Header

Augustines Erkenntnisse In wenigen Tagen wird das Review of United States Human Space Flight Plans Committee unter der Leitung von Norman Augustine seinen mit Spannung erwarteten Bericht veröffentlichen. Von diesem Dokument hängt nicht weniger als die Zukunft der bemannten Raumfahrt in den Vereinigten Staaten ab.  In einer vierteiligen Reihe informieren wir Sie heute und in den kommenden Tagen über Hintergründe, (wahrscheinliche) Inhalte und Konsequenzen aus diesem Papier. Eines aber steht jetzt schon fest: Seine Ergebnisse werden zu erdrutschartigen Bewegungen in der amerikanischen Raumfahrtpolitik führen. Und dieser Erdrutsch wird Auswirkungen auf die Pläne in der bemannten Raumfahrt aller anderen Mitspieler auf diesem Feld der Hochtechnologie haben.

Zwischen Mai und August dieses Jahres untersuchte das Review of United States Human Space Flight Plans Committee die Pläne zur bemannten Raumfahrt der Vereinigten Staaten. Nachdem sich mit dem Zungenbrecher niemand so recht anfreunden konnte, wurde es bald nur noch nach seinem Vorsitzenden benannt und als "Augustine Commission" bezeichnet. "Augustine", das ist Norman Augustine, Luft- und Raumfahrtingenieur, Geschäftsmann, Präsidentenberater, Buchautor und Ex-Staatssekretär für Wissenschaftsfragen. Der Mann gilt in den USA als die ultimative Größe für die Beurteilung komplexer Fragenstellungen in Sachen Raumfahrt. US-Präsident Barak Obama beauftragte ihn im Mai eine Roadmap zur Zukunft der bemannten Raumfahrt der Vereinigten Staaten auszuarbeiten.

Norman Augustine; Credit: NASAAugustines 10-köpfiger Gruppe gehören Professoren, Industriemanager und Militärs an. Und zwei ehemalige Astronauten, Leroy Chiao und Sally Ride.

Einer von Augustines Untersuchungsschwerpunkten ist ein Schreckgespenst, das US-Politikern erst in letzter Zeit so richtig bewusst wird: "The Gap": Die Lücke. Die Lücke, die sich zwischen dem Ende des Shuttle-Programms und dem Beginn des nächsten bemannten Raumfahrtvorhabens in den USA, dem Projekt Orion auftut. Mike Griffin, der vormalige NASA-Administrator forderte vom Kongress in immer drastischeren Worten genau das Geld, das Präsident Bush ihm vor Jahren zugesagt hatte, um eben jene seit langem absehbare "Lücke" so klein wie möglich zu halten. Tatsächlich aber war Jahr für Jahr vom Kongress weniger bewilligt worden, als er dafür benötigt hätte. Gegenwärtig hat sich der finanzielle Rückstand schon auf mehr als 20 Milliarden Dollar kumuliert.

Nach Griffins frühesten Plänen aus den Jahren 2004/2005 hätte "The Gap" etwa drei Jahre gedauert. Das Shuttle-Programm wäre danach im Jahre 2010 beendet worden, Projekt Orion hätte die ersten bemannten Flüge 2013 durchführen können. Doch das ist seit langem obsolet.

Griffins Plan, "The Gap" möglichst klein zu halten war folgender: Möglichst sofortiges Ende des Shuttle-Programm, Ausstieg aus dem ISS-Programm und dann alle dann freiwerdenden Geldmittel in das Orion/Ares 1 und Ares 5-Programm zu investieren. Noch unter Griffin wurden eine Reihe von Maßnahmen getroffen, die das Ende des Shuttle-Programms vorbereiten und die nur schwer reversibel sind. Beispielsweise ist die Montagelinie für die Triebwerke und die Außentanks bereits geschlossen. Auch der Shuttle-Triebwerksteststand in Alabama wird schon für andere Zwecke verwendet und die meisten Verträge mit Lieferanten für Ersatzeile sind ausgelaufen ohne verlängert worden zu sein.

Nach den inzwischen revidierten, dennoch aber längst wieder von der Realität überholten doch trotzdem offiziell immer noch gehandelten Plänen endet das Shuttle-Programm weiterhin Mitte nächsten Jahres. Der erste bemannte Flug im Orion-Programm war nun für das Frühjahr 2015 angesetzt. Das hätte bedeutet: "The Gap" dauert fünf Jahre.

Doch auch in diesem Jahr haben die US-Haushaltsplaner (das Office of Management and Budget ) wieder mehr als 3 Milliarden Dollar von den langfristigen Budgetprojektionen der NASA gestrichen. Diese Mittelkürzung war noch im Frühjahr durchgeführt worden, bevor das Augustine-Panel zusammentrat. Allein diese federstrichartige Kürzung brachte weitere 18 Monate Verzögerung ins Programm, wie Augustines Gruppe eindrucksvoll festgestellt hat.

Sehen wir uns zunächst die Auswirkungen von "The Gap", und erste Überlegungen der Augustine-Kommission sie zu schließen, im Hinblick auf das Shuttle-Programm an. Ausgangspunkt ist die Durchführung der restlichen sieben Shuttle-Missionen. Die hat die NASA wie folgt geplant:  

      • STS 128 mit der Raumfähre Discovery, derzeit für den 25. August
      • STS 129 mit der Atlantis am 12. November 2009·        
      • STS 130 mit der Endeavour im Februar 2010·        
      • STS 131 mit der Discovery am 18. März 2010·        
      • STS 132 mit der Atlantis am 14. Mai 2010·        
      • STS 133 am 29. Juli 2010 und
      • STS 134 mit der Discovery am 16. September 2010.

Nach der Mission STS 134 vergehen besagte offiziell bekannten fünf Jahre bis zum ersten operationellen Flug im Orion Programm. Endet das Shuttle-Programm aber nicht wie geplant im Juli 2010 (und das wird es nur dann tun, wenn es zu einem weiteren Unfall kommt) dann verursacht es für jeden Monat das es länger dauert 400 Millionen Dollar an Kosten. Geld, das direkt vom Budget des Exploration Programms weggeht.  

Fünf Jahre, in denen die USA nicht in der Lage sind, die Internationale Raumstation mit eigenen Mitteln zu erreichen. Fünf Jahre in denen - neben den noch sporadischen Flügen der Chinesen - Russland als einzige Nation in der Lage sein wird, bemannte Orbitalflüge durchzuführen.

Um auch nur eine Minimalnutzung der ISS durch die USA durchführen zu können, muss die NASA der russischen Raumfahrtbehörde eine Milliarde Dollar überweisen damit ihre Astronauten gelegentlich in den Sojus-Kapseln mitfliegen dürfen. Und das, nachdem sie zuvor 100 Milliarden Dollar dafür aufgewendet hat, die Raumstation zu wesentlichen Teilen zu finanzieren und zu errichten, und mehrere dutzend immens teurer Shuttle-Flüge zu deren Aufbau und Versorgung durchgeführt hat. Fünf Jahre, in denen sich die erfahrene Belegschaft des bemannten US-Raumfahrtprogramms in alle Winde zerstreuen wird.

Teil 2: Samstag, 22. August

   Astra