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Charles Bolden und Elon MuskDie Chancen stehen gut, dass am kommenden Montagmorgen um 1:34 Uhr mitteleuropäischer Zeit SpaceX seine Falcon 9/Dragon-Kombi zur ersten regulären kommerziellen Versorgungsmission für die Internationale Raumstation entsendet. Bei der akronym-verliebten NASA trägt die Mission die ziemlich "spacige" Bezeichnung SpX-1. Geht alles glatt, wird der Flug deutlich weniger öffentliches Interesse finden als die Testmission, die zwischen dem 22. und 31. Mai dieses Jahres so verblüffend erfolgreich abgewickelt wurde. Geht es schief, wird die große Stunde all derer schlagen, die es schon immer gewusst haben.

Die Vorbereitungen für SpX-1 sind in den letzten Wochen auffallend ruhig und problemlos verlaufen. Der vor Monaten angekündigte Starttermin stand nie in Frage. Letzten Samstag ist eine Probezündung der Erststufentriebwerke wie geplant stattgefunden und alles sieht so aus, als könnte SpaceX das nur wenige Minuten lange Startfenster am Morgen des 8. Oktober wahrnehmen, passendes Wetter einmal vorausgesetzt.

Vorbereitung von Dragon und FalconSollte auch diese Mission zumindest halbwegs ordentlich verlaufen, dann wird wahrscheinlich für den Februar SpX-2 angesetzt. Klappt auch das, hätte das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt einen Träger mit einer Flughistorie von fünf erfolgreichen Starts zur Verfügung. In der Regel sind nach fünf Missionen die meisten technischen Unregelmäßigkeiten ausgemerzt. Was danach kommt, sind meistens  Probleme, die mit dem Hochfahren der Fertigung zu tun haben.

Private und institutionelle Kunden setzen in der Zwischenzeit offenbar fast bedingungslos auf den Newcomer. Galt er bis vor etwa drei Jahren in der Szene noch als Lachnummer, scheint man Elon Musk, dem Inhaber und CEO von SpaceX, in der Zwischenzeit alles zuzutrauen. Was neben seinen bisherigen Erfolgen vor allem dem Umstand geschuldet ist, dass seine Preise unschlagbar niedrig sind. Selbst russische und chinesische Träger sind teurer.

Elon Musk und Charlie BoldenNoch nie in der Geschichte der kommerziellen Raumfahrt (von der Privaten ganz zu schweigen) hat ein Träger, der sowenig Flughistorie hat wie der Falcon, ein solch gewaltiges Startmanifest aufbauen können. Im Prinzip ist Elon Musk bis 2018 ausgebucht. Neue Aufträge kann er nur deshalb annehmen, weil er seine Produktionszahlen laufend nach oben korrigiert. Kein anderer Träger, sei es die Proton, die Ariane, die Zenit, die Atlas 5 oder die Delta 4 haben auch nur ansatzweise einen Auftragsrückstau wie die Falcon 9. Vom totalen Misstrauen noch vor ein paar Jahren ist die Entwicklung vollständig ins andere Extrem umgeschlagen.

An der Stelle kommt ein Umstand ins Spiel, den sich Musks Auftraggeber womöglich noch gar nicht so richtig angesehen haben, denn Fakt ist: SpaceX hat die Produktion der Falcon 9 bereits wieder eingestellt. Das Unternehmen hat nicht mehr als sechs Einheiten dieses Trägers gebaut. Nummer vier steht derzeit in Cap Canaveral auf der Rampe und die Nummern fünf und sechs befinden sich fertig produziert in Hawthorne in Kalifornien. Nummer fünf wird in wenigen Monaten starten, die Nummer sechs im Jahre 2014. Danach endet die Geschichte der Falcon 9.

Falcon-StartvorbereitungDoch keine Angst, Elon Musk denkt gar nicht daran, wieder aus dem Raumfahrtgeschäft auszusteigen. Das Gegenteil ist der Fall. Irgendwann im zweiten Quartal des nächsten Jahres startet nämlich die Falcon 9 1.1. zu ihrem Jungfernflug. Die Bezeichnung soll den Eindruck erwecken, dass es sich um eine geringfügige Modifikation des bestehenden Produktes handelt. Tatsächlich aber ist es eine komplett neue Rakete.

