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Sojus TMA 7; Credit: NASA Die Landung von Sojus TMA 11 am vergangenen Samstag verlief offensichtlich noch dramatischer, als zunächst angenommen worden war. Bislang war man davon ausgegangen, dass ein "Bug" in der Steuerungselektronik bewirkt hätte, dass das Raumfahrzeug in den ballistischen Abstiegsmodus überging und die Landung dadurch mehrere hundert Kilometer vor dem vorgesehenen Zielgebiet erfolgte. Schon kurz nach der Landung waren aber Fragen zu den seltsamen Begleitumständen aufgetaucht. So mussten sich die russischen Offiziellen fragen lassen, warum der Funkkontakt mit der Sojus schon so früh abriss und vor allem in der fallschirmgestützten Landephase vor dem Aufsetzen keinerlei Funkkontakt mit dem Raumfahrzeug bestand.

Die bisherigen Informationen stammen teilweise von noch von unbestätigten Quellen, und müssen erst verifiziert werden. Sie basieren aber auch auf den völlig glaubwürdigen Schilderungen der Astronautin Peggy Whitson und des NASA-Chefs für bemannte Raumfahrt, Bill Gerstenmaier.

Sojus Schema; Credit: NASA MSFCEs darf als sicher angesehen werden, dass es pures Glück war, dass die Besatzung diesen Wiedereintritt nicht nur überlebte, sondern auch unverletzt blieb. Die Landung hätte durchaus im Desaster enden können. Die Nachrichtenagentur Interfax traf es mit ihrer Bemerkung wohl am Besten: Es stand auf des Messers Schneide.  

Passiert war - so zeichnet es sich ab - keineswegs ein simples Softwareproblem und das darauffolgende automatische Übergehen in den Sicherheitsmodus. Vielmehr scheint es so zu sein, dass sich das Servicemodul nicht wie vorgesehen vom Landemodul löste. Service- und Landemodul waren noch miteinander verbunden als die Sojus auf die Erdatmosphäre traf. Das Lagekontrollsystem der Kapsel war nicht in der Lage, die Raumlage der Kombination exakt auszurichten. Der erste Aufprall auf die dichteren Luftschiften erfolgte offensichtlich seitlich. Die Kombination geriet in wilde Schlingerbewegungen, in denen die immer noch miteinander verundenen Vehikel auf der Suche nach dem gemeinsamen Schwerpunkt waren. In dieser Phase dürfte die Kommunikationsantenne weggeschmolzen sein. Auch das Druckausgleichsventil wurde beschädigt und die Ausstiegsluke wurde der Hitze des Wiedereintritts ausgesetzt. Sie ist zwar, wie die ganze Oberseite der Kapsel, mit hitzeabweisendem Material belegt, dies ist hier aber wesentlich dünner als unten am Schild.

Direkt neben der Ausstiegsluke befindet sich auch der Fallschirmcontainer. Wenn es an dieser Stelle zu einem Durchschmelzen, oder auch nur zu einem Verkleben durch Verschweißung gekommen ware, dann wäre das Schicksal der Besatzung besiegelt gewesen.

Schließlich brach das Servicemodul aufgrund der zunehmenden dynamischen und thermischen Belastung weg, was es dem Abstiegsmodul erlaubte, nach weiteren  Pendelbewegungen die normale Abstiegslage mit dem Hitzeschild nach unten einzunehmen. Was dann kam war der "normale" ballistische Abstieg.

Dazu erläuterte Peggy Whitson in einem ersten NASA-Interview: "Auf der Anzeige standen 8.2 G und das war ziemlich heftig. Ein derartiger Andruck ist nicht gerade das was man nach einem halben Jahr im Orbit ohne weiteres wegsteckt. Der Schirm entfaltete sich dann normal und der Aufschlag war nicht ganz so schlimm, wie ich erwartet hatte".  

Sojus Module Separation; Credit: NASADie Trennung der Sojus-Module beschrieb sie ganz cool als "ein wenig dramatischer als ich angenommen hatte".

