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Sojus TMA 11 "Jede Landung, bei der Du die Landestelle zu Fuß verlassen kannst, ist eine gute Landung" (Peggy Whitson, auf die Frage eines Reporters, wie sie ihre Landung mit Sojus TMA 11 am 19. April bewertete). 

Der Orion berichtete bereits am 20. und am 23. April über die dramatische Rückkehr von Sojus TMA 11 aus dem Erdorbit. Inzwischen wurde bekannt, dass sie wesentlich gefährlicher war, als zunächst angenommen. Fest steht: Die Besatzung kam nur um Haaresbreite mit dem Leben davon.

Eine ganze Reihe neuer Fakten erhärten bisherige Vermutungen. Sie stammen zum Teil aus einem CBS News Interview, das Peggy Whitson am 2. Mai gab, zum anderen aus einem ersten NASA-Papier mit der Bezeichnung "15S Ballistic Entry Outbrief", das von George Kafka stammt, dem Leiter des Safety & Mission Assurance Directorate für das ISS-Programm und von Mike Suffredini, dem Chef des Raumstationsprogrammes.

Nachfolgend zunächst Auszüge aus Whitsons Erläuterungen gegenüber CBS. Sie sind lose aneinander gefügt. An zwei Stellen habe ich In Klammern einige kurze Erläuterungen eingefügt, um die Verständlichkeit zu erhöhen. 

  …"Uns (Yuri Malenchenkov und Yi So-yeon) war es nicht sofort klar (dass es zu einer Anomalie gekommen war). Das dauerte einige Minuten. Yuri machte mich darauf aufmerksam, dass die Lageregelung ständig feuerte. Das sollte sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr…

Peggy Whitson; Credit: NASA…als wir dann in der Plasma-Phase waren, bemerkte ich, dass das Plasma von unterhalb meines Sitzes nach oben in Richtung meines Kopfes strömte, was eine korrekte Orientierung andeutete. Aber zuvor, als wir noch mit der Antriebseinheit verbunden waren, war es ein Stampfen und Schlingern gewesen, so dass es unmöglich war, die Raumlage korrekt festzustellen…

…als wir uns schließlich vollständig trennten, stabilisierte sich die Kapsel nach einigem hin- und herpendeln von selbst und ging sofort in den ballistischen Abstiegsmodus über….

 …wir fühlten wie die Lageregelung die Rollbewegung der Kapsel einleitete. 17 Grad pro Sekunde um das Fahrzeug zu stabilisieren…

…die Verzögerungswerte bauten sich rapide auf. Innerhalb von einer Minute zeigte der Beschleunigungsmesser 8,2 g an. Für mindestens eine Minute Dauer. Nach sechs Monaten Schwerelosigkeit ist das eine sehr lange Minute….

…ich fühlte, wie es meine Gesichtshaut nach hinten zog. Das Atmen fiel mir schwer. Ich versuchte mich auf die Zwerchfellatmung zu konzentrieren…

…schließlich wurde es leichter, die Belastung sank auf 4,5 g und verblieb eine Weile auf diesem Wert…

…vor der Landung bemerkten wir Rauch in der Kabine. Frühere Crews hatten uns erzählt, dass es in der Sojus bei der Landung häufig nach Rauch riecht, und sie meinten, das käme vom Plasma. Aber das war nicht nur der Geruch. Als sich der Fallschirm geöffnet hatte, hatten wir noch mehr Rauch in der Kabine und Yuri entschied sich dafür, das Kontrollpanel stillzulegen, weil der Rauch von dahinter zu kommen schien…

…man hatte mir vorher die Sojus-Landung wie einen Autounfall beschrieben, und ziemlich genauso fühlte es sich an. Wir schlugen auf dem Boden auf, sprangen hoch und begannen dann zu rollen. Yuri wartete, bis die Rollbewegung aufhörte, und trennte erst danach den Fallschirm ab…"

Whitsons Bericht enthält noch weitere dramatische Details, und auch einige anekdotische Anmerkungen, beispielsweise wie Yuri Malenchenko den acht Landarbeitern, die zuerst den Landeort erreichten, erklärte, woher sie grade gekommen waren, und die ihm das nicht glauben wollten. 

Eine Bemerkung Peggy Whitsons zeigt im Übrigen ihren besonderen trockenen Humor. Auf die Frage, wie sie die Landung einschätze (auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Sojus-Landungen von allen Kosmonauten durchweg als "sportlich" bezeichnet werden) meinte sie: "Jede Landung, bei der du den Landeort zu Fuß verlassen kannst, ist eine gute Landung".  

Wie hart die Landung war, zeigt die Tatsache, dass die koreanische Gast-Kosmonautin Yi So-yeon, eine gut trainierte junge Frau von 29 Jahren seitdem wegen nicht näher definierter Rückenbeschwerden in ärztliche Behandlung ist, teilweise sogar stationär.

Der Kafka-Bericht bringt die Dramatik fast noch näher, als der Bericht der unerschütterlichen Peggy Whitson. Danach gab es für vierzig Minuten weder im Kontrollzentrum in Moskau noch an der Landestelle irgendwelche Informationen über den Status des Raumfahrzeug oder den Ort an dem es sich befand. Einige glaubten bereits, dass die Crew ums Leben gekommen und das Raumfahrzeug verglüht sei.

Eine Katastrophe konnte nur noch durch die geniale Konstruktion der Sojus verhindert werden, und nicht durch eine Aktion der Crew oder der Leitstelle am Boden.

Im Nominalfall hätte das Orbitalmodul und das Servicemodul genau 32 Minuten nach der Wiedereintrittszündung abgesprengt werden müssen. Die pyrotechnische Vorrichtung, welche das Servicemodul abtrennen sollte, versagte aber teilweise, und das Servicemodul blieb lose mit der Rückkehrkabine verbunden. Als die Crew-Kabine mit dem noch verbundenen Servicemodul in die Erdatmosphäre eintrat, begann die Kombination zunächst wild zu schaukeln, zu schlingern und sich zu überschlagen.

Der nun wirkende atmosphärische Widerstand bewirkte, dass sich die Kombination schließlich stabilisiert, aber statt mit dem Hitzeschild in Flugrichtung zeigte jetzt die Nase der Crew-Kabine nach vorne, mit dem Servicemodul schlenkernd im Schlepptau. In diesem Teil befinden sich neben der Sende- und Empfangsantenne auch die Abdeckungen für das Fallschirmsystem.

Schließlich brach das Servicemodul durch die Gewalt des Gasstromes weg. Die Sojus ist so konstruiert, dass dies unter der aerodynamischen Belastung passiert, wenn die pyrotechnische Trennung versagt hat. Es ist der letzte Rettungsanker im System, und wurde noch nie zuvor unter Einsatzbedingungen genutzt.

(Lesen Sie morgen Teil 2).

Astra