsel (russ. für "Osten") von Baikonur, dem russ. Raumfahrtzentrum. 108 Minuten später war er wieder zurück, wobei der Erdumlauf exakt 89 Minuten 34 Sekunden gedauert hatte, mit einer maximalen Höhe von 327 km. Während dieser eineinhalb Stunden genoß Gagarin vor allem zwei Dinge: die Schwerelosigkeit und die Aussicht auf die Erde. Speziell der Anblick des Horizonts, dort wo die blau leuchtende Erdatmosphäre in den schwarzen Weltraum übergeht hatte es ihm angetan. Während Gagarin die Aussicht genoß und einige Übungen durchführte, überprüften die Flugingenieure und Mediziner jede seiner Reaktionen. Weil man besorgt war, daß ein Mensch in unvorhersehbarer Weise auf die Startbelastungen und die anschließende Schwerelosigkeit reagieren würde, wurde der Flug vollautomatisch durchgeführt, Gagarin selbst hatte daher keinen Einfluß auf den Kurs seines Raumschiffs. Da allerdings auch automatische Systeme nicht unfehlbar sind, gab es einen Briefumschlag an Bord von Vostok-1. Dieser enthielt einen Schlüssel mit dessen Hilfe Gagarin die Kontrolle über sein Raumschiff übernehmen konnte. Zusätzlich hatten die Flugingenieure die Raumkapsel mit einer großzügigen Ration an Sauerstoff, Wasser und Lebensmitteln ausgestattet, die für zehn Tage ausreichen würde. Dies war eine weitere Sicherheitsmaßnahme für den Fall, daß das Bremstraketensystem versagen würde. In diesem Fall hätte Gagarin "einfach nur einige Tage warten müssen", bis die Erdatmosphäre die Geschwindigkeit und Höhe der Vostok-1 genügend reduziert hätte, woraufhin das Raumschiff von selbst zur Erde zurückgekehrt wäre.

Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen war die Zündung des Bremsraketensystems einer der kritischten Augenblicke der Mission (sieht man einmal vom Start ab), waren doch zwei von fünf Testflügen schiefgegangen, weil das Bremsraketensystem versagt hatte. Deswegen war um 10:15 Hochspannung im Missionskontrollzentrum angesagt, denn zu diesem Zeitpunkt sollte der Autopilot Vostok-1 in die richtige Lage drehen und die Bremsraketen zünden. Dieses Mal klappte es und das Raumschiff tauchte auf der vorherbestimmten Flubahn in die Erdatmosphäre ein. Hatte Gagarin eine Beschleunigung von 5 g während seines Aufstieges ertragen müssen, so wurde er jetzt noch mehr gefordert. Vostok-1 bestand aus zwei Teilen, der eigentlichen Kapsel, in der der Kosmonaut lag, und einem Versorgungsteil, welcher das Bremsraketensystem und verschiedenste andere Systeme enthielt. Beim Wiedereintritt sollten sich die beiden Teile voneinander trennen und der Vorsorgungsteil, der kein Hitzeschild aufwies, würde dabei verbrennen. Unglücklicherweise jedoch hielt eine nicht gekappte Versorgungsleitung die beiden Teile aneinander gekettet, die in weiterer Folge zu taumeln begannen. Bei einer Taumelrate von 30° pro Sekunde, mußte Gagarin eine Beschleunigung von 10 g ertragen, die erst dann beendet wurde, als die Versorgungsleitung durchgebrannt war und sich die beiden Teile voneinander lösen konnten.

Endlich frei von dieser unvorhergesehenen Belastung, stand der nächste kritische Augenblick unmittelbar bevor. Da die Sowjets eine Landung auf dem Land der einer Wasserung vorzogen, was sich schon alleine durch die geopolitische Lage der UdSSR ergab, mußte die Aufsetzgeschwindigkeit einer Raumkapsel auf sehr geringe Werte reduziert werden, damit der Kosmonaut den "sanften" Aufschlag der Kapsel unbeschadet überleben konnte.

Da Vostok-1 den Konstrukteuren allerdings ein "bißchen zu schwer" geraten war - die Fallschirme hätten den Aufprall niemals in akzeptablen Grenzen halten können - mußte Juri Gagarin die Kapsel mit dem Schleudersitz verlassen. Bei 7000 Metern Höhe war es soweit, Gagarin wurde auf einer Art Schiene aus der Kapsel geschleudert und landete einige Minuten später sicher und wohlbehalten in der Nähe von Saratov.

Die Neuigkeit ging wie ein Lauffeuer um die Welt: "Die Russen hatten einen Mann in den Weltraum gebracht" - Wasser auf die Mühlen der sowjetischen Propagandamaschine! Daß Gagarin mit einem Schleudersitz und Fallschirm sicher zur Erde zurückgelangt war, wurde wohlweißlich verschwiegen, denn nach den internationalen Regeln für Luftfahrtrekorde muß ein Pilot vom Start bis zur Landung an Bord seines Luftfahrzeuges bleiben, mit dem Schleudersitz auszusteigen gilt also nicht! So gesehen wäre der Amerikaner Alan B. Shepard der erste Mensch im Weltraum gewesen, er machte seinen suborbitalen Flug am 5. Mai 1961, ungefähr drei Wochen nach dem von Juri Gagarin.

Juri Gagarins Leistung bleibt natürlich bestehen, denn trotz dieser kleinen "juristischen Unzulänglichkeit" war er doch der erste Mensch der die Erde aus dem All erblickte, die Sowjets nannten ihn auch dementsprechend den "Columbus des Kosmos".

Juri Gagarin selbst wird die vielfältigen Ehrungen durch sein Heimatland wohl in zwiespältiger Weise aufgenommen haben. Er hatte wohl die höchste Auszeichnung seines Landes erfahren ("Held der Sowjetunion"), aber gleichzeitig damit jegliche Hoffnung auf eine Rückkehr in den Weltraum begraben müssen. Schließlich war er zum Symbol der UdSSR in Sachen Weltraumfahrt geworden und das Risiko dieses Symbol durch ein Weltraumunglück zu verlieren hätte die sowjetische Propaganda niemals in Kauf genommen. Er war somit der wohl berühmteste Pilot/Kosmonaut seiner Zeit, aber aufgrund der Politk regelrecht an die Erde angekettet.

Daß er am 27. März 1968, bei einem Trainingsflug mit einer MiG-15 ums Leben gekommen ist, kann man deshalb, in einem Anflug von schwarzen Humor, wohl als Ironie des Schicksals bezeichnen.

NeO