Bereits bei Sojus TMA-10 scheint es, wie jetzt bekannt wird, Probleme mit der Trennung von Lande- und Servicemodul gegeben. Damit ergibt sich die Frage nach den Qualitätskontroll-Standards in Russland und der Zuverlässigkeit des Raumfahrzeugs generell. Womöglich ist der gleiche Fehler auch in Sojus TMA-12 versteckt, das sich derzeit angedockt an der Station befindet. Sollten die Fertigungsunterlagen das belegen, dann wird die russische Raumfahrtbehörde einen Austausch der Raumfahrzeuge vornehmen müssen.

Die Crew spürte den unnormalen Landevorgang sehr deutlich, denn die Kapsel schlingerte, stampfte und taumelte und die Besatzung wurde in den Sitzen hin und her geworfen.

Bill Gerstenmaier, NASA-Chef für bemannte Raumfahrt sagte dazu lakonisch "They felt a general kind of jostling….and some off-nominal motion… in their seats that they had not felt before and that was prior to the initiation of the ballistic mode on the spacecraft and after the separation. During that period of time they physically felt some off-nominal motion in the spacecraft."

Die Entfaltung des Fallschirm und der weitere Abstieg verliefen weitgehend normal. Es war jedoch kein Funkkontakt möglich, weil die Kommunikationsantenne bei dem wilden Manöver zum Beginn des Wiedereintritts abgeschmolzen war. Die Landung erfolgte außerhalb der Kontaktzone der Bergungskräfte. Zu allem Überfluss gab es genau an der Landestelle auch noch ein kleines Buschfeuer, das Anwohner angelegt hatten, um Felder abzubrennen. Das Raumfahrzeug kam auch nicht aufrecht auf, sondern kippte zur Seite. Das ist bei der Sojus allerdings nicht ungewöhnlich, und geschieht  bei etwa 50 % aller Landungen.

Sojus Kapsel landet (Andromede); Credit: ESAMalenchenko, Peggy Whitson und So-Yeon Yi wurden - von den Rettungskräften war weit und breit nichts zu sehen - von Anwohnern aus der Gegend begrüßt. Malenchenko, Whitson und Yeon Yi konnten sich mit Hilfe der Anwohner aus Kapsel befreien.

Peggy Whitson erzählte: "Es waren nicht die Leute vom Bergungsteam, die uns aus der Kapsel halfen, es waren ein paar Leute die grade vorbeikamen und zu uns hergefahren sind.. Die haben uns herausgeholfen. Und dann haben wir einfach auf das Bergungsteam gewartet".

Auch diese Angaben weichen von den offiziellen Statements am Landetag ab.

Malenchenko, als russischer Staatsangestellter, hielt sich mit seinen Kommentaren etwas bedeckter. Er sagte "Nun, es war interessant. Ja, interessant ist wohl die richtige Beschreibung. Es fühlte sich an wie in einem Karussell."

In einem normalen, gesteuerten Wiedereintritt wird beim Abstieg durch die Erdatmosphäre die Lage der Rückkehrkapsel so geregelt, dass ein flacherer und weniger harter Abstieg erfolgt. Die Kapsel wird in diesem Fall über alle drei Achsen lagegeregelt und bewegt sich nur unmerklich. Die Belastung für die Crew übersteigt in diesem Fall 3,5 g nicht.

Bei einer ballistischen Abstiegsbahn, welche die Kapsel aufgrund ihrer Schwerpunktlage automatisch einnimmt, rotiert die Kapsel aus Stabilitätsgründen. Die Crew kann in diesem Fall unter sehr ungünstigen Umständen Verzögerungsspitzen bis 10 g erleben. Belastungen zwischen 8,0 und 8,5 g sind für bis zu eine Minute Dauer normal, eine enorme physische Belastung selbst für eine trainierte Crew und mehr noch für eine Besatzung die zuvor ein halbes Jahr in der Schwerelosigkeit zugebracht hat.

Einen Bericht mit weiteren Ergebnissen finden Sie hier  

Astra