Sie ist 16 Meter länger als die bisherige Falcon 9 und über 120 Tonnen schwerer. Sie ist strukturell anders aufgebaut, die Triebwerksanordnung und damit das gesamte Leitungssystem ist unterschiedlich. Die Rakete hat eine ganz andere Nutzlastverkleidung und das wichtigste: praktisch komplett neue Triebwerke, die mittels neuer Fertigungsverfahren gebaut werden. Bei denen man übrigens auch über den Namen den Eindruck einer lediglich unbedeutenden Modifikation erwecken will, denn sie heißen jetzt nicht mehr "Merlin 1C" sondern "Merlin 1D". Ihre Schubleistung (800 Kilonewton auf Meereshöhe) ist jetzt um 50 Prozent höher und reicht schon langsam an das Ariane 5-Erststufentriebwerk heran. Dieser neue Träger wird dann in der Lage sein, etwa fünf Tonnen Nutzlast in einen geostationären Transferorbit und etwa 13 Tonnen auf eine niedrige Erdumlaufbahn zu bringen.

Falcon-StartvorbereitungTests neuer Triebwerke finden in der traditionellen Raumfahrtindustrie stets Jahre vor dem Erstflug eines Trägers statt. Als Beispiel sei hier die Ariane 5 genannt. Für die neue Version ME wird eine verbesserte Oberstufe mit neuem Triebwerk entwickelt, das den Namen VINCI trägt. Dieses Triebwerk wird schon seit einer Weile auf dem Prüfstand getestet. Der Erstflug mit dem neuen Motor wird aber nicht vor 2017 erfolgen.

Musk dagegen begann erst vor wenigen Monaten mit den Tests des Merlin 1D. In einem guten halben Jahr soll es ausgereift sein. Zu diesem Zeitpunkt muss er dann auch schon eine Reihe von Einheiten produziert haben, was bedeutet, dass die Serienfertigung dafür parallel zu den Tests bereits angelaufen sein muss. Auch die Produktion des neuen Trägers muss dann begonnen haben, anders geht es gar nicht, will er eine realistische Chance haben, sein Startmanifest abzuarbeiten. Sollten sich aus den Tests Änderungsanforderungen ergeben, dann muss Musk das nachträglich entweder in die bereits produzierten Serieneinheiten einbauen oder sie wegwerfen und neue anfertigen. Ein Vorgehen, wie man es sonst nur in Krisen- oder Kriegszeiten kennt und wie es die - damals stark militärisch geprägte - Raumfahrtindustrie zuletzt in den 60iger Jahren praktizierte.

Will Elon Musk sein Startmanifest bewältigen bräuchte er allein im nächsten Jahr 45 Stück seiner neuen Triebwerke. Zum Vergleich: Für die Ariane 5 werden derzeit jährlich etwa sieben Triebwerke gefertigt.

Falcon 9 auf der StartrampeGanz nebenbei wird dieser neue Träger seine erste Mission auch noch von einer komplett neuen Startrampe auf einem neuen Startgelände beginnen. Die befindet sich auf der Luftwaffenbasis Vandenberg in Kalifornien. Und von dort geht es zusätzlich erstmals in der Firmengeschichte von SpaceX auf eine polare Umlaufbahn. Und gleich beim Erstflug mit einem zahlenden Kunden an Bord, nämlich dem kanadischen Umweltforschungssatelliten Cassiope.

Das ist alles recht mutig, denn eines muss man im Hinterkopf behalten: Historisch gesehen häufen sich Fehlstarts in den ersten etwa 15 Missionen komplett neu entwickelter Träger. Nehmen wir auch hier die Ariane 5 als Beispiel. Sie hat bisher 65 Flüge absolviert. Die Missionen 1, 2, 10 und 14 waren Fehlschläge (wobei man die Mission Nr. 2 als Teilerfolg werten kann). Erst danach waren die Kinderkrankheiten ausgeräumt. Seit nunmehr 51 Flügen ist die Ariane 5 in ununterbrochener Folge fehlerfrei unterwegs.

Derlei historische Erkenntnisse sind für Elon Musk keine allzeit gültigen Wahrheiten. Er denkt überhaupt nicht daran, sich auf die sichere Seite zurückzuziehen und fährt mit SpaceX weiterhin volles Risiko. Das Unternehmen finanziert sich aus seinem steilen Aufstieg. Die Dynamik und Innovationskraft von SpaceX könnte aber durch einen oder zwei Fehlschläge schnell ins Stocken kommen. Und sollte das Unternehmen straucheln, dann ist eines sicher: Die Geier, in Form von Lockheed und Boeing, warten schon. Sie werden sich dann die besten Stücke sichern und der Rest wird auf der Müllhalde der Raumfahrtgeschichte verrotten.

Sollte das passieren, wäre die Raumfahrtwelt wieder wie zuvor. Und das wäre ausgesprochen schade.

Astra